Elsbeth Fuhrer, Sie organisieren nächsten Samstag für den Behindertensportclub Limmattal ein nationales Unihockeyturnier und betreuen gleichzeitig die einheimische Mannschaft. Ist das Team bereit?

Elsbeth Fuhrer: Eigentlich schon. Die Herausforderung in der Vorbereitung besteht darin, dass sich unser Team sowohl aus Spielern mit einer geistigen, oder wie wir sagen Mehrfachbehinderung, als auch aus solchen mit einer körperlichen Behinderung zusammensetzt. Unihockey ist vor allem für Menschen mit einer Lernbehinderung gedacht. Seit zehn Jahren bin ich nun aber dabei, auch körperlich Behinderte in unsere Gruppe zu integrieren.

Wie funktioniert die Integration?

Sehr gut. Ich war erstaunt. Als ich damit begann, dachte ich, dass es zu Rivalitäten kommen wird. Mittlerweile hat sich die Gruppe eingespielt. Im Zentrum steht die Freude, gemeinsam etwas zu machen. Allerdings stelle ich immer wieder Unterschiede bei der Einstellung fest.

Was sind die Gründe für diese Unterschiede in der Einstellung?

Körperbehinderte Sportlerinnen und Sportler setzen sich im Spiel zusätzlich auch mental ein, da ihre körperlichen Funktionen eingeschränkt sind und sie aber trotzdem ihre persönliche Leistungsgrenze erreichen möchten. Mehrfach behinderte Menschen spielen mit viel Freude und Motivation ihren Möglichkeiten entsprechend.

Was steht beim Turnier von nächster Woche im Vordergrund, der Sieg oder die Freude am Mitmachen?

Ganz klar die Freude. Ziel ist es, dass jeder mitmachen kann. Mein oberstes Gebot ist ohnehin die Integration.

Welche Rolle spielt der Sport für Behinderte, um sich in der Gesellschaft zurechtzufinden?

Der Sport spielt eine sehr wichtige Rolle. Durch den Sport gewinnt eine behinderte Person an Selbstsicherheit. Sie merkt, dass sie trotz Handicap Leistungen erbringen kann, an die sie zuerst gar nicht geglaubt hat. Zudem kommt man durch den Sport unter Menschen. Es wäre schön, wenn am Turnier auch Leute vorbeischauen würden, die mit Behindertensport bislang nichts zu tun hatten. Das würde die Sportler enorm freuen.

Welche Sportarten haben Sie betrieben?

Ich habe Leichtathletik gemacht. Ich war auch im Skiteam und habe mit dem Langlaufschlitten an Wettkämpfen teilgenommen. Den Schlitten habe ich immer noch, aber an Wettkämpfen mache ich nicht mehr mit.

Hat der Sport auch Ihnen geholfen, Ihre Selbstsicherheit zu stärken?

Auf jeden Fall. Mein Mann war nicht behindert, auch meine beiden Töchter sind nicht behindert. Ich habe dieselben Dinge gemacht wie Menschen ohne Behinderung.

Sie sind an Polio, also Kinderlähmung, erkrankt. Waren Sie von Geburt an auf den Rollstuhl angewiesen?

Nein. Ich habe meine Töchter auf den Armen getragen. Zum Gehen brauchte ich einen Stock. Auch heute sitze ich nicht immer im Rollstuhl. Er erleichtert einem aber das Leben. Er ist ein wichtiges Hilfsmittel in meinem Alltag.

Sie können Ihren Alltag also gut bestreiten?

Ja, es geht sehr gut. Wobei erst ein gewisser Aufbau nötig war. Wenn ich denke, was meine Eltern alles für mich gemacht haben. Bis ich in die Schule kam, war ich nie zu Hause. Ich wechselte von Klinik zu Klinik. Ich konnte mich damals gar nicht mehr bewegen. Meine Eltern haben alles für mich getan. Später konnte ich zu Fuss zum Schulhaus. Meine Schulkollegen haben mir dabei geholfen, indem sie beispielsweise meinen Rucksack trugen. Es ist sehr wichtig, wie Behinderte auf nicht behinderte Menschen zugehen.

Inwiefern?

Es wichtig, dass man sagt, wenn man Hilfe braucht. Ansonsten will ich ganz normal behandelt werden wie jeder andere auch.

Werden Sie gleich behandelt wie jeder andere?

Ja. Ich war immer in Gesellschaft von nicht Behinderten, musste mir aber auch Mühe geben, mitzuhalten. Das hat mich sicher geprägt.

Ihre Botschaft lautet, dass man auf die Leute zugehen muss?

Ja. Vor allem darf man nicht mit der Erwartung nach draussen gehen, andere müssten auf einen zukommen. Es ist wichtig, dass behinderte Menschen die Initiative ergreifen.

Sie sind äusserst motiviert und aufgestellt. Das dürfte nicht bei allen Behinderten so sein?

Nein, es gibt ganz viele, die sind enorm frustriert. Diese Leute kommen auch nicht in den Behindertensportclub. Sie unterscheiden sich aber nicht gross von nicht Behinderten. Es gibt einfach Leute, die Gesellschaft meiden.

Hatten Sie auch solche Tiefs?

Ja. Schwierig war es im Alter von 18 bis 20 Jahren. Ich wurde damals von meinen Freunden überallhin mitgenommen, auch zum Tanzen. Leider konnte ich nie mitmachen. Das tat manchmal weh. Den jungen Leuten in meiner Trainingsgruppe geht es heute nicht anders. Viele hätten gerne eine Freundin, finden aber keine.

Welchen Ratschlag geben Sie ihnen mit?

Ich rate ihnen zu Geduld. Sie sollen warten, bis sie älter sind. Auch ihre Mitmenschen werden älter und reifer. Dadurch ändert sich der Umgang mit behinderten Menschen.

Sie sagen, Integration sei Ihnen wichtig. Damit sie funktioniert, muss der Umgang untereinander stimmen. Was können nicht behinderte im Umgang mit behinderten Menschen diesbezüglich falsch machen?

Mitleid muss man sofort streichen. Ansonsten soll man mit behinderten Menschen ganz normal umgehen. Ich mag es nicht, wenn Leute, ohne zu fragen, an meinem Rollstuhl herumreissen. Man kann ganz anständig fragen, ob ich Hilfe brauche. Ich erkläre dann, weshalb ich keine Hilfe brauche oder warum es schön wäre, wenn man mir hilft.

Wie hat sich der Umgang mit behinderten Menschen in den letzten Jahren verändert?

Es ist viel besser geworden. Gerade in Regionen, wo Behindertenorganisationen aktiv sind. Ich war kürzlich am Herbstfest des Elternvereins Unterengstringen. Dort hatten wir einen Stand. Es war richtig lässig. Anfänglich waren die Kinder etwas skeptisch. Dann probierten sie es aus, in einem Rollstuhl zu fahren. Beim Büchsenwerfen haben die Kinder ungefragt geholfen, die Büchsen wieder aufzustellen. Das war für sie selbstverständlich.