Welche Haltung haben die Stadtratskandidaten in Dietikon zu den Themen Soziales, Stadtentwicklung, Verkehr, Finanzen und Schule? Antworten auf dieses Fragen lieferte das grosse Wahlpodium vom Donnerstagabend im Dietiker Stadthaus.

Wer sich welchen Fragen von Bettina Hamilton-Irvine, stellvertretende Chefredaktorin der az Limmattaler Zeitung, stellen durfte, entschied das Los. Jeder Kandidat kam zwei Themen zugelost. Das bedeutete, dass sie erst 30 Minuten vor dem Start der Debatte wussten, über welches Thema sie diskutieren mussten.

Dieses Auswahlverfahren führte unter anderem dazu, dass die amtierenden Ressortvorsteher nicht gezwungenermassen über ihr Fachgebiet debattieren durften. Es hatte auch zur Folge, dass gleich drei Parteikollegen zum gleichen Thema befragt wurden.

Jean-Pierre Balbiani (SVP, bisher)

Der Schulvorstand verneinte die Frage entschieden, ob Dietikon zu viel Geld für die Schule ausgebe. Isoliert betrachtet könne dieser Eindruck zwar entstehen, man dürfe aber nicht vergessen, dass die Schule an das Volksschulgesetz gebunden sei. «Bildung ist der einzige Rohstoff der Schweiz. Es ist daher wichtig, Geld für die Schule auszugeben», sagte Balbiani. Bezüglich der Stadtentwicklung, speziell im Niderfeld, plädierte Balbiani für ein gutes Nebeneinander. «Man darf die Entwicklung nicht mit einer Neidhaltung verhindern», entgegnete er einem Votum von Peter Wettler, der monierte, dass der Stadtrat nun noch ein Logistikterminal der Firma Planzer ins Niderfeld würge.

Roger Bachmann (SVP, neu)

Der Finanzfachmann konnte beim Thema Soziales spontanen Applaus verbuchen. Auf die Frage, ob es in Dietikon an Solidarität fehle gegenüber Sozialhilfeempfängern, sagte er, dass jeder, der sich in der Sozialhilfe befinde, deutlich über dem Existenzminimum lebe. «Arbeit lohnt sich nicht mehr. Von den armen Steuerzahlern spricht niemand», so Bachmann. Bei der schlechten Finanzlage der Stadt verwies Bachmann darauf, dass die Neuregelung des Finanzausgleiches nur ein Problem sei, und beklagte die Untergrabung der Gemeindeautonomie durch den Kanton. Immer mehr Aufgaben würden an die Gemeinden abdelegiert, ohne dass sie etwas zu sagen hätten. Dagegen habe sich der Stadtrat zu wenig gewehrt.

Roger Brunner (SVP, bisher)

Der Infrastrukturvorstand hat eine klare Meinung, was das Sparen anbelangt, um den Finanzhaushalt der Stadt ins Lot zu bringen. «Da, wo wir die Kosten auf die nächste Generation verlagern, mache ich nicht mit», sagte Brunner. Er forderte denn auch, dass Dietikon vom Kanton einen Ausgleich für die sozialen Lasten erhält. «Wir in Dietikon sind zurzeit die Gestraften», hielt Brunner mit Blick auf den Finanzausgleich fest. Brunner ist überdies von der Qualität der Schule in Dietikon überzeugt. «Wir haben in Dietikon super Kinder, super Schüler und super Lehrer. Der Mangel liegt eindeutig bei den Eltern», konstatierte er. Es gelte deshalb, die Eltern mehr in die Verantwortung zu nehmen.

Ernst Joss (AL, neu)

Für den erfahrenen Parlamentarier hängt der Preis eines neuen Schulhauses wesentlich von dessen Standort ab. Klar ist für Joss aber, dass ein neues Schulgebäude «keine architektonische Pionierleistung wird». Dietikon werde eine zweckmässige Schule erhalten. Klar ist seine Meinung zur umstrittenen Linienführung der Limmattalbahn im Dietiker Zentrum. Die Limmattalbahn müsse attraktiv sein, damit sie genutzt werde. «Dafür muss sie an den Bahnhof fahren. Alles andere wäre ein Schildbürgerstreich», sagte Joss. Dass der Stadtrat plötzlich eine neue Linienführung gefordert habe, sei sehr erstaunlich. «So kann man nicht vorgehen», meinte er. Beim Gateway bezeichnete er das Konzept der SBB als falsch.

Heinz Illi (EVP, bisher)

Der Sicherheitsvorstand steht für eine Schule ein, in der alle Kinder mitmachen können. «Alle, die nicht mitkommen auf dem Zug der Integration, holen uns irgendwann wieder ein», sagte Illi. Auch er sieht bei den Eltern Handlungsbedarf. Es könne nicht sein, dass in der Schule Kinder erzogen werden müssten. Illi plädiert darüber hinaus dafür, dass nicht nur gespart werden könne, um die Finanzsituation zu verbessern. In die neue Badi Fondli habe die Stadt viel investiert, dafür werde man heute weitherum bewundert. «Dietikon muss weiter so schön bleiben», forderte er und stellte in Abrede, dass der Stadtrat Geld verschleudert habe. «Wir haben immer den Golf genommen und nie den Mercedes», hielt er fest.

Sven Koller (SP, neu)

Der jüngste Kandidat ist überzeugt, dass die Stadt ein Velokonzept braucht. Da es im Zentrum mit den Parkhäusern bereits ein ausreichendes Angebot gebe, könne man die oberirdischen Parkplätze beseitigen und dadurch mehr Platz für Fussgänger und Velofahrer schaffen. «Tempo-30-Zonen und Begegnungszonen würden überdies nur Gewinner hervorbringen», findet er. Auch er ist überzeugt, dass nur eine attraktive Limmattalbahn auch genutzt werde. Irritiert zeigte sich Koller darüber, dass «immer auf den Sozialhilfeempfängern herumgetrampelt wird». Mehr als die Hälfte der Sozialkosten würden durch Zusatzleistungen generiert. «Wer keine Arbeit hat und arbeiten will, soll unterstützt werden», forderte Koller.

Martin Müller (DP, neu)

Dem Präsidenten des Gewerbevereins liegt das Gewerbe am Herzen. Müller ist es wichtig, dass es im Niderfeld auch Gewerbetreibende Platz haben. Vor allem ebenerdiger Platz sei gewünscht. Vom Stadtrat gebe es Versprechen in diese Richtung. «Es liegt aber wenig Konkretes vor», so Müller. In Dietikon sei Potenzial für 35 000 Einwohner vorhanden, meinte er. Wichtiger als die Zahl der Einwohner sei aber die Geschwindigkeit der Entwicklung: «In Dietikon ist es zu schnell vorwärtsgegangen.» Auch beim Vorgehen bei der Linienführung der Limmattalbahn kritisierte er den Stadtrat. Er hätte von Anfang an sagen sollen, was er wolle. So hätte man sich Pro-forma-Diskussionen ersparen können.

Otto Müller (FDP, bisher)

Für den Stadtpräsidenten herrscht besonders bei den Sozialausgaben Handlungsbedarf. Man habe bereits Handlungsfelder definiert. So gehe es darum, weniger attraktiv zu sein für Sozialhilfeempfänger. «Wir stellen eine Tendenz zur Überbelegung von Wohnraum fest», sagte Müller. Es würden bereits Gespräche mit Eigentümern geführt. Zudem bezahle man die Miete neu dem Sozialhilfeempfänger direkt aus und nicht mehr dem Mieter. So liege das Risiko bei Letzterem und nicht mehr bei der Stadt. Ein weiterer Grund für die schwierige finanzielle Lage der Stadt sei das neue Finanzausgleichsgesetz. «Wir erhalten keinen Lastenausgleich und fallen zwischen Stuhl und Bank», so Müller.

Lucas Neff (Grüne, neu)

Der Architekt warf dem Stadtrat in den letzten Jahren viele Fehlinvestitionen vor. Als Beispiel nannte er das an der Urne abgewiesene Mietschulhaus im Limmatfeld oder das Nichteinhalten von kantonalen und später von Umweltschutzrichtlinien beim Gestaltungsplan Silbern-Lerzen-Stierenmatt. Zudem kritisierte er, dass es der Exekutive an einem Konzept fehle. Diesbezüglich verwies er beim Thema Verkehr auf die Stadt Schlieren, die 80 Teilpläne erstellt habe. Bei der weiteren Verkehrsplanung sollen «Fussgänger erste Priorität haben», forderte Neff. Er finde es aber falsch, die verschiedenen Verkehrsteilnehmer gegeneinander auszuspielen.

Rolf Schaeren (CVP, bisher)

Der Finanzvorstand hofft, dass noch viele Menschen merken, dass Dietikon lebenswert ist. Er zeigte sich aber erstaunt, dass auf dem Podium so viel über Probleme gesprochen wurde. Für ihn mache die Verbindung von Natur und Urbanität Dietikon so lebenswert. «Deshalb müssen wir den Grünraum erhalten, attraktive Arbeitsplätze und guten Wohnraum schaffen», sagte Schaeren. Die Limmattalbahn werde einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Verkehrssituation beitragen, zeigte sich Schaeren überzeugt. Was die Linienführung betreffe, habe der Stadtrat die Zeichen der Zeit erkannt. «Er hat mit der Zeit gemerkt, dass die geplante Linie Probleme für ganz viele Betroffene schafft», so Schaeren.

Reto Siegrist (CVP, neu)

Der Banker präsentierte einen Vorschlag, wie die Kosten im Sozialbereich optimiert werden könnten. Die Stadt soll investieren und der Sozialbehörde mehr Ressourcen zur Verfügung stellen. Würde man mehr Mitarbeiter einstellen, hätten diese mehr Zeit, sich mit den Sozialhilfebezügern auseinanderzusetzen. Durch die vertieftere Betreuung könnten schliesslich Kosten eingespart werden, «weil nur noch ausgerichtet wird, was ausgerichtet werden muss», so Siegrist. Überdies windete er der Schule in Dietikon ein Kränzchen. «Ich sehe, mit wie viel Herzblut in der Schule gearbeitet wird», sagte Siegrist. Er würde seine Kinder auf jeden Fall wieder in Dietikon zur Schule schicken.

Esther Tonini (SP, bisher)

Um die hohen Sozialkosten drehte sich die Diskussion, an der die Hochbauvorsteherin teilnahm. Dabei wies in ihren Ausführungen auf einen aus ihrer Sicht stossenden Umstand im Sozialbereich hin. So gebe es Eigentümer, die aus ihren Liegenschaften, in denen Sozialhilfebezüger untergebracht sind, Goldgruben machen würden. «Sie verlangen so viel, wie vom Sozialamt gezahlt wird, obwohl die Wohnung nur halb so viel wert ist», sagte Tonini. Auf gutem Weg sieht sie hingegen die Planungen für das Niderfeld. Diese seien sehr sorgfältig angegangen worden. «Wichtig ist, dass wir uns im Niderfeld von Anfang an Land für die Schule sichern», sagte Tonini.

Peter Wettler (SP, neu)

Der Kommunikationsberater stört sich an der Situation im Zentrum und griff den Stadtrat direkt an. Oft müsse er nach Baden einkaufen gehen, weil er in Dietikon nicht alles erhalte. Er warf dem Stadtrat vor, dass ihm die Visionen fehlen würden. «Der Stadtrat argumentiert immer, dass der Markt es richten werde. Ich sage, der Markt wird es hinrichten», so Wettler. Zudem sei Dietikon zum Armenhaus des Kantons geworden. So seien in den letzten Jahren 6000 Leute mehr nach Dietikon gekommen, ohne dass der Steuerertrag gestiegen sei. Dennoch habe die Stadt die Pflicht, jenen Menschen zu helfen, die sich nicht selber helfen können.