Es ist kein Zufall, dass an diesem Montagnachmittag die Limmattalerin des Jahres 2018 Margrit Gähwiler und der zweitplatzierte Roger Seger in der Cafeteria des Spitals Limmattal zusammen einen Kaffee trinken. «Wir haben uns hier verabredet. Ich hatte gerade einen Arzttermin und dachte, es wäre praktisch, sich hier zu treffen», sagt Gähwiler und Seger nickt.

Er wohne nur drei Busstationen entfernt. Gesehen haben sich die beiden vorher noch nie.
Der Grund für das Treffen: Die Oetwilerin überlässt dem Schlieremer den Gutschein für eine Übernachtung für zwei Personen im Seminar- und Wellnesshotel Stoos im Kanton Schwyz. Diesen gewann die 80-Jährige als sie Ende Dezember zur Limmattalerin des Jahres gekürt wurde.

Sie beeindruckte die Leserinnen und Leser der Limmattaler Zeitung mit ihrer jahrelangen gemeinnützigen Arbeit als Samariterin und als Präsidentin des Fahrdiensts in Oetwil. «Ich habe mich sehr über die Wahl und das Geschenk gefreut, aber ich kann die Übernachtung leider nicht antreten», sagt Gähwiler. Die Gesundheit lasse es nicht zu, dass sie in die Berge fahre.

«Ich war sprachlos»

Doch Margrit Gähwiler ist eine Frau der Taten. Kurzerhand rief sie Roger Seger an. Der 52-jährige SP-Gemeinderat war ebenso für den Titel Limmattaler des Jahres nominiert und erhielt nur zwei Stimmen weniger als Gähwiler. «Er war von Anfang an mein Favorit. Deshalb war es für mich klar, dass ich ihm den Preis schenken will», sagt Gähwiler.

Seger staunte nicht schlecht, als er kurz vor Weihnachten die Limmattalerin des Jahres am Apparat hatte. «Ich habe mich sehr gefreut, dass sie gewonnen hat. Sie war auch meine Favoritin», sagt er. Doch, dass sie ihm den Preis überlassen will, damit hatte Seger nicht gerechnet. «Ich war ziemlich sprachlos, als sie mir davon erzählte.» Zuerst habe er das Angebot gar nicht annehmen wollen. «Doch als ich merkte, was für eine Freude ich ihr damit bereiten würde, habe ich Ja gesagt», so Seger.

Für den Politiker kommt die Übernachtung auf dem Stoos wie gerufen. «Seit dem ich auf den Rollstuhl angewiesen bin, war ich nicht mehr in den Bergen.» Es sei ihm zu mühsam gewesen, abzuklären, ob die Bahnen und Orte rollstuhlgängig seien.

Seger braucht wegen einer seltenen Nervenerkrankung seit 2011 einen Rollstuhl. Zudem leidet er an Polyarthritis und der Darmerkrankung Colitis Ulcerosa. Um anderen Betroffenen zu helfen, gründete er mit weiteren SP-Exponenten den Verein «MIA – Menschen mit Autoimmunerkrankung».

In den letzten Monaten habe er sich aber ein paar Mal gedacht, es wäre schön, wieder einmal in die Berge zu gehen. Früher sei er oft dort gewesen zum Skifahren, Wandern oder Schneeschuhlaufen. «Auf dem Stoos war ich aber noch nie und das, obwohl ich ursprünglich aus der Innerschweiz komme», sagt Seger.

Für Gähwiler wäre es nicht der erste Besuch im Seminar- und Wellnesshotel gewesen. «Ich war einmal mit dem Samariterverein dort. Wir haben die Taufe zweier Babyphantompuppen auf dem Stoos vorgenommen», sagt sie und lacht. Seger wird vermutlich im Frühsommer den Gutschein einlösen. «Dann sind die Verhältnisse für mich als Rollstuhlfahrer besser und ich kann mehr unternehmen.»

Wer mitkommt, ist auch klar: «Wenn wir jemanden finden, der sich in dieser Zeit um unsere Hündin Caya kümmert, wird mich mein Lebenspartner begleiten», sagt Seger. Als Margrit Gähwiler zur Limmattalerin des Jahres gekürt wurde, habe auch sein Partner gesagt, dass die Richtige gewonnen habe. «Dass sie uns nun diesen Aufenthalt beschert, ist also doppelt schön.»

Dinge loslassen können

Beim Gespräch im «Limmi» bemerken die beiden, dass sie mehr als nur ihr soziales Engagement verbindet. «Alters- und krankheitsbedingt müssen wir akzeptieren, dass wir gewisse Dinge und Aufgaben nicht mehr bewältigen können und loslassen müssen», so Seger. Gähwiler fügt lächelnd an: «Zudem haben wir beide das Sternzeichen Widder.»

Nach gut einer Stunde in der Cafeteria trennen sich die Wege der beiden wieder, aber nicht ohne, dass Gähwiler Seger den Umschlag mit dem Gutschein übergibt. Die Seniorin geht aber auch nicht mit leeren Händen nach Hause. Seger schenkt ihr drei Happy-Day-Lose samt Schoggi-Glückskäfer. «Ich habe so viel Glück gehabt und ich will das auf eine andere Art zurückgeben.» Er habe Gähwiler zu verdanken, dass das neue Jahr so toll starte.

«Das letzte Jahr war schön für mich, da ich ins Schlieremer Parlament gewählt wurde. Gleichzeitig musste ich gesundheitliche Rückschläge hinnehmen», sagt Seger. Dieses Geschenk gebe ihm Kraft, die kommenden Herausforderungen zu meistern.