Gastbeitrag
Roland Kunz zu unserem Umgang mit dem Lebensende

Täglich werden wir mit dem virtuellen Sterben am Fernsehen konfrontiert, aber nur wenige Menschen haben das wirkliche Sterben aus der Nähe miterlebt. Das Lebensende wurde an die Institutionen delegiert, weniger als 20 Prozent sterben zu Hause.

Roland Kunz*
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Roland Kunz zum 10-Jahr-Jubiläum des Vereins Wachen und Begleiten (WaBe) Limmattal

Roland Kunz zum 10-Jahr-Jubiläum des Vereins Wachen und Begleiten (WaBe) Limmattal

Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern

Unser Leben fällt uns manchmal leichter, manchmal schwerer. Immer wissen wir aber, was wir am Leben haben und denken ungern daran, dass wir alle einmal sterben müssen. In gesunden Tagen wollen wir uns nicht vorstellen, dass das Leben einmal zur Last werden könnte und Sterben zur Erlösung.

Die Erfolge der Medizin lassen uns hoffen, dass sich unser Körper bei jeder Störung wieder reparieren lässt. Wir nehmen gerne die modernste Medizintechnik in Anspruch, fürchten aber gleichzeitig die Aussicht, einmal nur noch durch Apparate am Leben gehalten zu werden. Täglich werden wir mit dem virtuellen Sterben am Fernsehen konfrontiert, aber nur wenige Menschen haben das wirkliche Sterben aus der Nähe miterlebt. Das Lebensende wurde an die Institutionen delegiert, weniger als 20 Prozent sterben zu Hause.

93 Prozent der Menschen wünschen sich einen plötzlichen Tod oder einen Abschied nach kurzer Krankheit, aber nur 10 Prozent sterben von einem Moment auf den anderen. Anti-Aging Werbung und die Erfolge der Medizin helfen uns zu verdrängen, dass wir alle dem Tod nicht ausweichen können.

Bei chronischen, fortschreitenden Krankheiten stellt sich dem Betroffenen irgendwann die Frage, ob die Medizin nun in erster Linie sein Leben verlängert oder eher das Sterben.

In diesen Situationen werden individuelle Entscheidungen ganz zentral: Möchte ich, dass die nächste Komplikation wieder mit allen Mitteln bekämpft wird, oder ist es mir wichtiger, eine gute Symptomlinderung und Begleitung im Sinne von Palliative Care zu erhalten? Dazu braucht der Patient eine offene Information über seine Diagnose und Prognose, über die Chancen, Grenzen und Belastungen weiterer Behandlungen und die Möglichkeiten von Palliative Care.

Diese Entscheidungen erfordern den Mut, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen und sie nicht an die Ärzte oder die Familie zu delegieren. Eine Patientenverfügung bietet die Möglichkeit, seine Werthaltungen verbindlich festzuhalten. Wer keine persönlichen Entscheidungen trifft, lädt seinen Angehörigen eine grosse Verantwortung auf, sie müssen nach neuem Erwachsenenschutzrecht stellvertretend entscheiden.

In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich als Behandlungsansatz für unheilbare kranke Menschen die Palliativmedizin entwickelt. Ihr Ziel ist nicht die weitere Bekämpfung der Krankheit, sondern eine möglichst gute Lebensqualität trotz Krankheit dank interdisziplinärem Einsatz von Medizin und Pflege sowie psychologischer, sozialer und spiritueller Unterstützung. Sie orientiert sich an den aktuellen Bedürfnissen des Patienten.

Das Ziel einer guten palliativen Begleitung ist es, Raum und Ruhe zu schaffen für den Patienten und sein Umfeld, um das Leben zu vollenden ohne unnötigen medizinischen Lärm. In einer Befragung von schwer kranken Patienten und ihren Angehörigen, was am Lebensende wichtig sei, wurden neben optimaler Schmerz- und Symptomkontrolle die informierte Entscheidungsfindung, die Vorbereitung des Lebensendes mit Ruhe und Zeit für eine Lebensbilanz sowie die Respektierung als ganze Person genannt.

Jeder Mensch muss seinen Weg vom Sterben müssen zum Sterben dürfen individuell finden. Autonomie einfordern heisst auch, Verantwortung zu übernehmen. Trotz Idealisierung der Autonomie darf aber das gesellschaftliche Sorgebewusstsein für Sterbende nicht verloren gehen. Unser Gesundheitswesen muss der Sorge für sterbende Menschen die gleiche Bedeutung geben wie der Bekämpfung von Krankheiten.

*Roland Kunz ist Chefarzt Geriatrie und Palliative Care sowie ärztlicher Leiter am Spital Affoltern. Er leitete bis 2006 das Pflegezentrum am Spital Limmattal und baute dort eine Station für Palliativmedizin auf.