Politische Familie
Rochus und Nadine Burtscher: «Am Weihnachtsfest singen wir, aber nicht sehr gut»

Der Vater politisiert in der SVP, die Tochter in der EVP. Das Weihnachtsfest wird bei Burtschers trotzdem fröhlich.

Bettina Hamilton-Irvine
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Rochus Burtscher überreicht seiner Tochter Nadine ein Samichlaus-Säckli – weil Geschenke die Freundschaft erhalten.

Rochus Burtscher überreicht seiner Tochter Nadine ein Samichlaus-Säckli – weil Geschenke die Freundschaft erhalten.

Sandra Ardizzone

Herr Burtscher, Sie haben Ihrer Tochter gerade ein Samichlaus-Säckli überreicht. Welche Bedeutung haben Geschenke für Sie?

Rochus Burtscher: Sie sind eine Form von Aufmerksamkeit. Geschenke erhalten die Freundschaft. Für mich muss es dabei nichts Grosses sein, es geht um die Geste. Ich schenke nicht regelmässig, sondern nur so oft, dass man es nicht erwartet (lacht).

Zu den Personen

Nadine Burtscher

Die 22-Jährige ist mit ihren Eltern in Dietikon aufgewachsen. Heute lebt sie immer noch dort, jedoch bei ihren Grosseltern.

Sie ist zurzeit dabei, an der Universität Zürich einen Master in Psychologie zu erlangen. Daneben absolviert sie ein Praktikum in einem sozialtherapeutischen Wohnheim.

Im Februar 2014 wurde sie für die EVP in den Dietiker Gemeinderat gewählt – wo sie mit 19 Jahren die jüngste je gewählte Gemeinderätin der Stadt war. Seit März 2014 ist sie zudem Co-Präsidentin des Dachverbands Schweizer Jugendparlamente.

Politik ist ihr wichtigstes und zeitintensivstes Hobby. Ansonsten schaut sie sich auch gern mal einen Film auf Netflix an. Das Konto dafür teilt sie sich mit ihrem Vater.

Rochus Burtscher

Aufgewachsen ist Rochus Burtscher in Schlieren, seit 1988 lebt er in Dietikon. Er hat vier Töchter im Alter zwischen 15 und 22 Jahren, von denen heute aber nur noch eine bei ihm lebt.

Der 53-Jährige hat eine kaufmännische Ausbildung absolviert und arbeitet aktuell als Leiter Finanzen bei der Energie-Agentur der Wirtschaft.

Nachdem er in den frühen 1990er-Jahren zuerst einmal ein paar wenige Monate bei der CVP war – er nennt das Ganze «einen Ausrutscher» – politisiert er seit 1998 für die SVP. Damals wurde er gleich in den Dietiker Gemeinderat gewählt, wo er bis 2015 blieb. Seit 2011 ist er Mitglied des Kantonsrats.

Sein wichtigster politischer Schwerpunkt ist die Bildung. In seiner Freizeit schwimmt und kocht er gerne. Zudem mag er Menschen und ihre Geschichten.

Wie hält es Ihre Familie mit Geschenken zu Weihnachten?

Rochus Burtscher: Ich mache gerne Geschenke für die Familie, aber schenke auch eher etwas Kleines. Wobei es für meine Kinder langsam etwas schwierig wird. Nadine ist 22, die anderen drei sind zwischen 20 und 15, und die haben eigentlich schon alles. Aber ich finde immer irgendetwas Lustiges. Letztes Jahr habe ich allen die gleiche Mütze gekauft.

Nadine Burtscher: Meine Schwestern, meine Mutter und ich basteln immer für alle. Oder wir machen gebrannte Mandeln oder Nidelzältli. Meistens sucht meine Mutter etwas aus und das stellen wir dann alle zusammen her. Diesmal treffen wir uns am Wochenende vor Weihnachten dafür.

Welche Traditionen sind Ihnen wichtig, Frau Burtscher?

Nadine Burtscher: Für mich ist die wichtigste Tradition, dass an Weihnachten die ganze Familie zusammenkommt. Deshalb würde ich an Weihnachten auch nie verreisen. Weil wir vier Schwestern nicht mehr alle zusammen wohnen – ich wohne bei Grosi, eine Schwester wohnt bei Papi, die anderen bei Mami – finde ich es besonders schön, wenn wir wieder einmal alle zusammen sind.

Dann feiern Sie zwei Mal Weihnachten?

Nadine Burtscher: Genau. Am 24. Dezember feiern wir vier Schwestern mit Mami und ihrem Partner, ihrer Schwester und ihren Eltern und am 25. Dezember mit Papi und seiner Partnerin, seinen Eltern, unseren Freunden und noch zwei weiteren Freunden oder Verwandten, die auch dazugehören.

Das klingt nach einer grossen Runde.

Nadine Burtscher: Mittlerweile wird es schon manchmal etwas eng. Aber das macht nichts.

Was gehört zum Weihnachtsfest bei der Familie Burtscher alles dazu?

Nadine Burtscher: Einen Weihnachtsbaum haben wir bei Mami und bei Papi. Oma liest immer eine Weihnachtsgeschichte vor. Wir singen auch, aber nicht besonders gut.

Was gibt es zu essen?

Nadine Burtscher: Bei Mami gibt es immer Fondue Chinoise. Papi kocht jedes Mal etwas anderes. Dieses Jahr macht er aber auch Fondue Chinoise.

Sie kochen immer selber?

Rochus Burtscher: Ja, unbedingt. Ich koche sehr gern. Und ich bin gern Gastgeber. Je mehr Leute kommen, desto besser. Jetzt, wo die Töchter auch ihre Freunde mitbringen, wird die Runde natürlich noch grösser. Aber das ist toll, denn das sind alles super Typen, die sich wunderbar in die Familie integriert haben.

Nadine Burtscher: Was bei uns auch speziell ist, finde ich, ist das Auspacken der Geschenke. Jemand fängt an und sucht ein Geschenk für jemand anderes aus. Dann schauen alle zu, wie die Person ihr Geschenk auspackt. Dann darf diese wiederum ein neues Geschenk auslesen. So dauert das Ganze eine Weile.

Rochus Burtscher: Bei uns stürzen sich nicht alle gleichzeitig auf die Geschenke und dann macht es «schwupp» und es liegt nur noch ein Haufen Papier da. Wir nehmen bewusst die Geschwindigkeit aus dem Ganzen raus.

Wie haben Sie früher Weihnachten gefeiert?

Rochus Burtscher: Eigentlich sehr ähnlich.

Nadine Burtscher: Aber etwas war anders: Als wir klein waren, mussten wir immer nach hinten ins Zimmer. Irgendwann erklang das Glöcklein vom Christchindli. Dann lagen plötzlich ganz viele Geschenke unter dem Baum.

Wie war Weihnachten, als Sie ein Kind waren, Herr Burtscher?

Rochus Burtscher: Wir hatten ebenfalls das Glöcklein. Einmal rannte ich, als es erklang, so schnell nach vorne in die Stube, damit ich das Christchindli noch sehen würde, dass ich hinfiel und mir den Daumen brach. Noch am gleichen Abend musste ich ins Spital und bekam einen Gips. Das war enttäuschend, vor allem, weil ich das Christchindli trotzdem nicht gesehen hatte.

Weihnachten ist die Zeit der Familie – aber es kann auch zu Spannungen kommen. Sie haben politisch das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Streiten Sie sich an Weihnachten manchmal über Politik?

Nadine Burtscher: Politik ist an Weihnachten selten ein Thema. Wir sprechen höchstens auf einer sehr übergeordneten Ebene darüber.

Rochus Burtscher: Und parteipolitische Parolen geben wir schon gar nicht raus.

Was überwog für Sie damals, als Ihre Tochter in die Politik ging: der Stolz, dass sie sich politisch engagiert, oder der Ärger, dass es nicht in der SVP ist?

Rochus Burtscher: Für mich überwog, und zwar fast zu hundert Prozent, der Stolz darauf, dass sie etwas macht. Dass sie in der EVP ist, ist nur ein kleiner Wermutstropfen. Natürlich werde ich auch im Kantonsrat immer mal wieder geneckt, im Sinne von: Du, ist deine Tochter vom Karren gefallen? Dann sage ich: Nein, überhaupt nicht. Ich finde es toll, wenn Junge etwas tun, egal wo. Ein Problem gehabt hätte ich nur, wenn sie in der Juso gelandet wäre.

Haben Sie je in Betracht gezogen, in die SVP zu gehen, Frau Burtscher?

Nadine Burtscher: Nein, in die SVP nicht.

In die Juso?

Nadine Burtscher: Das auch nicht (lacht). Ich wollte mich in der Mitte orientieren.

War es für Sie eher ein Vorteil oder Nachteil, dass Sie schon als die Tochter von Rochus Burtscher bekannt waren?

Nadine Burtscher: Es war sicher ein Vorteil, weil man mich schon kannte. Aber es war auch ein Nachteil, weil man automatisch auch davon ausging, ich müsse so sein wie mein Vater. Und das stimmt aus politischer Sicht einfach nicht. Ich glaube aber, dass man mich mittlerweile in Dietikon auch unabhängig von meinem Vater kennt.

Ärgern Sie sich manchmal über die politischen Meinungen des anderen?

Rochus Burtscher: Nein.

Nadine Burtscher: Doch. Einmal.

Rochus Burtscher: Wann war das?

Nadine Burtscher: Beim kantonalen Jugendparlament.

Rochus Burtscher: Ich stimmte im Kantonsrat Nein, während Nadine alles versucht hat, um ein Ja hinzubringen. Aber meine Fraktion entschied, und da muss man sich dann manchmal halt fügen. Nadine war nicht happy.

Gab es eine Standpauke für den Vater?

Nadine Burtscher: Das nicht, aber es war das einzige Mal, wo ich mich wirklich aufgeregt habe. Denn für dieses Anliegen habe ich gekämpft. Jugendpartizipation ist ein ganz wichtiges Thema für mich.

Was haben Sie sonst noch von Ihrem Vater geerbt ausser dem Interesse an Politik?

Nadine Burtscher: Eine gewisse Sturheit. Wenn wir etwas wirklich wollen, setzen wir uns dafür ein. Zudem sind wir beide ziemlich ausdauernd.

Wo erkennen Sie sich in Ihrer Tochter?

Rochus Burtscher: Sie hilft mit, organisiert, engagiert sich, ist professionell. Alle meine Kinder haben gelernt, dass es sehr wichtig ist, etwas für die Allgemeinheit zu tun. Das macht mich stolz.

Familiengespräche

In dieser besinnlichen Zeit steht die Familie im Mittelpunkt. Wir wollen wissen, wie Familienfeste im Limmattal gefeiert werden. Auf welche Rituale wird Wert gelegt und auf welche verzichtet man lieber? Diesen Fragen gehen wir in unserer Interviewserie mit bekannten Persönlichkeiten auf den Grund.

Die nächste Folge erscheint in einer Woche. Dann gewähren Ernst und Rosmarie Joss Einblicke in ihre Familie.