Pensionierung
Rudolf Lanz: In rauen Zeiten trug er die Pump-Action

Rudolf Lanz hat in seinen 35 Jahren Dienstzeit so einiges erlebt: Schiessereien, Todesfälle und unzählige Gewaltverbrechen – Blut schwitzte er aber vor einer Horde Kinder

Florian Niedermann
Merken
Drucken
Teilen
Ex-Stadtpolizist Rudolf Lanz: «Bei meiner ersten Klasse schwitzte ich Blut.»

Ex-Stadtpolizist Rudolf Lanz: «Bei meiner ersten Klasse schwitzte ich Blut.»

Florian Niedermann

Die Ruhe, die Rudolf Lanz ausstrahlt, ist verblüffend. Mit warmem Timbre und in gemächlichem Sprechtempo berichtet er von Erlebnissen, die unsereinem kalte Schauder über den Rücken jagen. Der 63-jährige Schlieremer Stadtpolizist geht Ende dieser Woche in Pension. So wie ihn einzelne spektakuläre Einsätze prägten, prägte Lanz in 35 Jahren Dienstzeit das Gesicht seines Korps.

Lanz kam 1980 zur Stadtpolizei, nachdem er zuvor drei Jahre bei der Stapo Zürich Dienst geleistet hatte. «Das war eine raue Zeit damals. Eine Phase mit vielen Gewaltverbrechen», erinnert sich der gebürtige Thuner. Immer wieder mussten er und seine Schlieremer Kollegen Strassensperren errichten, um nach flüchtigen Verbrechern Ausschau zu halten.

«Ich war bei solchen Einsätzen mit einer Pump-Action bewaffnet, einer Flinte mit verkürztem Lauf», sagt Lanz. Er sei froh, dass er von ihr nie Gebrauch machen musste.

Angst hatte der Stadtpolizist in solchen Situationen nie, wie er sagt, «aber Respekt». Nur einmal habe er ein mulmiges Gefühl in der Magengegend gehabt, räumt er dann doch ein. Das war 1998. An der Badenerstrasse 90, beim Auto-Occasionshandels-Gelände, entbrannte eine wilde Schiesserei zwischen zwei verfeindeten libanesischen Clans.

Zu dem Zeitpunkt befanden sich Dutzende unbeteiligte Kunden auf dem Areal. Lanz kam als dritter Polizist vor Ort an. Zwei Kollegen waren bereits ins Areal vorgedrungen, an ihm war es, den Eingang zu bewachen – die Pump-Action fest in beiden Händen.

Plötzlich flüchteten sich etwa hundert Personen panisch in seine Richtung – keine Chance, in dieser Menge mögliche Täter auszumachen, wie Lanz sagt: «Ich musste sie vorbeiziehen lassen.» Schliesslich rückten weitere Polizeieinheiten zur Unterstützung an.

Einen Beteiligten fanden sie tot in einer Blutlache vor, die Täter konnten später gestellt werden. Ein Polizist verletzte sich bei der Verfolgung eines mutmasslichen
Täters.

Lanz, der in solch nervenaufreibenden Situationen stets einen kühlen Kopf bewahrte, wurde erstmals richtig nervös, als er eine neue Aufgabe übernehmen sollte. Die Stadt Schlieren hat seit den Sechzigerjahren einen eigenen Verkehrsinstruktor, der Kindergärtlern und Schülern beibringt, wie man sich zu Fuss oder auf dem Velo im Verkehr verhalten soll.

Als der damalige Verkehrsinstruktor der Stadtpolizei 1982 zur Kantonspolizei Aargau wechselte, war es an Lanz, diesen Dienst zu übernehmen.

«Kinder sind knallhart»

«Bei meiner ersten Klasse schwitzte ich Blut», sagt er, der selbst zwei Töchter hat. Auf den ungläubigen Blick des Gegenübers folgt die Erklärung: «Kinder sind knallhart. Wenn Du nicht vollkommen authentisch und ehrlich bist, hast Du es Dir mit ihnen verspielt.» Doch seine Schüler respektierten ihn, vielleicht gerade auch, weil er sie ernster nahm als viele andere Erwachsene.

Auf jene erste Klasse folgten unzählige Kinder, denen er die Regeln des Verkehrs vermittelte – darunter die heutigen Stadträte Markus Bärtschiger und Christian Meier. Bärtschiger kennt den Schlieremer Polizisten nicht nur aus seinen Jugendjahren, sondern war zuletzt als Sicherheitsvorstand auch vier Jahre lang sein oberster Vorgesetzter.

«Weil er in Schlieren wohnte, kannte er seine Schäfchen», sagt er über Lanz, um mit einem Schmunzeln anzufügen: «Insbesondere natürlich die schwarzen.» Während der Jugendunruhen der Achtzigerjahre in Zürich seien Gemeindepolizisten eher belächelt worden, erinnert sich der heutige Bauvorstand. Nicht so aber Lanz: «Er gehörte einer Generation von Beamten an, die immer Respektspersonen waren.» Diese Einschätzung teilt auch Verena Kocher, Schulleiterin im Schulhaus Hofacker.

Sie habe den langjährigen Stadtpolizisten immer als «ruhigen, aber bestimmten» Beamten mit «hohen ethischen Grundsätzen» erlebt, der alleine durch sein Auftreten den Respekt der Schülerinnen und Schüler gewann.

Lanz bedeutete die Arbeit mit den Kindern viel, wie er sagt: «Es war eine dankbare Aufgabe, ohne die ich wohl nie so lange Polizist geblieben wäre.» Seine Tätigkeit als Verkehrsinstruktor war es denn auch, die ihm durch das schwierige letzte Jahr half. Ende 2013 wurde er vom Patrouillendienst suspendiert und musste fortan die meiste Zeit am Schalter im Stadthaus arbeiten.

Darüber, wie es dazu kam, will Lanz in der Zeitung nichts lesen. «Ich habe damit abgeschlossen und will ein solch negatives Erlebnis nicht in mein Rentnerleben mittragen», sagt er. Was der Ex-Beamte beschreibt, ist – um es beschönigend wiederzugeben – ein polizeiinterner Zwist.

Die Situation belastete ihn auch privat, sodass ihn sein Hausarzt sieben Monate lang krank schrieb. Erst nachdem Lanz sich einen Anwalt genommen hatte, kam es zu einer Einigung.

2008 folgte der Umzug

Nach der Pensionierung wird der vormals dienstälteste Stadtpolizist nur noch selten in Schlieren anzutreffen sein. Bereits 2008 hatte er seinen Wohnsitz dort nach fast drei Dekaden und Jahre nach der Scheidung von seiner ersten Frau aufgegeben, um mit einer neuen Partnerin an den Zürichsee zu ziehen. Er will sich künftig wieder vermehrt sportlich betätigen und Velotouren unternehmen, wie er sagt.

Für die Stadt sei es ein Verlust, wenn einer wie Lanz geht, sagt Stadtrat Bärtschiger: «Er war gerade auch für die älteren Leute eine wichtige Ansprechperson. Sie kennen ihn seit Jahren und gingen auf ihn zu, wenn sie ein Problem hatten», erklärt er. In einer Zeit, in der Gemeindepolizeien viele personelle Wechsel erleben, sei eine solche Figur sehr wichtig.

Wie recht er mit dieser Einschätzung hat, zeigt sich während des Interviews mit Lanz, das in einem Restaurant im Lilienzentrum stattfindet. Obwohl er keine Uniform trägt, tritt plötzlich eine ältere Frau an den Tisch und spricht ihn an. Ihr sei beim Einkaufen Geld aus der Tasche gestohlen worden, erklärt sie sichtlich verunsichert.

Lanz versucht, die Seniorin zu beruhigen. Er rät ihr, den Diebstahl wegen der Versicherung umgehend bei der Kantonspolizei zu melden, auch wenn wenig Hoffnung bestehe, dass die Täter geschnappt würden. Das sorgenvolle Gesicht der Dame entspannt sich. Sie dankt Lanz für den Rat, dreht sich um und trippelt in Richtung Ausgang.