Dietikon
Samuel Mittag übt für die Orchestergräben dieser Welt

Samuel Mittag aus Dietikon ist erst 15 Jahre alt und bereits Student an der Hochschule der Künste in Bern. Seit seinem fünften Lebensjahr spielt er Geige.

Katja Landolt
Merken
Drucken
Teilen

Die Finger tanzen über die Saiten, den schlanken Hals rauf und runter, der Bogen hüpft mal locker leicht, mal gepresst, lockt dunkle, satte Töne aus dem hölzernen Rumpf. Der Atem geht stossend mit dem Rhythmus der Melodie, der Körper wiegt vor und zurück. Samuel Mittag spielt die Bratsche nicht nur mit Fingern, Armen, sondern mit Haut und Haar, von Kopf bis Fuss. Und was er spielt, ist von Paganini. Dem «Teufelsgeiger».

Samuel legt die Bratsche auf den Stubentisch, lässt sich in den dick gepolsterten Sessel fallen – und ist wieder ein normaler 15-jähriger Junge. Und doch entspricht er nicht der Norm: Samuel ist kein Schüler mehr, sondern Student. Im Sommer, mit nur gerade 14 Jahren, hat der Dietiker das Studium an der Hochschule der Künste Bern, kurz HKB, begonnen.

Akustik statt Mathematik

Rückblick: Mit fünf Jahren hält Samuel seine erste Geige in der Hand. Sein Vater war ihm Vorbild: «Ich habe ihm beim Üben zugehört und wollte unbedingt selber auch spielen», sagt Samuel. Bei Musikschule Hug wird er von Sandra Albrecht unterrichtet, spielt von Anfang an nach Noten. Mit sieben Jahren verkündet er, er wolle Geiger werden, mit acht Jahren kommt zur Geige die Bratsche hinzu.

Samuel nimmt Privatunterricht bei Herbert Scherz, Professor für Violine, Kammermusik und Violinmethodik an den Musikhochschulen Luzern und Zürich. Im Sommer 2010 lernt Samuel Patrick Jüdt, Professor für Bratsche an der HKB, an der Bayerischen Musikakademie Marktoberdorf kennen. «Ich habe ihn sofort gefragt, ob er mich unterrichten würde», sagt Samuel und lacht. Nach ein paar Probelektionen habe Jüdt zugesagt.

Seit September drückt Samuel jeden Montag und Dienstag an der HKB die Schulbank. Auf dem Stundenplan stehen nicht Mathematik und Französisch, sondern «Lesen und Analysieren», «Hören und Intonieren», «Akustik», «Musikgeschichte» und kulturhistorische Vorlesungen. Den Rest der Woche über wird Samuel von einem Privatlehrer in Baden unterrichtet. Noch ein halbes Jahr lang, bis die obligatorische Schulzeit abgeschlossen ist.

Samuel ist mit Abstand der Jüngste in seiner Klasse in Bern, seine Mitstudenten sind alle um die 20. Ob er mit diesem Altersunterschied nie Probleme hat? Samuel zuckt mit den Schultern, schüttelt den Kopf. «Wir haben ja die gleichen Interessen.»

Vier Stunden üben täglich

Samuel übt pro Tag bis zu vier Stunden Bratsche. Daneben spiel er mehr oder weniger begeistert Klavier – sein Pflichtinstrument. Geige und Cello spielt er auch noch, wenn er Zeit hat. Viel bleibt davon nicht übrig; nebst Studium, Schulunterricht, Üben, Lernen und den zahlreichen Verpflichtungen, beispielsweise für Projekte mit dem Aargauer Jugendsinfonieorchester oder der Bayerischen Musikakademie Marktoberdorf.

Manchmal gebe es Phasen, da habe er keinen Tag frei. Zu viel werde es ihm aber nie und missen tue er auch nichts, beteuert er. «Ich habe nie das Gefühl gehabt, irgendetwas zu verpassen. Das Musizieren ist mein einziges Hobby, meine Leidenschaft. Ich kenne nichts anderes.» Da spiele es auch keine Rolle, dass er nur wenige Freunde ausserhalb der Musikszene habe. «Die Musik macht mir Spass, und es ist doch besser, als auf der Strasse herumzulungern», sagt Samuel und wirkt dabei irgendwie sehr erwachsen.

Und was, wenn die obligatorische Schulzeit vorbei ist? «Voll Musik», sagt Samuel und lächelt. Erst will er den Bachelor abschliessen, dann den Master anhängen. Am liebsten erst den «Master Performance», also für Orchester, danach das Solodiplom. Und dann um die Welt reisen, in den entlegensten und schönsten Orchestergräben spielen. «Aber das dauert noch sieben Jahre, das ist alles weit, weit weg», sagt Samuel und streicht zärtlich über die Saiten seiner Bratsche. Sieben Jahre – tatsächlich eine halbe Ewigkeit für einen 15-Jährigen.