Ein Strand, das Meer, ein Kaktus und ein verlassenes Fischerboot. Nüchtern betrachtet liesse sich damit Rosanna Speras Werk beschreiben. Doch hinter dem Bild der Künstlerin steckt mehr. Mit jedem Pinselstrich, den die Weiningerin über die Leinwand zieht, nähert sich Spera ihren eigenen Gefühlen an. «Das könnte mein Boot sein, mit dem ich gestrandet und danach verschwunden bin», beschreibt sie das in Blautönen gehaltene Werk. 2011 an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS erkrankt, gehört für Spera die Auseinandersetzung mit dem Tod zum Alltag. Drei bis fünf Jahre haben Betroffene nach der Diagnose durchschnittlich noch zu leben.

Mit Liebe zum kleinsten Detail

Viele Bilder der Malerin sind melancholisch und sinnlich. «Ich male, wozu immer mich mein Bauchgefühl verleitet», so die 56-Jährige. Die Lebensfreude und der Mut haben die Künstlerin aufgrund ihrer Krankheit aber nicht verlassen. «Noch bin ich da und kann am Leben teilhaben», sagt sie und schmunzelt. Zeit mit ihrer Familie zu verbringen und zu geniessen, sei ihr wichtig.

Mut und Kraft schenkt Spera auch die Kunst, die sie schon von Kind auf begeisterte. Was schon immer ein wichtiger Teil ihres Lebens war, sei durch die Krankheit noch verstärkt worden. «Wenn ich male, bin ich ganz bei mir und kann meinen Gefühlen freien Lauf lassen.»

Mittlerweile hält Spera den Pinsel beim Malen mit beiden Händen und auch grössere Bildformate liegen mangels Kräfte nicht mehr drin. Doch das schränkt die Ausdruckskraft ihrer Kunst nicht ein. Als Perfektionistin malt Spera so lange an einem Bild, bis jedes noch so kleinste Detail stimmt. «Vor allem das Verhältnis von Licht und Schatten muss absolut stimmig sein», sagt sie. Diese Genauigkeit hat zur Folge, dass die Endergebnisse von weitem kaum von einer Fotografie zu unterscheiden sind. «Ich mag Ästhetik eben sehr», sagt Rosanna Spera.

Neues Bild für Ausstellung

Da die Künstlerin im Alltag fast ständig auf fremde Hilfe angewiesen ist, geniesst sie es, beim Malen selbst kreieren zu können. «Die Kunst gibt mir Bestätigung», sagt Spera. Mit ihren Bildern wolle sie beim Betrachter Spuren hinterlassen. «Ich will die Leute auf meine Krankheit aufmerksam machen und sie aufklären, was ALS überhaupt ist», sagt die Künstlerin. Denn es könne jeden treffen, jederzeit. Ganz egal, ob jung oder alt. ALS sei die Krankheit der tausend Abschiede. «Fortlaufend muss man loslassen.» Plötzlich könne man den Hosenknopf nicht mehr selbst schliessen und irgendwann versagten die Beine, bis schliesslich der ganze Körper gelähmt ist.

Schon oft dachte Rosanna Spera, das Bild vor ihr auf der Staffelei würde ihr letztes sein. «Doch dann habe ich es fertiggestellt und begann die nächste unbemalte Fläche mit Farbe zu füllen», so Spera. Bis jetzt habe es immer noch ein nächstes Bild gegeben. Ihr nächstes grosses Projekt ist ein Gemälde zum Thema Zeit, dass sie für eine Ausstellung malt. «Für die Erstellung des Bildes werde ich mir ebenfalls Zeit lassen», sagt Spera und zwinkert.