Kein Veloverleihsystem
Rotes Licht für Leihvelos: Darum sind die Limmattaler vorerst auf ihr eigenes Zweirad angewiesen

Damit ein Fahrradverleihsystem im Limmattal eingeführt werden könnte, müssten sich die Gemeinden zusammenschliessen. Doch ist das Bedürfnis nach dem Zweirad-to-go überhaupt vorhanden?

Fabienne Eisenring
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Gian Ehrenzeller/Keystone

Wenn Sie im Limmattal auf zwei Rädern unterwegs sein wollen, sind Sie vorerst auf Ihren eigenen Drahtesel angewiesen. Anders die Stadtzürcher: Ende Juni erhielt die Firma Publi-Bike den Zuschlag, ein öffentliches Veloverleihsystem in der ganzen Stadt zu installieren. 2250 Leihvelos an 150 Stationen sollen bald verfügbar sein.

Das Limmattal ist beim Projekt nicht mit von der Partie. Das hätte anders laufen können, wäre es nach dem Dietiker Gemeinderat Ernst Joss (AL) gegangen. 2012 entschied der Dietiker Gemeinderat aber deutlich gegen die Einführung eines Fahrradverleihsystems auf Stadtgebiet. Joss, der die Idee vor fünf Jahren in einer Motion vorgebracht hatte, bedauerte kürzlich in einem Leserbrief in dieser Zeitung, dass Dietikon damals die Zusammenarbeit mit der Stadt Zürich nicht angestrebt hatte. «Der grosse Vorteil eines Verleihsystems ist es, dass einem immer und überall ein Velo zur Verfügung steht – gerade dann, wenn das eigene nicht in Reichweite ist», sagt Joss auf Anfrage.

«Der grosse Vorteil eines Verleihsystems ist es, dass einem immer und überall ein Velo zur Verfügung steht – gerade dann, wenn das eigene nicht in Reichweite ist.» Ernst Joss, Dietiker Gemeinderat (AL)

«Der grosse Vorteil eines Verleihsystems ist es, dass einem immer und überall ein Velo zur Verfügung steht – gerade dann, wenn das eigene nicht in Reichweite ist.» Ernst Joss, Dietiker Gemeinderat (AL)

Zur Verfügung gestellt

Bedarf muss geklärt werden

Ungünstig ist der Zeitpunkt nicht, erneut über ein Veloverleihsystem im Limmattal nachzudenken. Der kantonale Richtplan postuliert, dass die Mobilitätsbedürfnisse in der Region in Zukunft vermehrt mit dem öffentlichen Verkehr und dem Fahrrad befriedigt werden sollen. «Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es ein Massnahmenpaket, das schrittweise umgesetzt werden muss», schreibt die Stadt Dietikon auf Anfrage. Eine Herausforderung, die die einzelnen Limmattaler Gemeinden nicht alleine würden bewältigen können: «Es braucht ein gemeinsames Vorgehen unter Einbezug des Kantons und allenfalls auch der Partner aus dem Kanton Aargau.» Aus Sicht der Stadt Dietikon könnte ein Fahrradverleih «eine zweckmässige Massnahme» sein, die Ziele des kantonalen Richtplans zu erreichen.

Heinz Schröder, Fachplaner der Zürcher Planungsgruppe Limmattal (ZPL), ist sich nicht sicher, ob ein Bedürfnis nach Leihvelos ausserhalb der Grenzen der Stadt Zürich nachzuweisen ist. Ob ein Veloverleihsystem regional koordiniert und entwickelt werden kann, komme letztlich auf die Massnahmenträger an. «Soll eine solche Lösung portiert werden, dann braucht es sicherlich einen Anschluss ans System der Stadt Zürich oder einen Gemeinde-Verbund.»

Das meinen die grossen Gemeinden

Dem Projekt in den Sattel helfen würde die Gemeinde Urdorf, wie sie auf Anfrage mitteilt. Sie begrüsse Massnahmen, die die Lärm- und Verkehrsbelastung des Limmattals eindämmen. Der öffentliche und der Langsamverkehr würden etwa eine grosse Rolle in der Entwicklungsstrategie für das Gebiet Urdorf-Nord spielen. Verkehrsträger wie die Limmattalbahn oder die S-Bahn sollen «bestens erreichbar» sein, wobei Sharing-Economy-Elemente wie ein Veloverleih ein Lösungsansatz sein könnten, heisst es weiter. Bisher sei von Urdorfer Einwohnern oder Unternehmen jedoch kein Bedürfnis an die Gemeinde herangetragen worden.

Ihre Nachbarstadt beobachtete dasselbe: «Die Nachfrage nach Leihvelos war und ist nur für Schlieren zu klein», so der Schlieremer Bauvorstand Markus Bärtschiger (SP). Ein grossräumiges Verleihsystem hingegen würde die Stadt begrüssen. Mit einem Gemeinde-Verbund könne der Aufwand für das Bestellwesen, das Marketing und die Bereitstellung geteilt werden, so Bärtschiger. Gleichwohl stelle sich die Frage, ob die Einführung eine Aufgabe der öffentlichen Hand sei oder ob ein privater Anbieter das Steuer übernehmen könne.

Rechts der Limmat klingt es verhaltener. «Noch nie mehr als fünf Velos» habe der Oberengstringer Gemeindepräsident André Bender (SVP) vor der Migros seiner Gemeinde je gesehen. Das am Berg gelegene Oberengstringen sei eben «nicht velo-freundlich», da es wenige ebene Strecken biete. «Nicht alles, was man in der Stadt Zürich braucht, braucht man auch in der Agglomeration», sagt Bender. Dass auch das «Mobility Carsharing» an der Stadtgrenze Halt gemacht habe, bestätige dies. Doch er sage «niemals nie»; vor allem im Hinblick auf die geplante Veloroute von Oberengstringen nach Schlieren.

Velowegnetz könnte profitieren

«Realisierbar wäre ein Fahrradverleihsystem im Grossraum Zürich rein technisch auf jeden Fall», sagt Res Marti, Präsident von Pro Velo Zürich. Ob es auch finanzierbar wäre, sei eine andere Frage. «Je grösser ein stationäres Verleihsystem, desto teurer seine Bewirtschaftung. Die Fahrräder müssen über weitere Distanzen repariert und mit Lastwagen umverteilt werden.» Pro Velo-Geschäftsführer Dave Durner glaubt derweil nicht, dass ein grösseres Angebot an Leihvelos Anreiz zum Wechseln des Verkehrsträgers setzt. «Vielmehr übt es Druck auf die Behörden aus, etwa in Bezug auf sicherere Velowege.»

Mit letzteren setzt sich Heinz Schröder von der ZPL zurzeit auseinander. Wichtiger als ein Verleihsystem scheine ihm die Bereitstellung eines attraktiven Velowegnetzes und von genügend Abstellplätzen an Bahnhöfen für jene, die das ‹Bike and Ride›-Konzept nutzen.

Vorerst also rotes Licht für die Leihvelos im Limmattal. Ernst Joss ist klar, dass die Einführung eines öffentlichen Verleihsystems Beharrlichkeit brauche. «Die Gemeinden können immer noch einen Antrag bei der Stadt Zürich stellen», sagt er mit Nachdruck. Einen erneuten Vorstoss plant er so bald nicht. Wenn das System in der Stadt Zürich in Betrieb sei, werde er sein Anliegen im Gemeinderat wieder vorbringen.