Unterengstringen

«Scarfuso’s Figurentheater» — ein Puppentheater für Erwachsene

Wenn Marionetten zu Mahler tanzen: In «Scarfuso’s Figurentheater» spielen Hans-Jörg Raaflaub und Werner Isenring in Unterengstringen Puppentheater für Erwachsene.

«Wenn wir die Figuren in die Hand nehmen und bewegen, fangen sie richtig an zu leben», sagt Hans-Jörg Raaflaub. Seit 32 Jahren baut er Marionetten und zieht mit Leidenschaft ihre Fäden. «Alle Puppen haben eigene Charaktere», sagt der Berner bei einem Besuch in «Scarfuso’s Figurentheater». Seit 2015 führt Raaflaub zusammen mit seinem Partner, dem Stadtzürcher Werner Isenring, das Theater an der oberen Hönggerstrasse in Unterengstringen.

Der Spieler gebe die Impulse, aber die Marionetten machten teilweise, was sie wollen und könnten auch zickig sein, sagt Raaflaub und holt den traurigen Clown Scarletto hervor, der zum sanften Geigenspiel ansetzt. «Wie ein Musiker und sein Instrument muss man eins werden mit der Puppe.» Ganz anders wirkt Raaflaub mit dem kecken Kasperli-Krokodil oder der selbstbewussten Prostituierten Jenny aus der «Dreigroschenoper» in der Hand. Spielend wechselt der 66-Jährige von Rolle zu Rolle. In seinen leuchtenden Augen ist die Freude an jeder der Puppen sichtbar. Unzählige Figuren aus den letzten Jahrzehnten füllen den Dachstock und warten darauf, wieder mal die Bühne zu erobern. «Ich habe meine Lieblinge und fühle mich mit einigen Puppen enger verbunden, aber sie sind alle meine Kinder», sagt er.

Die Bühne befindet sich eine Etage tiefer. Neben dem Theaterbereich mit verschiedenen Scheinwerfern und Platz für gut 30 Stühle, befindet sich das Atelier, wo Raaflaub an neuen Figuren tüftelt. In einer Ecke hat Isenring sein Treuhand-Büro eingerichtet. Dass die beiden in Unterengstringen gelandet sind, ist dem Zufall zu verdanken. Als Isenring 2014 sein Haus in Höngg verkaufte und ein neues Zuhause suchte, wurde er in Unterengstringen fündig. Ein Jahr später fand er in unmittelbarer Nähe die zweistöckige Bürofläche unter dem Dach. «Als ich den Raum zum ersten Mal betrat, dachte ich nur: Wow!», sagt Raaflaub, der mittlerweile von Bern zu Isenring nach Unterengstringen gezogen ist. Die beiden fühlen sich wohl im Dorf, es sei ruhig, aber nicht ab vom Schuss.

Vorschau auf das neue Stück  «Das Lied der Erde»  mit Musik von Gustav Mahler

Vorschau auf das neue Stück «Das Lied der Erde» mit Musik von Gustav Mahler

Harmonie ist wichtig für das Zusammenspiel

Die Unabhängigkeit und das Theater vor der eigenen Haustür seien sehr praktisch, sagt der 69-jährige Isenring. «Wenn wir spontan Lust haben, können wir am Abend proben gehen.» Damit die Bewegungen auf der Bühne fliessen und ineinandergreifen, müssen beide gut harmonieren. Denn zwischen den Grundchoreografien bleibt viel Spielraum für Improvisation. Auch abseits der Bühne ergänzen die beiden sich gut. «Ich bin eher emotional und nervös, er ist geerdet und ruhig», sagt Raaflaub. Da verwundert es nicht, dass er die kreative Triebfeder im Duo ist, während Isenring sich neben dem Spiel um die Technik kümmert und Computer-Arbeiten übernimmt.

Die Bühne ist nicht fest installiert, sondern eine Leihgabe der Marionettenbühne Unterengstringen. Sie ist derzeit aufgebaut, weil vom 15. bis 17. November der nächste Auftritt ansteht. Raaflaub hat «Das Lied von der Erde» von Gustav Mahler als Marionettenspiel adaptiert – ergänzt mit Gedichten von Hermann Hesse. Marionettenspiel ist also keineswegs nur für Kinder. «Mich reizt die Kunst am meisten, wenn es inhaltlich am schwersten wird», sagt Raaflaub. Auf der Bühne werden er und sein Partner auch jeweils zu Protagonisten. Denn sie spielen immer offen und nicht mit Guckkasten, wie es von vielen Marionettenbühnen bekannt ist.

In Unterengstringen erstmals sesshaft geworden

Mit «Scarfuso’s Figurentheater» ist der seit letztem Jahr pensionierte Raaflaub künstlerisch erstmals sesshaft geworfen. Viele Jahre sei er mit seinem Bruder, mit dem er 31 Jahre in Bern einen Coiffeur-Salon führte, viel «rumgetingelt». Theater sei schon als Kind seine Welt gewesen, erinnert er sich. Über Kasperli-Theater sei dann auch die Begeisterung fürs Marionettenspiel gewachsen. Er besuchte aber nie eine Theaterschule, sondern brachte sich den Bau der Figuren und das Spiel selbst bei. Beim Erschaffen neuer Figuren setzt Raaflaub stark auf seine Intuition: «Oft fange ich einfach mal an und schaue, was passiert. Ich muss mich dem Modellieren hingeben, mich leiten lassen», sagt er. Manchmal würden Ideen in ihm herumschwirren, die er wieder zur Seite lege, weil sie erst später reif werden. «Die Figuren erhalten immer wieder Züge von Verwandten und Freunden», sagt Isenring. Bei allem, was er mache, stecke auch immer ein Teil von ihm selbst drin, ergänzt Raaflaub.

Isenring wirkte 2011 als Quereinsteiger erstmals bei einem Stück mit. Den leidenschaftlichen Sänger, der bis heute in Chören aktiv ist und auch schon als Solist auftrat, faszinierte die schöne Musik. Er wollte früher mal Opernsänger werden. Doch das habe Gott sei Dank nicht geklappt, denn das Business sei sehr hart, sagt er und lacht. In den letzten acht Jahren hat er von Raaflaub das Handwerk gelernt und ist mit voller Leidenschaft dabei. «Werner ist ein toller Partner fürs Theater. Er hat ein grosses Gespür dafür», sagt Raaflaub.

Obwohl die Vorbereitungen für «Das Lied von der Erde» noch voll am Laufen sind, hat Raaflaub bereits viele Ideen für weitere Stücke. Für nächstes Jahr plant er mit seinem Partner Isenring das vielsagende «Burlesque meets Brecht» mit Figuren aus der Dreigroschenoper. Weiter in Vorbereitung ist ein Kasperli-Theaterstück für Erwachsene. Für ihn ist klar: «Wenn man nicht immer in Bewegung bleibt, rostet die Kunst ein.»

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