Schlieren
Rolf Wild: «Das Schlierefäscht fördert das Selbstbewusstsein»

Die Aufregung steigt: Am2. September startet das 10-tägige Schlierefäscht. OK-Präsident Rolf Wild erzählt, wie bereits die Vorbereitungen viele Stadtbewohner enger zusammengeschweisst haben.

Nicole Emmenegger
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Freut sich auf die zehntägige Ausgabe des Schlierefäschts: OK-Präsident Rolf Wild beim Aufbau des Zirkuszelts beim Schulhaus Hofacker. Nicole Emmenegger

Freut sich auf die zehntägige Ausgabe des Schlierefäschts: OK-Präsident Rolf Wild beim Aufbau des Zirkuszelts beim Schulhaus Hofacker. Nicole Emmenegger

Limmattaler Zeitung

Herr Wild, das Schlierefäscht 2011 steht vor der Tür, mit einem zehntägigen Mammutprogramm. Kommt die Stadtverwaltung derzeit überhaupt noch zum Arbeiten – mal abgesehen von den Festvorbereitungen?

Rolf Wild: Ja, die Verwaltung funktioniert mehrheitlich normal. Nur wenige Angestellte sind direkt involviert: zum Beispiel Standortförderer Albert Schweizer, der für das Schlierefäscht als Sponsoring-Chef tätig ist, ich als OK-Präsident und in den nächsten Tagen die Stadtpolizei, die Hausabwarte und die Abteilung Werke, Versorgung und Anlagen. Bei uns häufen sich jetzt die Telefonate, die letzten Vorbereitungen laufen.

Das Fest ist im restlichen Stadthaus noch gar nicht richtig angekommen?

Doch, inzwischen schon. Lange Zeit war die Stimmung im Stadthaus gleich wie draussen in der Stadt: Das Fest war weit weg. Aber jetzt, wo die ersten Bauten aufgestellt werden, wird man von den Kolleginnen und Kollegen angesprochen und gefragt: «Wie läuft es?» Die Angestellten wurden auch bereits informiert, dass die Parkplätze des Stadthauses wegen des Festbetriebs nur eingeschränkt genutzt werden können.

Gibt es weitere Behinderungen durch das Fest – etwa für die Anwohner?

Es wird während dieser zehn Tage laut im und rund um das Festgelände. Das Motto heisst bekanntlich «Schliere lacht» – und Lachen ist nun einmal keine stumme Aktivität. Wir haben die Anwohner im Juni an einer Infoveranstaltung über die Auswirkungen des Fests orientiert, zudem gab es eine schriftliche Information.

Was raten Sie Anwohnern, die sich über den Lärm ärgern?

Sie sollen das Fest besuchen und geniessen, statt sich zu Hause über den Lärm zu ärgern.

Wie sieht es mit der Zufahrt zu den Liegenschaften im Quartier aus?

Da ein Stück der Freiestrasse zehn Tage lang gesperrt ist, ist die Zufahrt zeitweise eingeschränkt oder gar nicht möglich. Den Anwohnern, die keinen Zugang zu ihren Garagen mehr haben, stellen wir Parkplätze zur Verfügung.

Strassen werden am Schlierefäscht zu Partyzonen – zum Beispiel die Freiestrasse in Bereich des Stadthauses: Dort tanzen die Besucher am «Barrio Latino» zu Salsa oder Merengue.

Ja, von diesem Projekt wissen wir noch nicht lange (lacht) – eine super Sache, die es noch nie an einem Schlierefäscht gab. Auch andere Ideen haben wir erst vor Kurzem neu ins Programm aufgenommen: So findet beispielsweise im Stadtpark eine Zumba-Party statt. Dass solche spontane Ideen einfliessen konnten, liegt daran, dass das Schlierefäscht 2011 zehn statt wie üblich drei Tage dauert.

Ihre Idee eines zehntägigen Stadtfestes sorgte im Vorfeld aber auch für Kritik – unter anderem wegen der Kosten für die Stadt. Was sagen Sie heute: Braucht es die zehn Tage wirklich?

Ja, es braucht sie. Viele aufwändige, attraktive Programmpunkte – etwa die «Niederdorfoper» oder die Rückkehr der Schlieremer Chind – hätten ohne diese Dauer wenig Sinn gemacht. Die Skepsis in Schlieren war anfänglich sehr gross. Es hiess: «Seid ihr verrückt?» Die Angst, dass sich die Stadt mit einem Fest dieser Dimension überfordert, war spürbar.

Und heute?

Die Angst legte sich, als sich das Programm für die zehn Tage schnell füllte und die Vereine, Schulen, Verbände und Betriebe mit Begeisterung mitmachten. Das überraschte sogar mich, denn als ich ein zehntägiges Fest vorgeschlagen hatte, zog ich programmfreie Tage durchaus in Betracht. Mit Ausnahme einer Beiz haben sich aber alle Teilnehmer gegen eine Pause entschieden.

Schlieren steht jetzt hinter zehn Tagen Jubel, Trubel, Heiterkeit?

Genau. Selbst die grössten Skeptiker glauben jetzt daran, dass die längere Dauer richtig ist. Schlieren hat dieses aussergewöhnliche Fest verdient. Mehr noch: Schlieren braucht dieses Fest. Es gibt einem neuen Selbstbewusstsein der Stadt Ausdruck und fördert dieses zugleich. Die depressive Phase ist langsam überwunden. Jetzt darf Schlieren auch nach aussen signalisieren, dass es aufwärtsgeht. Aber auch die Schlieremer selbst sollen sich am Fest Zeit nehmen, über die Entwicklung ihrer Gemeinde nachzudenken und zu bemerken: «Wir haben es schön hier.»

Welche Veränderungen – nebst der Imagepolitur – soll das Fest bringen?

Ich wünsche mir einen Nachhall in der Bevölkerung und in der Wirtschaft. Die Leute sollen motiviert werden, über ihren eigenen Tellerrand zu schauen und etwas für die Gemeinschaft zu tun. Während der Vorbereitungen ist dies bereits vielerorts geschehen. Nach dem Fest haben die Schlieremer ein gemeinsames Thema, teilen unvergessliche Erinnerungen. Die Alltagsgespräche finden in einer gelösteren Atmosphäre statt. Das schweisst zusammen.

Und hilft über die Wehmut hinweg, dass am 11. September alles vorbei ist?

Ja (lacht), das Ende des Festes wird für die Beteiligten sicher etwas traurig. Einige werden nach der intensiven gemeinsamen Vorbereitung, nach der Euphorie und der Feierlaune in ein Loch fallen. Aber alles Schöne muss ein Ende haben.

Sonst würde man es ja auch nicht schätzen. Das Fest beeinflusst nicht nur das Stadtleben, sondern sicher auch Ihr eigenes Leben. Inwiefern?

Ich erhalte derzeit viel Lob, das ist schön. Das Fest ist zu meinem Hobby geworden und nimmt mich vor allem ausserhalb der Arbeitszeit in Anspruch.

Hat es Ihnen als OK-Präsident geholfen, dass Sie Ur-Schlieremer sind?

Bestimmt. Ich kenne jede Ecke dieser Stadt und weiss, wovon die Leute sprechen. Mir sind auch die Eigenheiten der Vereine bekannt. Deshalb war ich nicht überrascht, als die erste Reaktion auf meine Idee eines zehntägigen Stadtfests lautete: «Gehts eigentlich noch?» Aber ich wusste eben, dass es geht, dass sich das Projekt in Schlieren realisieren lässt.

Der Widerstand wäre grösser gewesen, wenn ein auswärtiger OK-Chef die Idee lanciert hätte?

Ja, das hätte wohl nicht geklappt. Als Ur-Schlieremer genoss ich zumindest ein gewisses Vertrauen, dass ich weiss, was man dieser Stadt zumuten kann.

Sie kennen die Stadt wie Ihre Hosentaschen. Hat Sie während der Vorbereitungen trotzdem etwas überrascht?

Was mich enorm freut, ist die Beteiligung der anderen Gemeinden aus der Region – zum Beispiel mit ihren eigenen Wagen am Festumzug. Toll ist auch die Zusammenarbeit mit Wirtschaft und Gewerbe. Das hat voll eingeschlagen.

Warum?

Die Begeisterung für das Schlierefäscht hat sich wie ein Virus verbreitet. Zudem konnte ich mit Albert Schweizer einen Mann mit guten Kontakten und Ideen als Sponsoring-Chef engagieren.

Mit welchen Ideen holte er die Wirtschaft an Bord?

Zum Beispiel mit dem kreativen Modell einer Teilfinanzierung der «Niederdorfoper» durch den Gewerbeverein. Dieser bezahlt den Sponsoringbetrag für das Musical nicht direkt, sondern organisiert eine Vorpremiere. Letztlich kam es zwischen den Wirtschaftsverbänden zu einem richtigen Wettbewerb, keiner wollte hinten anstehen. Das ist natürlich toll. Bei früheren Festen spielte das Sponsoring nur am Rand eine Rolle.

Zu den Finanzen: Das Parlament hat 2010 einen Kredit von 310000 Franken für das Fest gesprochen. Damals rechnete das OK mit Gesamtkosten von 860000 Franken. Heute ist man bei über 1 Million Franken. Muss die Stadt ihren Kredit aufstocken?

Nein, ich sehe kein Problem bei der Finanzierung. An der ersten OK-Sitzung sagte ich, dass wir uns keine Kreditüberschreitung leisten können – und diese Aussage wiederholte ich kürzlich bei einer Sitzung. Das Budget ist zwar gewachsen, damit aber auch die erwarteten Einnahmen.

Warum ist das Budget gewachsen?

Mehrausgaben verzeichnen wir vor allem bei den Bauten und bei der Sicherheit. Das hat unter anderem mit den qualitativ hoch stehenden Künstlern und deren Ansprüchen an die Bühnentechnik zu tun, die vom Sicherheitspersonal rund um die Uhr bewach wird.

Nebst dem Budget hat sich auch das Konzept zur Einbindung der Quartiere geändert.

Ja, das ist ein Kapitel, bei dem sich das OK ehrlich gesagt schwergetan hat. Wir stellten uns die Frage: «Wie locken wir die Quartierbewohner ins Stadtzentrum, wo sich das Festgelände befindet?» Von der Idee, Festbotschafter mit Events und Ständen in die Quartiere zu schicken, sind wir schnell abgekommen. Sie hätten wohl zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, und wir wollten diese Leute nicht «verheizen». Wir setzen nun auf intensive Medienarbeit und Werbung mit unserem Logo.

Und am Bahnhof werden Gipfeli und Schlierefäscht-Flyer verteilt.

Genau. Wir konzentrieren unsere Werbeveranstaltungen auf den Bahnhof. Zum Festauftakt am Freitag werden unsere Leute dort sein, um die Menschen auf den Anlass aufmerksam zu machen. Am Montag stehen wir wieder am Bahnhof und sagen: «Das Schlierefäscht geht weiter». Am Mittwoch ist eine Gipfeli-Aktion geplant, die auf unseren «Tag der Pendler» am 8. Mai aufmerksam macht.

Wie muss ich mir diese Auftritte vorstellen? Tragen die Promoter Kostüme?

Clown Mugg, die Symbolfigur von «Schliere lacht», ist mit seinem Zirkusprogramm dabei. Zudem werden Gummibärchen und Nastücher mit dem Festlogo und Programmflyer verteilt. Muggs Team hat übrigens einen speziellen Zirkuswagen gebaut, der sich in eine Bühne verwandeln lässt. Mit dieser mobilen Bühne werden wir möglicherweise doch noch vereinzelt in die Quartiere gehen.

Unabhängig vom Erfolg dieser Werbung: Sie werden am Schlierefäscht sicher anzutreffen sein. Wie sieht Ihr persönliches Programmheft aus?

Ich habe die Programmpunkte mit verschiedenen Farben markiert, um die Kategorien zu kennzeichnen (lacht): Es gibt Anlässe wie Eröffnungen oder Premieren, an denen ich als OK-Präsident zwingend anwesend sein muss. Andere besuche ich, um die Beteiligten zu motivieren. Wieder andere interessieren mich persönlich.

Zum Beispiel?

Die «Swiss Band» am ersten Festtag – wobei ich dafür wahrscheinlich bloss eine Viertelstunde Zeit habe, weil ich danach am Eröffnungsapéro teilnehme. Dann natürlich das Konzert von «Les Sauterelles» mit Toni Vescoli. Der Fest- und Konzertbetrieb im «‹Live im Park» fasziniert mich ebenfalls.

Werden Sie am Fest nur noch geniessen oder auch mithelfen?

Ich packe mit an, das gehört dazu. Letzte Woche habe ich beispielsweise beim Aufstellen des Zirkuszelts beim Schulhaus Hofacker geholfen. Dies eher auf symbolische Art, weil genügend kräftige Männer vor Ort waren. Zudem werde ich eine Schicht in der «Schmittebeiz» arbeiten und nach dem Fest beim Abräumen mitwirken. Nur so kann ich das Schlierefäscht wirklich spüren und mittendrin sein.