Ausstellung

Samariterverein landet nach 115-jährigem Bestehen im Ortsmuseum Dietikon

Zwei Jahre nach dem bitteren Ende des Samaritervereins zeigt das Ortsmuseum eine Ausstellung mit Stücken aus 115 Jahren Vereinsleben. Eine traurige Geschichte nimmt so ein schönes Ende.

Was, wenn niemand die Bücher angeschaut hätte, die da zuunterst im Schrank lagen, zugedeckt mit in Packpapier gebündelten Protokollseiten? Damals, im November 2011, als Samaritervereine aus der ganzen Schweiz das Lager des eben aufgelösten Samaritervereins Dietikon ausräumten und mitnahmen, was nicht niet und nagelfest war?

Was da unter den Papierstapeln lag, waren die Protokollbücher aus den ersten Jahrzehnten des Vereins. Dora Müller vom Ortsmuseum Dietikon schlägt den Buchdeckel des ersten Buches auf, fährt mit den Fingerspitzen über das vergilbte Papier. Auf der ersten Seite hat jemand in schönster altdeutscher Schrift die Gründungsversammlung des Vereins protokolliert, am 14. Februar 1897, in der Krone Dietikon.

Pflasterdosen und eine Zecke

Die Protokollbücher sind aber nur ein kleiner Teil der neuen Ausstellung im Vereinsraum des Ortsmuseums. Gezeigt werden Verbandszeug, Pflasterdosen, in Papier eingeschlagene Dreieckstücher, eine Tragbahre, eine Maschine, um Verbände aufzuwickeln, Fotos von Feldübungen und fiktiven und blutigen Massenkarambolagen und eine zerdrückte Zecke.

Dazu kommen ordnerweise Ausbildungsmaterial, ein Fragebogen zum Thema «Bist du ein guter Sanitäter?», Auszüge aus den Protokollen, Bilder von Neuanschaffungen und Vereinsausflügen, beispielsweise von anno 1922.

Die Ausstellung ist eine Hommage an einen der grössten Vereine Dietikons, der nach 115 Jahren ein so bitteres Ende nahm: «Es fehlte an Nachwuchs», sagt Waldemar Köhli, Samariterlehrer und Mitglied seit 1974. Am Ende hatte der Verein, der immer weit über 100 Aktiv- und bis zu 800 Passivmitglieder zählte, noch 24 Mitglieder, drei Viertel davon im Pensionsalter.

Trotz Wiederbelebungsversuchen konnte der Verein nicht mehr gerettet werden; zu viele Einsätze hätten bewältigt werden müssen, zu viele wären zu anstrengend gewesen für die älteren Sanitäter. «Wir hätten nie gedacht, dass das Ende so schnell kommt», sagt Köhli.

100 Bewerbungen für Material

Köhli hat mit einem Liquidationsteam den Nachlass des Vereins verwaltet. Tonnenweise Material musste verschenkt und Tausende Franken Guthaben verteilt werden – als gemeinnützige Organisation dufte der Samariterverein nichts verkaufen oder behalten.

Mittels Inserat suchte das Team nach Interessenten, rund 100 Vereine aus der ganzen Schweiz bewarben sich für das Material, alleine 20 für den erst fünf Jahre alten Postenwagen. Das Liquidationsteam sortierte die Bewerbungen und lud ein Dutzend Vereine ein, sich im Materiallager zu bedienen. «Wir haben Vereine ausgesucht, die finanziell nicht so gut dastehen und auf das Material angewiesen sind», sagt Köhli.

Und so verteilten sich die Stücke über die ganze Schweiz: Rund 150 Wolldecken mussten weg, kistenweise Verbandsmaterial, Übungspuppen, Bahren, Beleuchtungs- und Katastrophenanhänger, der Postenwagen steht heute in Engelberg. Das Geld verschenkten die Dietiker Samariter an Vereine mit kleinem Budget. Ein Notbatzen von einigen tausend Franken wurde beim Kanton hinterlegt – als Startkapital, für den Fall, dass in Dietikon innert einer Frist von zehn Jahren ein neuer Samariterverein gegründet würde.

Weg kamen bei der Räumungsaktion aber auch Sachen, die nicht hätten verschwinden dürfen: ein ganzer Schrank voller Erinnerungsstücke an 115 Jahre Vereinsgeschichte. «Gemeinsam mit einem Kollegen habe ich Dinge aussortiert, die auf keinen Fall hätten verschwinden dürfen, beispielsweise uralte Heftli und Bücher mit Anleitungen für die Versorgung und Medaillen von Wettkämpfen», sagt Köhli. Plötzlich war alles verschwunden, der Schrank leer, keiner wusste, wo die Erinnerungsstücke hingekommen waren.

Entsprechend schwierig war es darum für Dora Müller, die Ausstellung zusammenzustellen: «Ich habe alles zusammengekratzt, was ich über den Samariterverein finden konnte», sagt sie und lacht. Köhli schaut sich derweil die Bilder an, die an der Wand hängen, erzählt von den Erinnerungen, die dabei hochkommen. «Ich freue mich, dass diese Ausstellung zustande gekommen ist», sagt er. So nehme die traurige Geschichte doch ein schönes Ende.

Ausstellung 115 Jahre Samariterverein Dietikon Sonntag, 26. Mai, bis Ende Jahr. Öffnungszeiten Ortsmuseum: sonntags von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr.

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