Tabuthema

S. Rychard: «Das Risiko, Opfer von Missbrauch zu werden, ist erhöht»

Simone Rychard von Insieme Schweiz berät geistig Behinderte und deren Angehörige.

Simone Rychard von Insieme Schweiz berät geistig Behinderte und deren Angehörige.

Simone Rychard erklärt, wieso man geistig Behinderte bei der Entdeckung der Sexualität begleiten muss, wie man sie vor Missbrauch schützt — und wieso es gut ist, dass eine Sterilisation heute die Ultima Ratio ist.

Frau Rychard, auch geistig Behinderte haben ein Recht auf gelebte Sexualität. Lange wurde das Thema totgeschwiegen. Warum?

Simone Rychard*: Der Umgang mit der eigenen Sexualität ist für Menschen mit wie ohne Behinderung nach wie vor schwierig, auch wenn heute glücklicherweise viel offener darüber gesprochen wird. Kommt zu diesem allgemeinen Tabuthema noch ein weiteres – eine geistige Behinderung – hinzu, wird es noch einmal schwieriger. Zudem wurde bisweilen fälschlicherweise angenommen, dass Menschen mit geistiger Behinderung keine sexuellen Bedürfnisse, Gefühle oder Regungen hätten, was natürlich nicht stimmt.

Das Recht auf Sexualität ist das eine – auf welche Einschränkungen stösst es in der Praxis?

Das fängt beim Umfeld an, wo Ängste, Unwissen, Überforderung und Hilflosigkeit vorhanden sein können. Menschen mit einer geistigen Behinderung leben häufig in einer erhöhten Abhängigkeit von ihrem Umfeld. Kann dieses ihre Bedürfnisse nicht adäquat auffangen, kann das die betroffene Person stark einschränken. Auch institutionelle Strukturen können eine massive Einschränkung der gelebten Sexualität bedeuten: Wenn es im Wohnheim etwa nicht erlaubt ist, dass der Partner dort übernachtet oder – was heute zwar selten der Fall ist – die Leute ihr Zimmer mit jemandem teilen. So hat man natürlich nicht viel Intimsphäre. Wegen nach wie vor bestehender Ausgrenzung fehlt zudem Raum für Begegnung.

Eltern, die meist auch als Beistand ihres behinderten Kindes agieren, müssen es schützen und es gleichzeitig nicht zu stark in seiner Freiheit einschränken. Wie schafft man diesen Drahtseilakt?

Man muss dauernd abwägen, wo Einschränkungen zum Schutz nötig sind, aber auch, wo diese zu weit gehen. Am besten gelingt diese Gratwanderung, wenn man immer und immer wieder das Gespräch mit dem Kind sucht und sich selbst Unterstützung holt. Die Eltern agieren in der Regel mit den besten Absichten. Die andere Frage ist, ob sich ihr Vorgehen auch wirklich zum Wohl des Angehörigen auswirkt. Doch ausschlaggebend ist immer die Sorge um das Kind.

Wie erlebt eine geistig behinderte Person die Pubertät? Wie kann man ihr beim Entdecken des sich verändernden Körpers helfen, ohne zu fest in die Intimsphäre einzugreifen?

Das ist eine Gratwanderung – wie bei allen Eltern mit pubertierenden Kindern. Die körperliche Entwicklung bei Menschen mit geistiger Behinderung findet in aller Regel wie jene bei Menschen ohne Behinderung statt. Den Eltern muss aber bewusst sein, dass bei geistig behinderten Jugendlichen oft ein Gefälle zwischen der körperlichen und der kognitiv-emotionalen Entwicklung besteht. Mit diesem Wissen können sie ihr Kind besser unterstützen.

Wie?

Man muss das Kind begleiten, es mit Informationen versorgen, die es auch verstehen und in Beziehung zu dem Erlebten setzen kann. Man muss ihm den Unterschied zwischen privatem und öffentlichem Raum erklären und wo das Ausleben der Sexualität hingehört. Das muss nicht alles an den Eltern hängenbleiben, auch die Schulen können ihren Teil dazu beitragen. Zudem ist es wichtig, dass Jugendlichen Freiräume zum Experimentieren eröffnet werden.

Wie schützt man geistig Behinderte vor Missbrauch?

Menschen mit geistiger Behinderung sind in der Tat einem erhöhten Risiko ausgesetzt, Opfer zu werden. Hier sind die Aufklärung und Kenntnisse des eigenen Körpers sehr wichtig: Man muss die Person darin ausbilden, eigene Bedürfnisse und mögliche Grenzverletzungen formulieren zu können – und darin, selbst zu spüren, was für sie eine Grenzüberschreitung darstellt. Fehlt eine verbale Sprache, kann dies auch mittels unterstützter Kommunikation, Piktogrammen oder Gebärden geschehen. Die ganze Sache ist aber sehr komplex.

Inwiefern?

Es gilt dabei auch zu beachten, dass bei der Pflege gewisse Grenzüberschreitungen aufgrund des hohen Unterstützungsbedarfes kaum zu verhindern sind. Man muss sie aber thematisieren.

Können geistig Behinderte Beziehungen zu «normalen» Partnern eingehen, ohne dass dabei ein Missbrauchsverhältnis entsteht?

Das ist durchaus denkbar. Von Missbrauch spreche ich dann, wenn jemand geschädigt wird, wenn eine Abhängigkeit entsteht, die jemanden dazu bringt, etwas gegen den eigenen Willen zu tun. Dabei ist es sekundär, ob die Teilnehmer eine Behinderung aufweisen oder nicht. Wenn bei einem Partner ohne Behinderung viel Sensibilität für die Situation vorhanden ist, wenn er respektiert, was das Gegenüber mit einer Behinderung braucht, kann eine solche Verbindung durchaus von beiden als erfüllend erlebt werden.

Früher war es üblich, geistig Behinderte zu sterilisieren – aus heutiger Sicht ein drastischer Eingriff in das Recht auf Selbstbestimmung. Wie geht man heute mit dem Thema Verhütung um?

Die Verhütung muss vor allem an die individuellen Umstände angepasst sein: Besteht schon eine Partnerschaft, ist eine Schwangerschaft eine mögliche Folge davon? Ist eine Verhütung tatsächlich angezeigt, muss die passendste Methode gefunden werden. Eine Sterilisation bei urteilsunfähigen Personen ist heute zum Glück nur ausnahmsweise und unter bestimmten Bedingungen zulässig. Diese sind im Sterilisationsgesetz geregelt. So kann dieser Eingriff nur dann überhaupt in Betracht gezogen werden, wenn zuvor alle anderen, niederschwelligeren Optionen geprüft und ausgeschöpft wurden und auch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde zustimmt.

Können geistig Behinderte Elternpflichten überhaupt nachkommen?

Ja, das ist möglich. Dabei spielt es natürlich eine Rolle, welche Ressourcen ein Paar selbst mitbringt, wo es Unterstützung braucht und ob diese vom Umfeld geleistet werden kann. Es kann auch helfen, das Paar in Kontakt mit Kleinkindern zu bringen, damit sie sich besser vorstellen können, was es bedeutet, für ein Kind zu sorgen.

Gibt es denn viele geistig Behinderte, die Eltern werden?

Die Regel ist es nicht.

Kann man einer Person überhaupt verbieten, Kinder zu bekommen?

Ein bestehender Kinderwunsch ist in jedem Fall ernst zu nehmen. Ist eine Person aber nicht urteilsfähig, dann muss die gesetzliche Vertretung in deren Interesse Entscheidungen treffen. Wobei schon sehr schwierig abzuschätzen ist, ab wann eine Person nicht mehr urteilsfähig ist.

*Simone Rychard leitet die Fachstelle Lebensräume von Insieme Schweiz, der Dachorganisation der Elternvereine für Menschen mit einer geistigen Behinderung.

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