Urdorf

Romy Müller und Miro Slezak reisten im VW-Bus bis nach Tibet

Sie zitterten um das Visum für die Einreise in den Iran, sie fuhren mit ihrem alten orangefarbenen VW-Bus über Schotterpisten in Tadschikistan, und sie umrundeten den heiligen Berg Kailash in Tibet zu Fuss.

Sechs Monate lang reisten Romy Müller (61) und Miro Slezak (66) aus Urdorf von der Schweiz aus über die Seidenstrasse bis nach Tibet. Von ihren Abenteuern berichteten sie regelmässig in der az Limmattaler Zeitung. Seit zwei Wochen sind sie wieder zu Hause.

Frau Müller, Herr Slezak, wie ist es, nach sechs Monaten Reisen und Leben im VW-Bus wieder hier zu sein?

Romy Müller: Es ist sehr angenehm. Unsere Wohnung kommt uns jetzt sehr gross und sauber vor. (lacht)

Miro Slezak: Wenn man lange Zeit keine saubere Toilette und Badewanne hat, schätzt man diese Dinge danach umso mehr. Unser VW-Bus ist 4,5 Meter lang und 1,80 Meter breit. Da bleibt wenig Platz zum Kochen, Wohnen, Schlafen und Fahren.

Trotz des Komforts zu Hause: Sind Sie nach der Rückkehr in ein Loch gefallen?

Müller: Nein. Die Reise war von Anfang an auf sechs Monate beschränkt; da konnten wir uns innerlich auf das Ende vorbereiten.

Slezak: Für jüngere Langzeitreisende ist das sicher anders. Sie müssen nach der Heimkehr wieder ins Berufsleben einsteigen, morgens früh aufstehen. Bei uns Pensionierten ist dieser harte Übergang zwischen Ferien und Alltag glücklicherweise etwas verwischt.

Zudem planen Sie bereits die Fortsetzung Ihrer Reise nach Indien. Den VW-Bus haben Sie deshalb in Nepal stationiert.

Müller: Genau. Er steht jetzt auf einem Hotelparkplatz in Kathmandu. Dort wird er rund um die Uhr bewacht. Im März möchten wir mit ihm nach Indien und Südostasien weiterreisen.

Die letzte Reise hat am VW-Bus Spuren hinterlassen: In Italien wurden Sie von einem Lastwagen gerammt. Welche weiteren Stresssituationen haben Sie erlebt?

Müller:Der heikelste Moment war sicher, als wir an der Grenze zu Usbekistan wegen Verdacht auf illegale Drogeneinfuhr festgehalten wurden. Ein Grenzbeamter hatte unsere Schlaftabletten für Drogen gehalten. Als wir sie ihm übergaben, vernichtete er die Tabletten und man liess uns einreisen. Trotzdem war uns nicht mehr wohl in dieser Situation.

Was war die schönste Erfahrung während Ihrer Reise?

Müller: Die grosse Hilfsbereitschaft der Menschen – besonders im Iran, aber auch in den anderen Ländern.

Slezak: Lustig war ein Erlebnis am Kaspischen Meer. Romy ging eines Morgens fotografieren, als die Fischer mit ihren Booten zurückkehrten. Die schenkten ihr einen riesigen Fisch.

Müller: Wir hatten zuvor noch nie einen Fisch ausgenommen. (lacht)

Sie kochten zu einem grossen Teil selber im VW-Bus – immer exotisch oder führten Sie in der Küche ein Stück Heimat mit?

Müller: Ja, ich nahm die Gewürze aus der Schweiz mit. Ich war zu wenig experimentierfreudig, um all diese fremden Gewürze auszuprobieren. Zudem hatten wir eine grosse Menge Spaghetti dabei. Die kann man zwar auch im Ausland kaufen, aber so gut wie bei uns in der Schweiz schmecken sie dort nicht.

In der Türkei, in Usbekistan oder im Tibet begegneten Sie unterschiedlichsten Kulturen. Gab es Konflikte oder Missverständnisse?

Müller:Nicht dass ich wüsste. Wir begegnen den Leuten mit Respekt – dann verzeihen sie einem einen Fauxpas. Zudem bereiten wir uns auf unsere Reiseländer vor.

Wie?

Müller: Wir lesen viel. So wussten wir etwa, dass man eine Jurte (Nomadenzelt, Anmerkung der Redaktion) nie mit Schuhen betritt.

Wie sieht es mit den Sprachen aus? Wie verständigten Sie sich?

Slezak: In den iranischen Städten oder in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu kamen wir beispielsweise mit Englisch gut durch. Zudem spreche ich ein wenig Russisch, weil ich in der ehemaligen Tschechoslowakei aufgewachsen bin. So konnte ich mich mit den Menschen in ehemals sowjetischen Ländern wie Turkmenistan oder Usbekistan einigermassen unterhalten.

Die angesprochenen Reiseländer sind nicht ungefährlich. Wurden Sie nie angegriffen?

Slezak: Nein, wir hatten Glück. Ein deutsches Paar, mit dem wir Kontakt hatten, wurde in Kirgistan überfallen. Das rüttelt auf, auch wenn man selber vorsichtig ist. Wir führten einen Pfefferspray mit und parkierten unser Auto nachts möglichst unauffällig. Wenn jemand an die Fensterscheiben klopfte, öffneten wir die Autotür nicht. Das passierte uns in der Türkei, als zwei Männer mitten in der Nacht auftauchten. Sie wollten wohl wissen, warum wir nicht in einem Hotel übernachteten.

Was reizt Sie trotz Risiko an solchen Abenteuerreisen?

Müller:Wir wollen Neues entdecken. Wenn man nur zu zweit mit dem Auto statt mit einer Reisegruppe unterwegs ist, hat man einen besseren Zugang zu den Menschen. Das macht für uns das Reisen aus. Zudem reizt uns die Herausforderung, etwas nicht ganz Einfaches anzupacken und zu meistern.

Ihre Reiseerlebnisse halten Sie jeweils fotografisch fest und berichten an Referaten darüber.

Müller: Genau, am 14. März präsentiere ich im Auftrag der Kulturkommission Urdorf eine Tonbildschau über unsere letzte Reise. Für mich sind diese Vorträge eine nachträgliche Verabreitung des Erlebten.

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