«Glauben Sie, mir diese drei Farbtöne beschaffen zu können, Monsieur Sax?», fragt Winston Churchill. Willy Sax, der inzwischen alle Nervosität abgelegt hat, antwortet: «Sie sollen sie in drei Wochen in Chartwell haben, Mr. Churchill». Sax wird in einer Suite des Grand Hotel Dolder empfangen. Es ist der 19. September 1946 und der Englische Kriegssieger ist gerade auf Staatsbesuch, als er in einem Zürcher Malergeschäft seinen Farbvorrat mit Sax-Farben auffüllen will. Später nennt Willy Sax ein speziell für den Staatsmann gemischtes Königsblau nach seinem berühmten Freund «Churchill-Blau». In Willy Sax' Buch «Farben für Churchills Leinwand» lassen sich die Geschehnisse jenes Tages nachlesen.

Befreundet mit Hesse und Amiet

Es war Churchills ausdrücklicher Wunsch den Mann zu treffen, der die Ölfarben für seine Bilder herstellt. Nachdem sie sich in Zürich begegneten, entwickelte sich eine lange Freundschaft zwischen dem Schweizer Farbfabrikanten und dem englischen Staatsmann. Sax belieferte Churchill mit guten Tempera-Farben, dieser lud seinen Freund dafür nach England und an die französische Riviera ein. Oft mit dabei auf diesen Künstlerreisen war der Schweizer Maler Cuno Amiet. Zu ihm, wie auch zu weiteren berühmten Künstlern, unterhielt Willy Sax Freundschaften über das Geschäft hinaus. Er tüftelte am Kardinalsrot des Schweizer Avantgarde-Malers Richard Paul Lohse, belieferte Hans Falk und machte durch Amiet Hermann Hesses Bekanntschaft.

«Das waren andere Beziehungen», sagt André Sax, Enkel von Willy Sax und heutiger Geschäftsleiter der Firma. Bevor die Zeit der grossen Heimwerker-Discounter angebrochen sei, hätten mehr Maler persönliche Beratung und qualitativ hochwertige Farbe geschätzt. Noch heute liefert die Sax-Farben AG Ölfarbe für die Leinwand nur frisch ab Fabrik - direkt abgeholt oder ausgeliefert. Manche Maler beziehen die Pigmente in Pulverform oder kreieren die nuancierten Farbtöne in Zusammenarbeit mit den Urdorfer Farbspezialisten. Schweizweit ist Sax-Farben heute die einzige Produzentin von Ölfarben für Künstler.

Kerngeschäft: Baumalerfarben

Farbverschmierte Container stehen herum, hinter hohen Holzfenstern betrachtet eine Mitarbeiterin eine Farbtafel. Sie trägt einen weissen Laborantenkittel, Handschuhe und Hygienehaube. Hinter den Holzfenstern befindet das Forschungslabor der Firma. Unter der Ägide von André Sax' Mutter Maya wurde der Standort Urdorf um die hauseigene Farbküche erweitert. Darin entwickelten die Sax-Forscher unter anderem das Rezept für das international patentierte Hydrosil. Hydrosil ist Teil der Sax'schen Palette von Baufarben, die das eigentliche Kerngeschäft der Firma darstellen. Mit ihnen begann Jakob Sax 1889 in Basel zu handeln, und Ölfarben für Fassaden und Innenwände waren auch die ersten Erzeugnisse aus Eigenproduktion. Auch als in den 50er-Jahren synthetische Dispersionen zur neuen Wunderfarbe erklärt wurden, hielt die Sax-Farben AG an ihren anorganischen und mineralischen Farben fest. Nicht vollständig auf den schnell beschleunigenden Dispersionszug aufzuspringen, sei damals die richtige Entscheidung gewesen, sagen Maya und André Sax heute unisono. Nicht nur würden sich traditionelle Farbsysteme heute wieder als beständiger erweisen, auch verdanke die Firma ihren exklusiven Ruf den bewährten Rezepten für Öl- und Mineralfarben.

Farbe für Flugpisten und Bunker

Diese Spezialisierung hielt die Firma auch in stürmischen Zeiten auf Kurs. Einst produzierten über 100 Farbfabriken in der Schweiz. Überlebt haben bis heute 20. Ein Teil davon verschwand im Schlund grosser Konzerne aus In- und Ausland; Farbmultis wie Swiss Lack kauften die Fabriken oft zunächst auf und später gewinnbringend weiter. Billige Farbimporte aus dem Ausland hätten zudem manchen Hersteller ruiniert. «Auch wir kriegen heute weniger fürs Kilo als vor dreissig Jahren», sagt André Sax. Der exklusive Export nach Finnland, Deutschland und Italien stehe trotz Frankenstärke robust da, die dortigen Kunden wollten die Marke Sax. Unter dem Strich laufe das Geschäft stabil, wenn auch auf tieferem Niveau, so André Sax.

Zu wirtschaftlichen Höhenflügen setzte die Farbenfabrik während des zweiten Weltkriegs an. Neben den Flugpisten in Dübendorf wurde unter anderem auch die Bunkeranlage in der Bergfestung um Sargans mit ihren Mineralfarben gestrichen. Auf eine Baisse in der Nachkriegszeit folgte bis zum Ende des Baubooms der 70er-Jahre eine goldene Ära. Seither wurde der Standort Urdorf mehrmals um- und ausgebaut, die Farbpalette stetig verfeinert. Vor zehn Jahren brannte das ursprüngliche Fabrikgebäude vollständig nieder. An seiner Stelle steht heute ein moderner Metallbau, wo Sax-Experten Schulungen für Architekten, Malerklassen oder Denkmalpfleger durchführen. Auch digital geht die Sax-Farben AG mit der Zeit: Sie unterhält einen Farb-Blog und mittels Sax-App können Smartphonebesitzer Häuser fotografieren und virtuell einfärben. Sir Winston Churchill würde hierzu sagen: «Die Menschheit ist zu weit vorwärts gegangen, um sich zurückzuwenden und bewegt sich zu rasch, um anzuhalten.»