Korrespondent
Ruedi Küng hat sein Herz an Afrika verloren

Als Afrikakorrespondent für das Schweizer Radio DRS hat Ruedi Küng aus Oberengstringen viele Jahre auf dem Kontinent gelebt. Dort erlebte er, dass der afrikanische Frühling, das Pendant zum arabischen, schon lange im Gang ist.

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Ruedi Küng ist ein Pendler zwischen Zürich und Afrika, ein Vermittler zwischen Welten.

Ruedi Küng ist ein Pendler zwischen Zürich und Afrika, ein Vermittler zwischen Welten.

Sandro Zimmerli

Ruedi Küng hat sein Herz an Afrika verloren, als er vor 31 Jahren als Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz erstmals den zweitgrössten Kontinent der Welt bereiste. Es folgten unzählige weitere Reisen - in neuer Funktion: Küng war lange Zeit Afrikakorrespondent für das Schweizer Radio DRS. Heute geht er seiner Leidenschaft für den Schwarzen Kontinent mit der Plattform InfoAfrica nach. Küng bietet verschiedene Dienstleistungen wie journalistische Recherchen, Berichte in Text, Ton und Bild, wissenschaftliche Recherchen, Reisebegleitungen oder Referate an. In dieser Funktion ist er am 19. und 26. April an der Volkshochschule Dietikon als Gast geladen. Auftritte im Limmattal bedeuten für Küng auch eine Rückkehr zu seinen Wurzeln. Aufgewachsen ist der heute 61-jährige, zweifache Familienvater in Oberengstringen. Mittlerweile wohnt er in Zürich. Dazwischen lebte er insgesamt elf Jahre in Uganda, Südafrika, Kenia und im Sudan. Küng selber nennt sich einen Pendler zwischen den Welten, einen Vermittler zwischen Kulturen. Im Gespräch erklärt er, weshalb der Westen immer noch ein falsches Bild von Afrika hat, wie komplex der Kontinent ist und weshalb es ihn hoffnungsfroh stimmt, dass auch südlich der Sahara ein Entwicklungsschub einsetzt.

Ruedi Küng, auf Ihrer Homepage schreiben Sie, dass Sie vorurteilsfrei Informationen über afrikanische Gegebenheiten vermitteln wollen, jenseits von Klischees. Welches sind die grössten Afrika-Klischees?

Ruedi Küng: Spontan verbinden viele Leute Negatives mit Afrika. Selbstverständlich gibt es solche, die das nicht tun und auf Musik oder Kultur zu sprechen kommen. Trägt man jedoch die erste Schicht ab, kommt immer etwas Negatives zum Vorschein. Das erweckt den Eindruck, als gäbe es von diesem Kontinent nichts Positives zu vermelden. Dies ist aber eine absolute Fehleinschätzung.

Was sind die Hauptgründe für diese Fehleinschätzung?

Die Suche nach diesen Gründen kommt einem Fischen im Trüben gleich. Aber sicher wird das Afrikabild der Leute auch von den Medien geprägt. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass sich schlechte Nachrichten besser verkaufen. In Afrika gibt es viele Dinge, die nicht so laufen, wie sie sollten. Das will ich gar nicht leugnen. Aber durch die negative Berichterstattung entsteht eine Einseitigkeit, die bei den Leuten auf ein möglicherweise schon lange vorhandenes Afrikabild trifft.

Was meinen Sie damit?

Man muss in der Geschichte weit zurückgehen. Das beginnt damit, dass man Schwarze zu Sklaven gemacht hat. Bereits bei den Römern war das der Fall. Auch die Erforschung des Kontinents durch die Europäer prägt das Bild Afrikas. Einer der bekanntesten Erforscher, Henry Morton Stanley, nannte eines seiner Bücher «Through the dark continent», durch den dunklen Kontinent. Lange waren Orte wie die Quelle des Nils unerforscht. Lustigerweise nannte man sie weisse Flecken auf der Landkarte. Aber das Dunkle des Kontinents ist geblieben. Das lässt sich beispielsweise im Namen Schwarzafrika ablesen oder an der Hauptfarbe. Viele Leute kennen heute noch den schwarzen Mann, der kommt, wenn man sich nicht gut benimmt. Das sind Elemente, die möglicherweise dazu beitragen, dass man so viel Negatives auf diesen Kontinent projiziert.

Der Afrika-Experte Ruedi Küng ist in Oberengstringen aufgewachsen und wohnt heute in Zürich. Der 61-Jährige ist zweifacher Familienvater. Vor 31 Jahren kam er als Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz nach Afrika. Danach arbeitete er für das Schweizer Radio DRS als Afrikakorrespondent.Ruedi Küng ist am 19. und 26. April Gast an der Volkshochschule Dietikon. (zim)

Der Afrika-Experte Ruedi Küng ist in Oberengstringen aufgewachsen und wohnt heute in Zürich. Der 61-Jährige ist zweifacher Familienvater. Vor 31 Jahren kam er als Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz nach Afrika. Danach arbeitete er für das Schweizer Radio DRS als Afrikakorrespondent.Ruedi Küng ist am 19. und 26. April Gast an der Volkshochschule Dietikon. (zim)

Zur Verfügung gestellt

Sie sagen, dass vieles in Afrika nicht so läuft, wie es sollte. Oft hört man von den Milliarden an Entwicklungsgeldern, die nach Afrika geflossen sind, mit kaum sichtbarem Erfolg. Stimmt diese Einschätzung?

Das stimmt so auch nicht. Natürlich sind Milliarden aufgewendet worden. Die gesamte Entwicklungszusammenarbeit ist heute eine grosse Industrie. Zu allererst profitieren davon aber die Industrieländer. Der Aufwand für Personal und Administration ist sehr gross. Das ist Geld, das nicht in der Entwicklungshilfe vor Ort ankommt. Ein Bericht der Weltbank hat aufgezeigt, dass rund die Hälfte des aufgewendeten Geldes im Norden bleibt. Hier kommt ein zweiter Punkt ins Spiel.

Welcher?

Man muss sich fragen, ob Entwicklungshilfe aus einem armen, unterentwickelten Kontinent einen entwickelten machen kann. Kann diese Hilfe die Gesellschaft verändern?

Wie lautet die Antwort?

Aus meiner Erfahrung muss sie mit Nein beantwortet werden. Es wäre aber falsch zu denken, dass man die Entwicklungszusammenarbeit ganz einstellen müsste. Man muss sich klar werden, was man von der Entwicklungszusammenarbeit erwarten kann. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den industrialisierten Nationen und Afrika sind verschoben. Es sind Beziehungen, die diese Länder gar nicht aus ihrer Abhängigkeit befreien können.

Wie muss man das verstehen?

Wenn man Rohstoffe aus dem Boden holt, sie verpackt und dann verschifft, hilft dies dem betroffenen Land praktisch nichts. Der Mehrwert wird erst durch die Verarbeitung geschaffen. In diesem zentralen Punkt sind die Wirtschaftsbeziehungen nicht im Lot. Ein anderer Punkt sind die Handelsbeziehungen. Afrika ist ein Agrarkontinent und hätte in diesem Sektor grosses Potenzial. Gegenüber der subventionierten Landwirtschaft der Industrieländer führt Afrika aber einen Kampf im Stil von David gegen Goliath. Dazu gesellt sich dann auch ein politisches Element.

Welches meinen Sie?

Afrika war bis in die 1960er-Jahre kolonialisiert. Die Kolonialherren waren gar nie daran interessiert, diesen Gesellschaften eine Selbstständigkeit zu vermitteln. Es fehlt daher von Grund auf eine Kultur der Emanzipation. Als die Länder unabhängig wurden, blieben die schiefen Beziehungen zu den einstigen Kolonialmächten beispielsweise in der Industrie oder im Bildungswesen bestehen. Der Kalte Krieg brachte später eine neue Auseinandersetzung. Die afrikanischen Länder mussten sich für den Westen oder den Osten entscheiden. So wurden erneut Abhängigkeiten geschaffen. Das Tragische daran ist, dass die Länder heute noch ihre Schulden daran tragen. Man hat ihnen Geld und Waffen nachgeworfen - egal ob Diktatoren an der Macht waren. Das hat die Emanzipation behindert. Die Schulden führen dazu, dass heute noch der Geldfluss aus Afrika grösser ist als jener nach Afrika.

Müsste man dann nicht auf Entwicklungshilfe verzichten und dafür die Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Norden und Afrika fairer gestalten?

Fair ist ein schwieriges Wort. Die Wirtschaftsbeziehungen sind nicht im Lot. Das galt früher auch für die Beziehungen des Westens mit China. China hat aber ein genügend grosses Potenzial entwickelt, um sich zu behaupten. China konnte all die Rohstoffe und das Know-how kaufen, die es zur Entwicklung brauchte. Das Land kann den USA heute die Stirn bieten. Afrika ist davon Jahrzehnte entfernt. Es gibt Stimmen in Afrika, die einen Zusammenschluss fordern, damit man sich auf dem Weltmarkt ebenfalls behaupten kann. Das ist aber Wunschdenken. Afrika ist zersplittert. Es gibt 54 Länder auf dem Kontinent. Die wenigsten davon haben in sich selber überhaupt eine Existenzgrundlage. Insofern könnten neue Wirtschaftsbeziehungen die Entwicklung vorantreiben.

Wie müssten diese Beziehungen beschaffen sein?

Ein Weg, die Wirtschaftsbeziehungen neu zu gestalten, ist der regionale Zusammenschluss. Solche Wirtschaftsräume gibt es bereits, sie stecken aber noch in den Kinderschuhen. Das ist der Versuch, einen grösseren Markt zu schaffen. Es gelingt teilweise auch, allerdings sehr langsam. Kommt hinzu, dass es sich dabei um Wirtschaften handelt, die sich gleichen. Die Kenianer sagen, es bringt uns nichts, Ananas aus Tansania zu importieren, weil wir selber genug Ananas haben.

Gibt es weitere Möglichkeiten, die wirtschaftliche Entwicklung zu stärken?

Würde man die Agrarsubventionen abschaffen, hätte das positive Auswirkungen auf die Entwicklung Afrikas. Derzeit ist zu beobachten, dass die Bauern wieder unterstützt werden. Das hat man den afrikanischen Staaten in den 1980er-Jahren untersagt. Damals hiess es von aussen, wenn ihr weiterhin Geld von uns wollt, müsst ihr die staatlichen Subventionen abschaffen. Ein gutes Beispiel ist Malawi. Obwohl sehr fruchtbar, war das Land jahrzehntelang abhängig von Nahrungsmitteln. Seit die Regierung vor ein paar Jahren beschloss, die Bauern wieder zu unterstützen, produziert Malawi Überschuss.

Wie könnte der Kontinent seinen Rohstoffreichtum besser nutzen?

Kobalt ist ein Rohstoff, der für die Herstellung von elektronischen Geräten gebraucht wird. Früher hat man im Kupfergürtel von Sambia und Kongo Kupfer gewonnen. Was nicht gebraucht wurde, hat man in Halden angelegt. In diesen Halden hat es nicht nur Kupfer, sondern auch Kobalt. Weil der Kobaltbedarf so gross wurde, wird das Kobalt aus diesen Halden herausgeholt. Allerdings nur in einer Rohform. Danach wird es nach Finnland verschifft. Es hat niemand Interesse daran, eine solche Verarbeitungsfabrik in Afrika zu bauen. In diesem Bereich gäbe es Ansätze für eine Verbesserung der Situation. Das zeigt das Beispiel der Diamantenschleifereien.

Was ist dort anders als bei den Kupferhalden?

Botswana ist reich an Diamanten, hat bislang aber nur Rohdiamanten exportiert. Erst der Schliff macht Diamanten wertvoll. Nach langem Kampf mit den Schleifereien weltweit hat Botswana damit begonnen, eigene Schleifereien zu bauen. Auch dort befindet man sich noch im Anfangsstadium, aber das ist ein Schritt, der es dem Land vielleicht ermöglichen wird, Einnahmen zu generieren, mit denen andere Industriezweige aufgebaut werden können. Doch dazu braucht es Kapital; und Afrika ist der nicht kapitalisierte Kontinent. Gerade diese komplexen Wirtschaftszusammenhänge sind schwierig zu vermitteln.

Sie haben diese Geduld aufgebracht. Wie haben Sie sich dem Kontinent angenähert?

Ich habe nicht nach etwas Speziellem gesucht. Möglicherweise spielte die Abenteuerlust eine gewisse Rolle. Die Geschichten von Stanley oder Livingston über die Entdeckung Afrikas strahlen einen gewissen Reiz aus. Ich bin aber sehr nüchtern nach Afrika gekommen. Doch dann habe ich etwas realisiert, das mich bis heute nicht loslässt. Ganz viele Afrikaner - Frauen wie Männer - sind starke Menschen. Sie können auch dann noch überleben, wenn wir schon lange kapituliert hätten. Sie haben auch einen direkten Umgang mit den Menschen und mögen es, wenn man sich für sie interessiert. Daraus entstehen Beziehungen, die ich als äusserst positiv wahrnehme. Am Schluss ist es aber wohl ein Zufall, wenn man bei einem Thema hängen bleibt.

Ihren ersten Kontakt mit Afrika hatten Sie als Mitarbeiter des Roten Kreuzes.

Genau. Als ich mit meiner Arbeit beim Roten Kreuz begann, sprach ich auch spanisch. Ich dachte deshalb, ich würde nach Lateinamerika geschickt, stattdessen ging es nach Afrika. Als ich später als Journalist in Lateinamerika unterwegs war, hat es mich auch sehr fasziniert. Doch habe ich in Brasilien und Haiti wieder die afrikanischen Einflüsse entdeckt. Es muss am Afrikanischen also etwas geben, das mich besonders berührt.

Sie haben längere Zeit in Afrika gelebt. Wie stellt man sich auf das Leben dort ein?

Insgesamt habe ich elf Jahre in Afrika gelebt. Es ist eine spezielle Situation. Erst kürzlich traf ich in Kenia alte Freunde. Im Gespräch ist mir der Satz herausgerutscht, dass ich mich wohl nie wirklich in Kenia, in Afrika niedergelassen habe. Das mag seltsam klingen, ist aber so. Ich war überall nur auf Zeit. Obschon ich sechs Jahre in Nairobi gewohnt und gearbeitet habe, war ich ein Grossteil der Zeit in anderen Ländern unterwegs. Ich bin in all den Jahren immer Schweizer geblieben. Meine Schweizer Heimat habe ich vor allem in Afrika gefunden. Ich habe gelernt, wie viel Wert die Dinge haben, die wir besitzen. Ich bin viel milder geworden, wenn es um Auseinandersetzungen in der Schweiz geht. Aber ich bin nie Afrikaner geworden. Mir gefällt der Austausch zwischen den Kulturen.

Sie sind ein Pendler, der grosse Distanzen zurücklegt.

Genau. Mittlerweile würde ich mich auch als Vermittler zwischen Welten bezeichnen. Ich werde in Afrika oft über die Schweiz ausgefragt.