Konzernverantwortungsinitiative

Saubere Ethik oder guter Standort? Andreas Geistlich und Dietrich Pestalozzi diskutieren über KVI

Streitgespräch zwischen den beiden Unternehmern Andreas Geistlich, links, und Dietrich Pestalozzi zur Konzernverantwortungsinitiative.

Streitgespräch zwischen den beiden Unternehmern Andreas Geistlich, links, und Dietrich Pestalozzi zur Konzernverantwortungsinitiative.

Hitzige Diskussion über Ethik, Wirtschaft und Recht: Andreas Geistlich und Dietrich Pestalozzi vertreten gegenseitige Positionen zur Konzernverantwortungsinitiative, über die das Stimmvolk am 29. November entscheidet.

Seit Jahren wehen die orangenen Fahnen auf Balkonen und in Gärten. Sie werben für die Konzernverantwortungsinitiative, über die das Schweizer Stimmvolk am 29. November abstimmt. Das Anliegen sorgt auch in Wirtschaftskreisen teilweise für gegenseitige Positionen. So auch bei den Limmattaler Unternehmern Dietrich Pestalozzi und Andreas Geistlich, die seit Jahren befreundet sind. Für den Schlieremer Geistlich, Verwaltungsratspräsident der Ed. Geistlich Söhne AG und FDP-Kantonsrat, ist klar, dass die ­Initiative abgelehnt werden muss. Der parteilose Dietiker Pestalozzi, der bis Ende Juni Verwaltungsratspräsident der Pestalozzi AG war, engagiert sich dagegen im Ja-Komitee für eine An­nahme.

Wie begründen Sie Ihre Position zur Konzernverantwortungs­initiative in wenigen Worten?

Andreas Geistlich: Diese Initiative muss man ablehnen, weil sie den internationalen Trend zu mehr globaler Verantwortung in der Schweiz aufgrund weniger Einzelfälle übersteigert. Das führt zu einem Alleingang der Schweiz, der schlecht für unseren Standort und unsere Wettbewerbsfähigkeit ist.

Dietrich Pestalozzi: Die Initiative verhindert, dass Menschen im ausländischen Umfeld von Schweizer Konzernen krank werden oder ihre Lebensgrundlage verlieren. Als Konzern soll man dank der Initiative geradestehen für den Schaden, den die Tochterfirma im Ausland verursacht hat.

Wie vereinbaren Unternehmer Freiheit und unternehmerische Verantwortung?

Geistlich: Bereits 99 Prozent der Unternehmer nehmen ihre Verantwortung wahr. Es ist nicht sinnvoll, die Verfassung aufgrund von Einzelfällen zu ändern. Das ist nicht nötig. Man muss Augenmass halten. Wir haben grösstenteils verantwortungsvolle Unternehmen. Gute Mitarbeiter wollen heute nur noch in Unternehmen arbeiten, die ­verantwortungsvoll handeln. Man soll nicht eine gesellschaftliche Verantwortung erzwingen.

Pestalozzi: Eigenverantwortung finde ich auch wichtig. Nicht nur Mitarbeitende, auch Aktionäre und Konsumenten üben bereits Druck auf die Unternehmen aus. Doch leider sind es nicht 99, sondern deutlich unter 50 Prozent der Unternehmen, die sich um die Sorgfaltsprüfung im Ausland bemühen. In Deutschland zeigte eine Studie, dass die Sorgfaltsprüfung nur bei rund 15 Prozent freiwillig durchgeführt wurde.

Sorgfaltsprüfung und Menschenrechte sind wichtige, aber herausfordernde Forderungen.

Geistlich: Die Umsetzung der Sorgfaltsprüfung ist ein aufwendiger Prozess, der Personal und Ressourcen braucht. So geraten KMUs unter Druck und am Ende werden Konzernstrukturen sogar noch gefördert. Das ist doch verrückt! Es gibt auch viele Firmen, die betroffenen Unternehmen zuliefern. Als Bestandteil der Lieferkette kommen diese nun auch in den Sog der Sorgfaltsprüfung. Gegen einen solchen administrativen Aufwand wehre ich mich.

Pestalozzi: Aber diesen Aufwand gibt es bereits heute. Bei einem unserer Lieferanten müssen die Zulieferer einen Vertrag unterschreiben, dass sie sich entsprechend den Menschenrechten verhalten und gegen Korruption einsetzen.

Geistlich: Woher kommt dein Material?

Pestalozzi: Aus der Schweiz und aus dem Ausland.

Geistlich: Dann bist du ja auch direkt von der Umsetzung betroffen.

Pestalozzi: Ja natürlich. Wir haben beispielsweise einen Aluminium-Lieferanten aus Griechenland. Da er ein grösserer Lieferant ist, ging ich ihn besuchen. Vorgängig füllte er eine Umfrage bezüglich Einhaltung der Menschenrechte aus. Er erstellte sogar einen Bericht zur Nachhaltigkeit und Einhaltung der Menschenrechte. Das war vorbildlich. Da wir sowieso mit den Lieferanten reden, können wir grundsätzlich weitere Punkte wie die Einhaltung der Menschenrechte und Umweltstandards besprechen. Das lässt sich problemlos einrichten. So müssen die Importeure aus der Schweiz vorgehen, die risikobehaftete Materialien importieren.

Geht es also darum, ob man Moral oder Wirtschaft höher gewichtet?

Pestalozzi: Es geht um die Einhaltung grundlegender Menschenrechte und Umweltstandards. Das ist doch nicht zu viel verlangt. Wenn wir das nicht haben, macht jeder, was er will und das wollen wir nicht.

Geistlich: Ich bin verantwortungsbewusst und ich mache, was in meiner Möglichkeit steht, richtig. Ethik kann man nicht mit einem internationalen Alleingang erzwingen.

Zwingen könnte man die Unternehmen, wenn Schweizer Gerichte auch über den Schaden eines Schweizer Tochterunternehmens im Ausland urteilen könnten.

Geistlich: Man kann bereits vor Ort klagen, das ist richtig so. Diese Länder haben eine eigenständige Rechtsprechung, da soll sich die Schweiz heraushalten.

Pestalozzi: Es ist der primäre Weg, dass die Leute im Land selbst versuchen, Schadenersatz zu erhalten. Aber das ist nicht immer möglich. Beispielsweise verursachte Lafarge Africa, ein Tochterbetrieb von Lafarge Holcim, in Nigeria sehr viel Zementstaub. Die Leute waren bereits vor der Fusion von Lafarge mit Holcim stark beeinträchtigt, da die Erde vom Staub verhärtet wurde. Dann ging es darum, dass man die Leute entschädigt. Die Nigerianer klagten lokal auf Schadenersatz. Doch der Richter verschleppte das Dossier und sagte schliesslich, die Männer und Frauen seien nicht klageberechtigt. Wie sollen diese Leute nun jemals zu Recht kommen. Es geht hier ja nicht um Schweizer Standards, sondern darum, dass internationale Menschenrechte und Umweltstandards durchgesetzt werden.

Geistlich: Es ist nicht in Ordnung, wenn die Rechtsprechung nicht funktioniert. Das stimmt. Aber stellen wir uns vor, dass in Nigeria zwei Unternehmen nebeneinanderstehen: eines aus der Schweiz und eines aus China. Der schweizerische Konzern soll bei einer mangelnden Rechtsprechung im Ausland haftbar gemacht werden können und der chinesische nicht? Das kann ich nicht verstehen. Wenn sich daraufhin das Schweizer Unternehmen wegen diesem Risiko zurückzieht, haben die Leute in Nigeria auch nichts gewonnen.

Pestalozzi: Aber sollen wir unseren Wohlstand darauf aufbauen, dass die Leute in diesen Ländern krank werden?

Lehnt das Stimmvolk die Initiative am 29. November ab, tritt automatisch der indirekte Gegenvorschlag des Parlaments in Kraft. Was halten Sie davon?

Geistlich: Das bestechende am Gegenvorschlag ist, dass wir damit auf Augenhöhe mit den umliegenden Ländern sind. Er löst wohl auch eine gewisse Bürokratie aus, aber er führt wenigstens nicht zu einer Ungleichheit zwischen der Schweiz und den umliegenden Ländern. Ich stehe hinter dem Gegenvorschlag.

Pestalozzi: Der Gegenvorschlag wurde stark an die Vorgaben der EU angepasst. Aber er reicht nicht, denn er beinhaltet keine Haftung. Haftung bedeutet: geradestehen für einen «Mist», den man anstellte. Das ist etwas Selbstverständliches. In einer Untersuchung stellte man fest, dass die Berichterstattungspflicht, wie sie im Vorschlag verlangt wird, Menschenrechtsverletzungen im Ausland noch nicht verhindert. Berichterstattung löst das Problem nicht und macht keinen angerichteten Schaden wieder gut. Ohne Haftung ist der Gegenvorschlag zahnlos.

Die Initiative beinhaltet viele anspruchsvolle rechtliche und technische Details. Trotzdem findet sie Anklang in der Bevölkerung. Wie erklären Sie sich das?

Geistlich: Es besteht ein Trend hin zu bewussterem und verantwortungsvollem Leben. Es ist aber auch ein hochemotionales Thema, das seit Jahren professionell bewirtschaftet wird von den NGOs, die dahinterstehen.

Pestalozzi: Die Leute merken auch in der Schweiz, dass man nicht nur globalisieren kann, sondern dabei auch eine Verantwortung hat. Es sind die emotionalen Bilder, die den Leuten nahe gehen. Die Schweizer sind oft bereit, sich zu engagieren, wenn es um eine humanitäre Krise geht.

Was braucht es nun in den letzten Tagen vor der Abstimmung, um die Bevölkerung zu überzeugen?

Pestalozzi: Die meisten haben ihre Meinung schon gebildet. Das Wichtigste ist, dass man nun abstimmen geht.

Geistlich: Ich denke nicht, dass sich die meisten schon eine Meinung gebildet haben. Es ist eine komplexe Materie. Nur wer sich intensiv damit auseinandersetzt, merkt, dass der Teufel im Detail steckt. Man muss nun weiter die Stimmbürger darauf aufmerksam machen, was die Konsequenzen der Initiative sind.

Der Erfahrene

Dietrich Pestalozzi (71) war bis Ende Juni Verwaltungsratspräsident der Pestalozzi AG mit Sitz in Dietikon. Das Unternehmen beliefert Baustellen und Werkstätten mit Stahl-, Metall- und Kunststoffprodukten und beschäftigt gut 300 Mitarbeiter an zwei Hauptstandorten. Pestalozzi leitete das Familienunternehmen bis 2014 und sass über 40 Jahre im Verwaltungsrat. Er ist überdies Co-Präsident des Wirtschaftskomitees für verantwortungsvolle Unternehmen, in dem sich über 300 unternehmerisch tätige Personen für ein Ja zur Initiative engagieren.

Dietrich Pestalozzi (71) war bis Ende Juni Verwaltungsratspräsident der Pestalozzi AG mit Sitz in Dietikon. Das Unternehmen beliefert Baustellen und Werkstätten mit Stahl-, Metall- und Kunststoffprodukten und beschäftigt gut 300 Mitarbeiter an zwei Hauptstandorten. Pestalozzi leitete das Familienunternehmen bis 2014 und sass über 40 Jahre im Verwaltungsrat. Er ist überdies Co-Präsident des Wirtschaftskomitees für verantwortungsvolle Unternehmen, in dem sich über 300 unternehmerisch tätige Personen für ein Ja zur Initiative engagieren.

Der Vielseitige

Andreas Geistlich (58) ist Unternehmer und arbeitet in der traditionsreichen Familienaktiengesellschaft Ed. Geistlich Söhne AG, wo er seit 2007 auch als Verwaltungsratspräsident amtet. Er sitzt für die FDP im Zürcher Kantonsrat, ist Vorstandsmitglied der Zürcher Handelskammer sowie Präsident der Wirtschaftskammer Schlieren und des Vereins Start Smart Schlieren (Technologie- und Jungunternehmerzentrum).

Andreas Geistlich (58) ist Unternehmer und arbeitet in der traditionsreichen Familienaktiengesellschaft Ed. Geistlich Söhne AG, wo er seit 2007 auch als Verwaltungsratspräsident amtet. Er sitzt für die FDP im Zürcher Kantonsrat, ist Vorstandsmitglied der Zürcher Handelskammer sowie Präsident der Wirtschaftskammer Schlieren und des Vereins Start Smart Schlieren (Technologie- und Jungunternehmerzentrum).

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