«Leider müssen wir feststellen, dass Petrus wohl wirklich kein Gewerkschafter ist», sagte die Dietiker Kantons- und Gemeinderätin Rosmarie Joss (SP) zu den Gästen auf dem Kirchplatz. Zum wiederholten Mal war die 1.-Mai-Feier in Dietikon auf das Dach der Markthalle als Wetterschutz angewiesen. Auf den Festbänken reihte sich eine warme Winterjacke an die nächste, einige der knapp 100 Besucher hatten Decken mitgebracht. Auch Musiker Giorgio Palmisano alias «G-Bluesoul» gelang es trotz sonniger Songauswahl nicht, den Regen zu vertreiben.

Den Anfang am Rednerpult machte Kantonsratspräsident Rolf Steiner (SP); «einer von uns», wie Joss ihn vorstellte. Seit Jahren hilft der Dietiker im Hintergrund beim 1.-Mai-Fest mit, das jeweils gemeinsam von SP, AL, Gewerkschaften und der Schweizer Sektion des Partito Democratico organisiert wird. Gestern sprach er über den Bezirk im Wandel: «Die rasante Entwicklung kann man gut finden oder nicht, aber man muss sich ihr stellen.» Ausserdem attestierte er der Dietiker Sozialabteilung teilweise mangelnde Solidarität mit Schwächeren, forderte, die über 40 Prozent Ausländer in der Stadt am politischen Geschehen teilnehmen zu lassen, und referierte über die Verkehrsprobleme im Limmattal, die die Grossprojekte Gubristtunnel und Limmattalbahn verbessern sollen. Just als er die erneuten Bestrebungen kritisierte, die Limmattalbahn zu stoppen, lärmte im Hintergrund eine BDWM-Bahn vorbei, was für einige Lacher sorgte.

Rolf Steiner über Leimgrübler

Rolf Steiner über die Statthalterwahl am 21. Mai

«Ich laufe wohl wieder Gefahr, dass man mir mit einer Strafanzeige droht», führte Steiner in sein letztes Thema ein: die bevorstehende Statthalterwahl. Er resümierte die Kontroverse um die Entlassung von Adrian Leimgrübler und betonte, dass es sich dabei nicht um leichtsinnige Wahlkampftaktiken, sondern um fundamentale Probleme handle. «Sie wissen, dass eine künftige Zusammenarbeit nie mehr möglich ist», kommentierte er die Mitteilung von acht Statthaltern des Kantons, die Leimgrüblers Amtsführung scharf kritisierten und sich gegen seine Wiederwahl stellten.

Plädoyer für öffentliche Spitäler

Als zweiter Redner griff der Zürcher SP-Nationalrat und Arzt Angelo Barrile die Debatte um Spitalprivatisierungen auf – am 21. Mai wird über eine Privatisierung des Kantonsspitals sowie der Integrierten Psychiatrie Winterthur abgestimmt. Spitäler sollen wirtschaftlich arbeiten, aber nicht profitorientiert, sagte der schweizerisch-italienische Doppelbürger, der den ersten Teil seiner Rede auf Italienisch hielt. Sonst «steht nicht mehr der kranke Mensch im Zentrum, sondern nur der Gewinn».

Barrile betonte, wie wichtig es sei, dass Spitäler ein Service public bleiben, und warnte vor falschen Gewinnanreizen im Fall einer Privatisierung. «Kämpfen wir auch weiterhin für einen starken Service public», beendete er seine Ansprache. Während Giorgio Palmisano als Tribut an den vorgestern gestorbenen Alpinisten Ueli Steck «What a Wonderful World» anstimmte, wurde an den aufgestellten Festbänken angeregt weiterdiskutiert.