Überschuss
Sandwiches und Brote sollen nicht mehr im Abfall landen

Die Autorin Hélène Vuille und Kantonsrat Josef Wiederkehr fordern, dass Migros, Coop und Co. Esswaren an Bedürftige abgeben, statt sie wegzuwerfen.

Florian Niedermann
Drucken
Die Birmensdorfer Autorin Hélène Vuille will, dass Grossisten überschüssige Tagesfrischprodukte an gemeinnützige Organisationen abgeben.fni

Die Birmensdorfer Autorin Hélène Vuille will, dass Grossisten überschüssige Tagesfrischprodukte an gemeinnützige Organisationen abgeben.fni

Die Schweizer Grossisten entsorgen Tagesfrischprodukte wie Brote, Patisserie, Sandwiches oder Salatportionen nach Ladenschluss täglich im Abfall. Dies soll ihnen nun verboten werden. Die Birmensdorfer Autorin Hélène Vuille will, dass die Gesetzgebung so angepasst wird, dass Migros, Coop, Aldi, Lidl und andere Grosshändler diese Produkte an durch den Bund zertifizierte gemeinnützige Organisationen und Sozialhilfebezüger abgeben müssen. «Es kann nicht sein, dass täglich tonnenweise Esswaren weggeworfen werden, die Tausende von Menschen in diesem Land mit Handkuss annehmen würden», sagt Vuille.

Verschwendung: Haushalte sind Spitze

Rund 320 Gramm Lebensmittel wirft jeder Schweizer täglich weg. Dies geht aus einem Bericht des Vereins foodwaste.ch hervor, der in Kooperation mit dem WWF letzten Oktober veröffentlicht wurde. Die Autoren kommen zum Schluss, dass ein Drittel der für den Schweizer Konsum produzierten Lebensmittel entlang der ganzen Lebensmittelkette verloren geht. Dies entspricht einer Menge von rund zwei Millionen Tonnen einwandfreier Lebensmittel,die jedes Jahr weggeworfen werden. Spitzenreiter sind die Haushalte , die fast die Hälfte (45%) aller Verluste verursachen. Weitere 30Prozent gehen auf das Konto der Verarbeitungsindustrie. Bei den Detailhändlern liegt der Wert bei fünf Prozent. (zim)

Kanton soll sich Gedanken machen

Für ihre Idee weibelte sie auf politischer Ebene jahrelang ohne Erfolg. Nun fand sie im Dietiker CVP-Kantonsrat Josef Wiederkehr einen Mitstreiter. In einer Anfrage an den Regierungsrat will er in Erfahrung bringen, wie dieser zu Vuilles Idee steht. Ausserdem soll er mögliche Alternativen zu einer Gesetzesänderung nennen, mit denen man die Grosshändler auf kantonaler Ebene dazu bringen könnte, ihre Lebensmittel an zertifizierte Organisationen abzugeben, wie Wiederkehr erklärt: «Der Weg zu einer Gesetzesänderung ist sehr beschwerlich. Falls man im Kanton eine Lösung finden würde, gäbe es im Rest der Schweiz sicher einen Nachahmereffekt.» Falls der Regierungsrat keine Möglichkeit für eine kantonale Regelung sieht, wird sich Wiederkehr auch für eine Gesetzesänderung auf Bundesebene einsetzen. «Ich würde mein Netzwerk nutzen, um National- oder Ständeräte dafür zu gewinnen, das Thema auf den Tisch zu bringen», sagt er. Andere Alternativen wären eine Stände- oder eine Volksinitiative.

Vuille betreibt derweil Lobbyarbeit. «Ich bin keine Politikerin, sondern eine Brückenbauerin», sagt sie. Mit unzähligen Briefwechseln versuche sie einflussreiche Mitstreiter zu finden, die sie auch dabei unterstützen würden, eine gesamtschweizerische Lösung für ihr Anliegen zu erwirken, falls Wiederkehrs Anfrage zu keiner Lösung führt. Und ihre Anstrengungen tragen erste Früchte. So sprach etwa Max Elmiger, Leiter der Caritas Zürich, bereits seine Unterstützung zu.

Zweimal pro Woche Fronarbeit

Seit 1998 fährt Vuille, die mit ihrem Mann im Birmensdorfer Sternenquartier lebt, mindestens zweimal pro Woche zur Migros Wiedikon, um Esswaren abzuholen, und bringt sie einem Obdachlosen-Heim im Zürcher Kreis 4. Dies, nachdem sie eines Abends beobachten musste, wie Angestellte kiloweise Tagesfrischprodukte in eine Mülltonne entsorgten. Nach einer längeren Diskussion erklärte sich der Filialleiter bereit, die Lebensmittel abzugeben. Allerdings nur, wenn sie sie selbst abholt. Aus den Begegnungen mit den Bewohnern des Heims und deren Geschichten ist ein Buch mit dem Titel «Im Himmel gestrandet» entstanden, das seit Ende 2012 im Buchhandel erhältlich ist (die az Limmattaler Zeitung berichtete).

Mit ihrer gemeinnützigen Arbeit begann für Vuille auch ein politischer Kampf, der lange Zeit nicht von Erfolg gekrönt war. Die 59-Jährige wollte erreichen, dass auf nationaler Ebene gesetzlich verankert wird, dass Grossverteiler ihre Tagesfrischprodukte nicht mehr entsorgen dürfen, sondern an lizenzierte karitative Organisationen und Sozialhilfeempfänger mit entsprechendem Ausweis abgeben müssen. Bereits im Jahr 2008 richtete Vuille sich in Briefen an verschiedene Kantons-, National- und Ständeräte und bat sie, ihr Anliegen in ihren Gremien zu thematisieren. Viele hätten ihr geantwortet, dass sie ihre Idee auf den Tisch bringen würden, sagt die Autorin: «Es geschah aber nie etwas. Als ich nachhakte, vertrösteten sie mich oder krebsten gar zurück.»

Leser motivierten zu neuem Anlauf

Dennoch wollte Vuille nicht aufgeben. Die Rückmeldungen auf ihr im Dezember 2012 veröffentlichtes Buch gaben ihr einen neuen Motivationsschub: «Viele Leser konnten kaum glauben, dass die Grossisten eine solche Verschwendung betreiben. Die meisten fanden, dagegen müsse man etwas tun», sagt Vuille. So habe sie sich erneut auf die Suche nach Volksvertretern begeben, die ihr Ansinnen unterstützen, so Vuille. Dass Wiederkehr sich nun in den Dienst ihrer Sache stelle, gebe ihr Hoffnung: «Ich bin gespannt, was seine Anfrage bewirkt.»

Aktuelle Nachrichten