Rotstift Reloaded

Rotstift Reloaded in Schlieren: Jürg Randeggers Heimkehr

Schlieren Dieser Cabaret-Abend sorgte nicht nur fürLacher. «Rotstift Reloaded»erinnerte viele hier an dasverstorbene Rotstift-Urgestein Martin von Aesch.

Toni Brühlmann-Jecklin geht schnellen Schrittes durch den Salmensaal. Eigentlich wollte der Stadtpräsident erst die morgige Vorstellung besuchen. Dennoch konnte er es nicht lassen, kurz nachzusehen, ob auch wirklich alles klappt. «Das ist ein ganz spezieller Abend für Schlieren», sagt er über die erstmalige Aufführung von «Rotstift Reloaded» in seiner Stadt. Mit der Hommage an das legendäre Cabaret Rotstift, das 1954 von Schlieremer Lehrern gegründet wurde, kehrt der Geist einer der bekanntesten Schweizer Cabaret-Truppe an seinen Geburtsort zurück.

«Jürg Randegger hat diesen Abend mit seinem schwarzen Humor als Abdankungsfeier fürs Cabaret Rotstift bezeichnet – und er hat recht», sagt Eva von Aesch, die Tochter des verstorbenen Rotstift-Mitbegründers Werner von Aesch. Nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 2008 fand seine Abdankungsfeier ebenfalls im Salmensaal statt. Was Randegger, dem einzigen ehemaligen Rotstift-Mitglied in der aktuellen Produktion, gelang, gelingt auch dem ganzen Ensemble: dem Cabaret Rotstift auf eine Weise zu gedenken, bei der melancholischer Ernst und liebevoller Humor zusammenfallen.

Der Segen der von Aeschs
Im April sei sie mit einigen Familienmitgliedern und sehr gemischten Gefühlen zur Premiere von «Rotstift Reloaded» gegangen, erzählt Eva von Aesch – «und wir waren alle begeistert. Dieses Stück ist meinem Vater würdig.» Eva von Aesch ist nicht die Einzige, die an diesem Abend von Erinnerungen an das Cabaret übermannt wird. Nach eineinhalb Stunden plus Zugabe läuft ein sichtlich aufgewühlter Jean-Claude Perrin als einer der letzten Zuschauer aus dem Saal. «Es war hart», beschreibt er seine Erfahrung.

Der Schlieremer alt-Stadtrat hat zur gleichen Zeit wie Werner von Aesch im Schulhaus Hofacker als Primarlehrer unterrichtet. Er habe mehr Distanz zur Vergangenheit erwartet, sagt Perrin. Dennoch lobt er das Stück in höchsten Tönen. Randegger sei «schlicht grandios» gewesen. «Das Stück ist typisch Rotstift: frech und dennoch sehr subtil.» Feinfühlig nehme es die Behörden der Stadt Schlieren auf die Schippe.

«Rotstift Reloaded» erzählt die Geschichte der Einweihung eines Kreisels in Schlieren zu Ehren des Cabarets Rotstift. Randegger, der sich selber spielt, stösst zufällig zu den Vorbereitungen und wird spontan in die Proben einiger Rotstift-Nummern involviert, die für die Einweihung geprobt werden. Für Randegger ist der Auftritt im Salmensaal ein Triumph. Seine Nummern werden mit Lachen und wiederholtem Szenenapplaus gefeiert.

Randeggers Cabaret-Comeback: «Rotstift Reloaded» feiert am 9. April Premiere im Millers Studio in Zürich.

Randeggers Cabaret-Comeback: «Rotstift Reloaded» feiert Premiere im Millers Studio in Zürich.

Biographische Spuren
In all den Jahrzehnten, in denen das Cabaret Rotstift «den Namen Schlierens in die Schweiz hinausgetragen hat», wie es Stadtpräsident Brühlmann-Jecklin ausdrückt, haben die lustigen Primarlehrer in mancher Biografie ihre Spuren hinterlassen. Esther Arnet Notter, die derzeitige Direktorin der Stadtzürcher Dienstabteilung Verkehr, die mit ihrem Mann, alt-Regierungsrat Markus Notter, im Salmensaal platzgenommen hat, ging selbst zu Martin von Aesch in die Schule. Damit war sie automatisch auch bei den Schlieremer Chind, die im Stück als Geister aus dem jenseits vorsprechen. Wenn auf der Bühne das wundervoll sentimentale Stück «Ballön» angestimmt wird, fühlt sich in die Vergangenheit zurückversetzt: «Dieses Lied haben wir auch mit den Schlieremer Chind gespielt.»

«Es ist toll und wichtig, dass dieses Stück in Schlieren aufgeführt wird», sagt Arnet Notter. «Es gehört zur Kulturgeschichte dieser Stadt.» Und Markus Notter ergänzt: «Das Stück ist sehr gut gelungen, es hätte auch eine peinliche Bauchpinselei werden können.» Bei einem Besuch bei Jott Jenny, den Notter gut kennt, bei dem auch Randegger anwesend war, wurde Notter gar Zeuge der Vorgeschichte des Stücks. «Randegger hat Zigarre geraucht und Jenny hat ihn bearbeitet, er solle doch bei dem Stück mitmachen», erzählt Notter.

Die Schlieremer Prominenz ist gut vertreten im Salmensaal. So verfolgen etwa auch die Friedensrichterin Eliane Graf oder der alt-Stadtrat Karl Wälti die Vorstellung. Sie dürfen zuschauen, wie ihre Stadt liebevoll auf die Schippe genommen und zugleich auch geehrt wird. Die Macher haben keine Gelegenheit zur Referenz an die Limmattaler Stadt ausgelassen: von der Schönheit des Gaswerks über den Einischnitt der Limmattalbahn bis zum Shoppingtrip nach Spreitenbach.

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