Schlieren
Robert Welti: «Gewisse Dinge werden im Alter extremer»

Der abtretende Schlieremer Sozialvorstand Robert Welti präsidiert seit fünf Jahren den Seniorenclub Abigsunne. Für ihn ist das Alter etwas Schönes. Besonders, wenn man unternehmungslustig ist.

Sandro Zimmerli
Merken
Drucken
Teilen
Robert Welti: «Geselligkeit wird im Alter mehr geschätzt.»

Robert Welti: «Geselligkeit wird im Alter mehr geschätzt.»

Schweiz am Sonntag

Robert Welti, als Präsident des Schlieremer Seniorenclubs Abigsunne haben Sie viel mit älteren Menschen zu tun. Wünschen Sie sich manchmal nochmals 20 Jahre alt zu sein?

Robert Welti: Nein, ich will nicht nochmals 20 Jahre alt sein. Ich finde das Alter etwas Schönes. Das Alter hat den grossen Vorteil, dass man nicht mehr muss, sondern nur noch darf. Ich muss nicht mehr arbeiten, muss nicht mehr der Beste sein in meinem Beruf. Ich kann machen, was mir Freude bereitet.

Ist das der grosse Vorteil gegenüber der Jugend?

So lange man gesund ist, würde ich das als grossen Vorteil bezeichnen. Man muss aber unternehmenslustig sein.

Mit dem Seniorenclub tragen Sie dazu bei, dass ältere Menschen etwas unternehmen können. Nächste Woche feiert er den 50. Geburtstag. Weshalb sind solche Angebote so erfolgreich?

Es besteht offenbar ein Bedürfnis nach solchen Vereinen. Das Erfolgsgeheimnis besteht in der Freiwilligkeit. Die Leute müssen nicht, sie dürfen kommen.

Welche Bedürfnisse decken die Seniorenvereine ab?

In erster Linie steht die Geselligkeit im Vordergrund. Die Menschen schätzen es, alte Weggefährten zu treffen. Wichtig ist aber auch der Austausch an diesen Treffen. Die älteren Menschen wollen auf dem Laufenden bleiben, wollen wissen, was rund um sie herum geschieht. Sie sind auch wissbegierig und lernen an Vorträgen gerne Neues kennen.

Ist Geselligkeit ein spezifisches Bedürfnis von älteren Leuten?

Geselligkeit wird im Alter mehr geschätzt. Viele Senioren leben alleine. Ältere Menschen sind zudem stärker darauf angewiesen, dass jemand für sie etwas organisiert. Früher hat man seine Fahrkarte noch selber gelöst. Das ist für viele ältere Menschen komplizierter geworden.

Die Entwicklung scheint aber in die Richtung zu gehen, dass die Menschen immer älter und gesünder werden. Senioren reisen auch im hohen Alter noch rund um die Welt. Brauch es da überhaupt noch Seniorenvereine?

Ich weiss nicht, ob es solche Vereine braucht. Es gibt sie und sie werden genutzt. Würde es sie nicht geben, würden die Senioren nach anderen Angeboten Ausschau halten. Schön ist aber, dass sich Leute, die in der Nachbarschaft leben, treffen können, ohne, dass sie einander einladen müssen. Für viele ältere Menschen ist das ein Problem.

Die Leute haben Mühe einander einzuladen?

Viele ältere Menschen haben Angst davor andere einzuladen oder eine Einladung anzunehmen. Die Türe zu öffnen ist gar nicht so einfach. Da ist es von grossem Vorteil, wenn man sich auf quasi neutralem Boden treffen kann. Man muss sich dann auch nicht darum kümmern, ob der Kaffee fertig ist oder nicht.

Das bedingt aber auch, dass es Freiwillige gibt, die mithelfen?

Das ist so. Es ist aber nicht schwierig Leute zu finden, die helfen, einen Anlass zu organisieren. Viel schwieriger ist es Leute zu finden, die Verantwortung übernehmen wollen.

Ist das Angebot für Senioren im Limmattal ausreichend?

Ja, es gibt genug. Zumindest für jene Leute, die sich beschäftigen wollen. Es gibt auch andere, die sich überhaupt nicht für diese Angebote interessieren. In Schlieren beispielsweise können ältere Menschen jeden Tag von einem Angebot Gebrauch machen, wenn sie wollen. Es ist erstaunlich, was es alles gibt.

Aber der Wille sich auf ein Angebot einzulassen ist entscheidend?

Genau. Natürlich muss man auch etwas Glück haben, dass man die richtigen Nachbarn hat, die einem mitnehmen. Für viele ältere Menschen besteht eine grosse Hemmschwelle. Der erste Schritt, an einer Veranstaltung teilzunehmen, ist nicht einfach. Man ist Aussenseiter. Für umgängliche Menschen ist das kein Problem, für scheue hingegen schon.

Wird man mit dem Alter scheuer?

Gewisse Dinge werden im Alter extremer. Wenn man bereits in jungen Jahren ein Einzelgänger war, wird man später der noch grössere Einzelgänger. Im Alter Anschluss zu finden, ist schwieriger als in der Jugend.

Man muss also schon früh darum bemüht sein Anschluss zu finden?

Es ist sehr wichtig, bereits in der Jugend sein soziales Umfeld aufzubauen. Das braucht man sein ganzes Leben lang.

Ein Thema, das gegen Ende des Lebens auftaucht und in aller Munde ist, heisst Wohnen im Alter. Haben die Gemeinden hier eine Entwicklung verschlafen?

Nein. Wenn mein soziales Umfeld stimmt und ich gesund bin, kann ich in einer ganz normalen Wohnung alt werden. Natürlich muss ich mir aber genau überlegen, wo ich wohne. Ziehe ich in ein Einfamilienhaus am Waldrand oder suche ich etwas im Zentrum? Damit muss man sich auseinandersetzen. Natürlich ist auch dann noch nicht gesagt, dass man mit dem Nachbarn gut auskommt. Man kann es aber versuchen. Doch jeder ist da anders.

Da es unterschiedliche Bedürfnisse gibt, welches sind die beliebtesten Angebote ihres Clubs?

Es sind alle beliebt. Und diejenigen, die nicht gefragt sind, sterben aus. Das ist eine ganz natürliche Selektion. Wir haben im Café Mühleacker ein Angebot, das sich Plaudern im Mühleacker nennt. Dort kann sich jeder äussern. Wir sind da ein ganz offener Club. Wir erheben auch keinen Mitgliederbeitrag. Einmal im Jahr verschicken wir einen Einzahlungsschein. Wer will kann etwas zahlen und erstaunlich ist, dass vielen unsere Arbeit etwas wert ist und dem Seniorenklub auch etwas überweisen.