Gebärdensprache
Rolf Perrollaz hört nichts mehr - ausser Musik in seiner Brust

Rolf Perrollaz hört die Vögel nicht pfeifen, die Glocken nicht schlagen, die Leute am Tisch nicht reden. Aber was er hört, ist Musik. Obwohl er sich selbst nicht mehr hört, weiss Perrollaz doch noch, wie er mit Zunge und Lippen Wörter formen muss.

Katja Landolt
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Rolf Perrollaz (links) und Gaston Perroud rappen in der Kapelle im St. Josefsheim
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Rolf Perrollaz und Gaston Perroud
Seit rund drei Jahren stehen der gehörlose Rolf Perrollaz und der Dietiker Gaston Perroud als Rapper-Duo «Mix!t» gemeinsam auf der Bühne.

Rolf Perrollaz (links) und Gaston Perroud rappen in der Kapelle im St. Josefsheim

Limmattaler Zeitung

Rolf Perrollaz spürt die Musik in der Brust, in den Fingerspitzen, wenn der Bass knallt und die Luft vibrieren lässt, die Härchen auf den Unterarmen flimmern.

Perrollaz kann sprechen; er ist nicht von Geburt an gehörlos. Obwohl er sich selbst nicht mehr hört, weiss der 34-Jährige doch noch, wie er mit Zunge und Lippen Wörter formen muss. Und er kann Lippenlesen, sofern sein Gegenüber Hochdeutsch und deutlich spricht. Aber er selbst ist schwer zu verstehen, singen oder rappen ist nicht seine Sprache. Also rappt er in Gebärdensprache, erzählt die Reime mit Händen und Mimik. Er macht Musik für die Augen.

«Schwierig, Partner zu finden»

2006 hat Perrollaz erstmals zu Hip Hop gebärdet, für einen Musikclip des Rappers E.K.R.. Da hat es den Metallbaukonstrukteur aus Merenschwand gepackt. Viel hat er seither mit Gebärdensprachpoesie ausprobiert, hat diverse Preise gewonnen, unter anderem drei Mal die «Goldene Hand» am Gebärdensprachfestival in Berlin.

Irgendwann wuchs der Wunsch, einen Partner zu haben, um gemeinsam mit einem Hörenden Musik zu machen. «Es ist schwierig, so jemanden zu finden», sagt Perrollaz und lacht. Jemand, der das Interesse hat, mit einem Gehörlosen zu arbeiten und gewisse Kenntnisse von der Gebärdensprache und -kultur besitzt.

Workshop für Gebärdensprachkunst

Gebärdensprachkünstler Rolf Perrollaz bietet Einsteiger-Workshops für Hörende und Gehörlose an, die Gebärdensprache beherrschen. Die Teilnehmer sollen lernen, das Vertrauen in sich zu entwickeln, auf der Bühne zu stehen und sich selbst zu reflektieren. Der nächste Kurs findet von Freitag, 26. April, bis Sonntag, 28. April, im St. Josefsheim in Dietikon statt.
Kontakt: airgulf@gmail.com

Gefunden hat Perrollaz einen Partner im Dietiker Gaston Perroud, der seit Jahren mit gehörlosen Jugendlichen arbeitet. «Ich habe das Gebärden durch meine Arbeit lieben gelernt», sagt Perroud. «Die Idee, das mit Musik zu verbinden, war immer da.» Seit rund drei Jahren rappen die beiden nun gemeinsam, schreiben Texte, stehen als Rapper-Duo «Mix!t» auf der Bühne.

Wie klappt das? Die beiden schauen sich an, grinsen. «Es ist für uns beide eine Herausforderung», sagt Perroud. Lange hätten sie gearbeitet, bis sie eine gemeinsame Basis fanden. «Lieder zu schreiben ist eine sehr persönliche Angelegenheit; es braucht Zeit, bis man sich dem Gegenüber so öffnen kann, dass das klappt.» Bis der erste Song fertig war, dauerte es rund acht Monate.

Perroud textet in Lautsprache, Perrollaz legt Gebärdensprache darüber. Eine wortwörtliche Übersetzung sei es aber nicht, sondern eben Gebärdensprachpoesie. Der Satzaufbau ist komplex, ohne Artikel und ohne Partikel. Hier reimen sich nicht die Worte, hier fliessen Gebärden und Mimik ineinander, es ist wie ein Tanz mit Händen und Armen. Die beiden schreiben ihre Texte zwar auf, aber mehr als Hilfe denn als Richtschnur. «Die Poesie kommt aus mir heraus, die muss ich nicht aufschreiben», sagt Perrollaz. Gebärdensprache sei lebendig, verändere sich ständig und passe sich an.

Spielwiese Gebärdensprachkunst

Es ist eine grosse Spielwiese, auf der sich Perrollaz und Perroud austoben können. «Kunst in der Gebärdensprache ist noch jung», sagt Perrollaz. Und die Kunst der Lautsprache sei für Gehörlose oft zu wenig fassbar. «Es gibt wenige Vorbilder, wir müssen uns alles selber erarbeiten.»

Ein Müssen - oder ein grosses Glück; ihnen steht nicht bloss die eine, hörende Welt zur Verfügung, Perrollaz und Perroud haben zwei. Und beide begeistern sich für die Gebärdensprachkunst: Tritt Gebärdensprachkünstler Perrollaz als Gast mit Perrouds Band «Neighbourhood» auf, springe der Funke über. «Das Publikum fängt spätestens bei Rolfs Auftritt an, sich zu bewegen und mitzumachen», sagt Perroud.

«Es sind tatsächlich zwei Welten», sagt Perrollaz. Er lebt hauptsächlich mit der Gebärdensprache; auch seine Frau Regula ist gehörlos und mit Gebärdensprache aufgewachsen. «Seit ich mit Gaston arbeite, verstehe ich die Kultur der gesprochenen Sprache aber immer besser», sagt er. Seine Frau habe jeweils auch mitgemacht, doch das künstlerische Interesse sei bei ihr nicht so fest vorhanden wie bei ihm. Sie schaue aber sehr gern zu. «Sie ist in einer gehörlosen Familie aufgewachsen. Sie ist zufrieden und glücklich, mehr braucht sie nicht.»

«Es ist schwierig»

Wie ist das Leben als Gehörloser? «Schwierig», sagt Perrollaz und lächelt. «Aber es stört mich nicht und mit Gebärdensprache bin ich glücklich.» Inwiefern schwierig? «Ich muss immer abschätzen, über was in der Gruppe gesprochen wurde und was auf mich zukommt.» Er müsse ständig aufpassen, offen und aufmerksam sein, sich einen Zugang zu den Menschen verschaffen. «Ich sage den Menschen nie von Anfang an, dass ich gehörlos bin, ich sage bloss, dass ich schlecht höre. Dann kommen sie auf mich zu, sonst nicht.» Erst, wenn er im Verlaufe des Gespräches gefragt werde, wie schlecht er höre, sage er die Wahrheit. «Dann reden sie weiter mit mir; die erste Hürde ist genommen, die Kommunikation bereits aufgebaut.»

Hat er Träume? Ein Projekt, etwas, was er unbedingt erleben möchte? «Ich habe Träume, aber sie umzusetzen, ist hart. Ich habe gelernt, keine zu hohen Ansprüche zu haben», sagt er. Perrollaz Antwort tönt nüchterner als gemeint. Er lacht. «Ich habe aber allen Widrigkeiten zum Trotz einen Anfang gemacht. Ich bin zufrieden.»

Auftritt Rolf Perrollaz und Gaston Perroud treten am 1. Mai-Fest in Baden auf