Sam V. Furrer aus Uitikon sieht in Baumpilzen unglaubliche Schönheit, betrachtet sie von verschiedenen Seiten und lichtet sie ab. Aber nicht nur Baumpilze landen vor seiner Kamera – sondern alles von der Feder bis zum Ferrari. «Die Fotografie ist eine meiner grössten Leidenschaften», sagt Furrer.

Vor über 30 Jahren steckte ihn ein Freund, ein Profi-Fotograf, mit der Begeisterung für die Fotografie an. Inzwischen hat sich der 52-jährige Künstler weiterentwickelt. In seinem Haus in Uitikon hängen viele seiner Werke, darunter Nahaufnahmen von Federn, Muscheln oder Kristallen. «Ich suche das Spezielle in alltäglichen Dingen», sagt er. «Schönheit ist manchmal verborgen und ich will sie sichtbar machen.»

Das schafft er, indem er Taschenlampen in Äpfel steckt und sie so von innen her beleuchtet, indem er die Objekte von nahem ablichtet, mit Wasserspiegelungen spielt, seine Sujets aufschneidet und auf einem Leuchttisch drapiert.

Furrer will den Leuten die Augen öffnen: «Wer hat sich schon einmal beim Rüsten einer Rande intensiv mit deren Struktur beschäftigt? Oder mit jener einer Feder?» Er mache das und es sei faszinierend. «Vor allem die Feinstruktur sowie die Lichtdurchlässigkeit der Materialien und das breite Farbspektrum der Natur begeistern mich.» Man müsse nicht weit reisen, um Aussergewöhnliches zu sehen, so Furrer. «Das findet man auch auf dem Waldboden in Birmensdorf.»

Eine 19-jährige Ananas

Das Aussergewöhnliche sichtbar machen und andere Perspektiven zeigen – laut Furrer die Mission seiner Ausstellung, die gestern und heute ihre Vernissage in Zürich feiert. «Seen it all» lautet das Motto. «Viele sagen ‹ich habe alles gesehen›», so Furrer. «Und mit meinen Bildern entgegne ich, ‹habt ihr das wirklich?›» Die Leute müssten nur genauer hinschauen.

In «Seen it all» stellt der gebürtige Affolter mehrere Foto-Serien aus. «Unwrapped», zu Deutsch «ausgepackt», ist eine davon. Furrer fotografierte Mangos, Ferraris, sogar einen nackten Torso aus allen Blickwinkeln. Die Aufnahmen setzt er mittels Bildbearbeitungsprogramm auf einen passenden Hintergrund. «Ich will die gesamte Oberfläche eines Objekts auf einen Blick zeigen. Sonst sieht man ja nur einen kleinen Teil davon», erklärt er. In «Unwrapped» assoziiert Furrer eine Ananas mit einer 19-Jährigen, die stolpernd aus dem Nachtclub kommt, oder bildet zwei tangotanzende Maiskolben ab.

 

 Es sei ihm wichtig, dass seine Werke nicht nur detailgetreu die Wirklichkeit zeigen, sondern auch einen Teil seiner selbst beinhalten. «Ich mache neugierige und forschende Kunst, betreibe dabei aber keinen Seelenstriptease», fasst Furrer zusammen. Ein weiteres Ziel des Künstlers ist es, den Bildern Tiefe zu geben. «Ich arbeite auch gerne mit dem Goldenen Schnitt.»

 Die Frage, ob er ein Perfektionist sei, bejaht der Künstler. In der Serie «Close Up» zeigt Furrer Nahaufnahmen verschiedener Gegenstände. In «Wasserspiegelspiel» spiegelt er Kristalle in einem Wasserbecken. In der Serie «Szenen einer Beziehung» fotografierte er sich berührende Hände. Sie zeigen auf mehreren Bildern entscheidende Momente einer Beziehung – von der Leidenschaft bis zum Streit. «Ich selbst habe schon mehrere Beziehungen hinter mir und die dargestellten Szenen alle durchlebt und durchlitten», sagt Furrer.

«Nicht nicht kreativ sein»

Inspirieren lässt er sich in der Natur bei Waldspaziergängen oder beim Bootfahren auf dem Vierwaldstättersee. Furrer studierte Betriebswissenschaft und Psychologie, war lange in beiden Bereichen tätig. Seit 2014 verbringt er jedoch einen bedeutenden Teil seiner Zeit mit der Kunst. «Kreativ zu sein, ist ein Segen, aber auch eine Notdurft. Ich kann nicht nicht kreativ sein», sagt er.

Furrer zeichnet, malt, gestaltet Teppiche, Lampen, Tischdecken, illustrierte gar ein eigenes Buch über den amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Auch seinen Esstisch aus Marmor designte er selbst.

Menschen und ihre Sehnsüchte

«Seen it all» ist nicht die erste Ausstellung des Künstlers. Bereits vor zwei Jahren zeigte er einen Teil seiner Bilder – die Ausstellung war ein Erfolg. Nun, kurz vor der aktuellen Vernissage, sei er trotzdem nervös. «Ich habe keine Ahnung, wie die Reaktionen ausfallen werden», sagt Furrer.

Am Montag fuhr er mit dem Auto nach Wien, um die über 60 Ausstellungsbilder aus der Druckerei nach Zürich zu bringen. Der Künstler ist guter Dinge. Und Furrer hat bereits neue Pläne für die Zukunft: «Ich will mehr mit Menschen arbeiten und unsere wichtigsten Instinkte und Sehnsüchte in meinen Bildern thematisieren.»