Dietikon

Robin Sager übernimmt das über 100-jährige Bildhauergeschäft in Dietikon – so wird er es weiterführen

Wie vor hundert Jahren: In der Ausbildung lernte Bildhauer Robin Sager, den Grabstein mit Fäustel und Meissel zu bearbeiten. Einmal spitz, einmal stumpf: Robin Sager prüft das Werkzeug, das er vom ehemaligen Besitzer der Dietiker Bildhauerei übernommen hat.

Wie vor hundert Jahren: In der Ausbildung lernte Bildhauer Robin Sager, den Grabstein mit Fäustel und Meissel zu bearbeiten. Einmal spitz, einmal stumpf: Robin Sager prüft das Werkzeug, das er vom ehemaligen Besitzer der Dietiker Bildhauerei übernommen hat.

Robin Sager übernimmt das über 100-jährige Dietiker Bildhauergeschäft von Josef Kacic. Er führt es so traditionell wie sein Vorgänger.

Robin Sager schlägt mit dem Fäustel auf den Meissel, kleine Steinstücke fliegen auf beide Seiten weg. Mit jedem Schlag wird der Buchstaben im Kalkstein besser ersichtlich. Normalerweise arbeitet er mit dem Presslufthammer, doch dieser funktioniert nach der dreimonatigen Pause noch nicht, da der Kompressor ausgestiegen ist. In der traditionellen Dietiker Werkstatt an der Austrasse ist noch alles neu für den 32-jährigen Bildhauer aus Zürich.

Er übernahm das Unternehmen im April von Josef Kacic. Kacic verstarb Anfang Jahr unerwartet und hinterliess die über 100-jährige Bildhauerwerkstatt. «Es gibt sogar eine Schmiede», sagt Sager und zeigt auf die Esse in der Ecke. Kacic habe seine Werkzeuge jeweils selbst geschärft. «Das will ich ebenfalls probieren», sagt Sager.

Tatsächlich gibt es in der Bildhauerei, einem der ältesten Berufe, nur wenig Veränderungen. Bildhauerlehrlinge müssen sich in den ersten zwei Jahren immer noch mit Meissel und Fäustel begnügen. Später arbeiten sie mit dem Presslufthammer. Mit diesem hat man bis zu drei Wochen für einen Grabstein, der dann zwischen 3000 und 5000 Franken kostet. Heutzutage könnte man die Buchstaben auch mit dem Sandstrahler oder einer computergesteuerten Maschine ausfräsen, das ginge viel schneller, doch das Verfahren ist unter den hiesigen Bildhauern verpönt. «Die meisten arbeiten traditionell», sagt Sager.

Bildhauer sehen, wie der handgeschlagene Keil zu einem Schattenwurf in der Inschrift führt. Der Effekt sehe bei der sandgestrahlten Schrift auf Grund der runden Kerbe ganz anders aus. «Das käme für mich nicht in Frage», sagt Sager.

Nach der obligatorischen Schule absolvierte Sager eine Ausbildung zum Zimmermann. «Anfangs kam es mir nicht in den Sinn, Bildhauer zu werden, da mein Vater diesen Beruf bereits ausübt. Doch als ich mir überlegte, was ich wirklich wollte, entschied ich mich, diese Ausbildung zu starten», sagt Sager. So begann er mit 24 Jahren die vierjährige traditionelle Wanderlehre zum Bildhauer. Bevor er den Betrieb in Dietikon übernahm, arbeitete er in der Werkstatt seines Vaters.

Auf dem Friedhof müssen viele Richtlinien befolgt werden

Das Geschäft mit den Grabsteinen ist auch von der Käuferseite her traditionell: Früher waren Marmorsteine gefragt, dieser wurde in den letzten Jahren von Granit abgelöst. «Granit wird nicht dreckig, das mögen die Leute», sagt Sager. Dass die Kundenwünsche sich in den vergangenen Jahren nur minim änderten, hängt wohl auch mit den begrenzten Auswahlmöglichkeiten auf dem Friedhof zusammen. Denn Grösse, Form und Farbe des Steins sind reglementiert. «Es ist auch nicht überall erlaubt, einen zu stark polierten Stein, einen Findling oder einen ganz schwarzen oder weissen Stein zu verwenden», sagt Sager.

Viele Leute wollen überdies nur einen Stein mit einer Inschrift darauf. Auch wenn Sager gerne Schriften entwirft, freut er sich, wenn er eine Bestellung für ein ganzes Relief bekommt: «Es macht Spass, wenn man etwas Schönes machen und verkaufen kann», sagt Sager. Als Lehrabschluss fertigte er beispielsweise für die Kirche Altstetten einen Apfelschnitz aus Stein an und nach seiner Hochzeit gestaltete er eine Skulptur mit den Daumenabdrücken aller Gäste. Doch solche Aufträge sind eine Seltenheit: «Das Material Stein ist nicht mehr en vogue auf dem Kunstmarkt», sagt Sager. Deshalb sei das Hauptgeschäft der Bildhauer zu 90 Prozent Grabsteine.

Bekommt Sager den Auftrag, ein Sujet in den Stein zu meisseln, sind oft Rosen oder Ähren gefragt. Doch es gibt auch aussergewöhnlichere Wünsche: «Letzthin wollte jemand ein spezielles Lastwagenmodell auf dem Grabstein haben und einmal habe ich eine Schachfigur gehauen», sagt Sager. Auf die Frage, ob er denn nun Handwerker oder Künstler sei, sagt er: «Ich bin Handwerker oder besser Kunsthandwerker. Da ich den Auftrag ja jeweils von aussen erhalte.» Für seine Tante, eine Obstbäuerin aus dem Thurgau, habe er den Grabstein komplett selbst entwerfen und gestalten dürfen. Er meisselte ihr einen Stein mit verschiedenen Obstsorten und erhielt für seine Arbeit prompt eine Auszeichnung des Bildhauerverbands.

Der Grabstein ist ein Abschluss für die Hinterbliebenen

Um ein passendes Sujet zu finden, ist das Gespräch mit dem Kunden sehr wichtig. Dies ist selten ein Trauergespräch, sondern eher ein Abschlussgespräch. Im Normalfall findet es einige Monate nach dem Todesfall statt. Denn man darf den Stein erst neun Monate nach der Beerdigung aufstellen, da sich die Erde erst noch senken muss. «Der Grabstein ist meistens das Letzte, das man für den Hinterbliebenen tut. Deshalb habe ich jeweils sehr gute Gespräche mit den Kunden», sagt Sager.

Momentan sind Gemeinschaftsgräber am Boomen, das führt dazu, dass Bildhauer weniger Grabsteine produzieren müssen. Doch da gleichzeitig auch die Anzahl der Bildhauer abnimmt, im Jahrgang von Sager waren nur zwölf Lernende, wurde auch die Konkurrenz kleiner. «Das führt dazu, dass man trotzdem noch gut vom Geschäft leben kann», sagt Sager. Ein Auftrag, der aktuell noch vor ihm liegt, ist, den Grabstein für seinen Vorgänger ­fertigzustellen.

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