Schlieren
Rixhil Agusi-Aljili: «Ein Grabfeld wäre eine wichtige Geste gewesen.»

SP-Gemeinderätin Rixhil Agusi-Aljili will Christen und Muslime an runden Tisch bringen. Nach dem Nein des Schlieremer Parlaments zum Grabfeld für Muslime will sie losgelöst von parteipolitischen Programmen mit Christen und Muslimen reden.

Florian Niedermann
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Rixhil Agusi in der Moschee des Schweizerisch-Islamischen Vereins. fni

Rixhil Agusi in der Moschee des Schweizerisch-Islamischen Vereins. fni

Frau Agusi, das Schlieremer Parlament hat entschieden, dass auf dem Friedhof kein separates Grabfeld für Muslime eingerichtet wird. Was löste das bei Ihnen aus?

Rixhil Agusi-Aljili: Der Entscheid war für mich keine Überraschung. In Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen der Geschäftsprüfungskommission erfuhr ich, wie die Meinungen in etwa gelagert sind. Ich rechnete damit, dass die Totalrevision der Friedhofverordnung und damit das Grabfeld abgelehnt wird. Trotzdem versuchte ich noch einige Parlamentarier zu überzeugen, die Vorlage nicht zurückzuweisen.

Waren Sie über das Nein nicht enttäuscht?

Doch. Es gibt in Schlieren viele Muslime, die wie ich integriert sind und sich hier nach den Riten unseres Glaubens bestatten lassen wollen. Ich hätte von meinen Ratskollegen mehr Toleranz erwartet.

Nach dem Entscheid erklärte Stadtrat Markus Bärtschiger, dass die Bestattungsvorschriften des Islams auch bei der Beerdigung in einem gemischtkonfessionellen Grabfeld eingehalten werden können. Ein separates Grabfeld ist also gar nicht nötig.

Doch. Viele Muslime lassen sich noch heute lieber in ihrem Herkunftsland bestatten als neben Angehörigen anderer Konfessionen. Sie glauben, dass die Bestattungsvorschriften nur eingehalten werden können, wenn sie unter Muslimen ihre letzte Ruhe finden. Die Schaffung eines separaten Grabfelds hätte deshalb eine wichtige integrative Geste für immerhin 16,5 Prozent der Schlieremer Bevölkerung bedeutet.

Viele Muslime lassen sich aber aus Prinzip in ihrem Heimatland beerdigen.

Ja, das stimmt. Aber für die jüngere Generation, die die Schweiz als ihre Heimat betrachtet, ist es wichtig, dass sie auch nach dem Tod hier willkommen ist. Hätte die Stadt ein separates Grabfeld geschaffen, hätte man einen grossen Schritt auf diese Generation zu gemacht.

Die Gegner im Parlament warfen den Muslimen Intoleranz vor, weil sie sich nicht neben Andersgläubigen bestatten lassen wollen.

Dieser Wunsch gründet eher in Gewohnheiten als im Glauben selbst. Im Koran steht nirgends, dass das Grab eines Moslems nicht neben dem eines Andersgläubigen liegen darf. Aber in den meisten muslimischen Ländern werden Angehörige anderer Religionen seit jeher separiert bestattet. Viele kennen das nicht anders.

Gewohnheiten lassen sich ändern.

Ja, der Trend zu gemischtkonfessionellen Friedhöfen wird sicher kommen. Aber das dauert noch zwei oder drei Generationen. In dieser Übergangsphase wäre es schön, zu wissen, dass sich auch in der Schweiz in getrennten Grabfeldern beerdigen lassen kann, wer dies wünscht.

Wie und wo werden Sie sich dereinst bestatten lassen?

Ich will meinen Kindern auch nach dem Tod nahe sein. Deshalb hoffe ich, dass Schlieren bis dann ein separates Grabfeld für Muslime hat.

Also kommt ein gemischtkonfessionelles Grabfeld auch für Sie nicht infrage.

Nein, auch wenn ich mein Leben unter Christen verbracht habe, so will ich nach dem Tod doch unter Muslimen bestattet werden. Es ist mir wichtig, dass bei der Bestattung alles richtig gemacht wird. Die Voraussetzungen dafür sind besser, wenn ich in einem separaten Grabfeld meine letzte Ruhestätte finde.

Werden Sie für das separate Grabfeld weiterkämpfen?

Ja. Ich werde einen runden Tisch mit Christen und Muslimen organisieren, um losgelöst von parteipolitischen Programmen reden zu können. Es gilt herauszufinden, welche Bedürfnisse Moslems und Christen haben.

Welche Rolle spielt die Religion in Ihrem Alltag?

Mein Glaube ist ein wichtiger Teil meines täglichen Lebens. Aber ich bete nicht fünfmal am Tag, schliesslich leiste ich bei meiner Arbeitsstelle ein Hundertprozentpensum. Ich habe mich diesbezüglich dem Arbeitsprozess angepasst. Für das Beten nehme ich mir nach Feierabend Zeit. Und natürlich trinke ich keinen Alkohol und esse kein Schweinefleisch.

Leben Ihre Eltern den Glauben anders als Sie?

Ja. Mein Vater und meine Mutter sind pensioniert. Sie haben mehr Zeit, sich mit der Religion zu befassen, und tun es auch intensiver als ich.

Wie haben die Muslime in Ihrem Umfeld reagiert, als Sie ihnen mitteilten, dass Sie als Frau politisch aktiv werden?

Bisher nur positiv. Meine Eltern wie auch andere Muslime finden es richtig und wichtig, dass ich mich als Gläubige politisch engagiere. Diese Akzeptanz erlebte ich bei Frauen wie Männern.

Weibeln Sie unter Muslimen, politische Verantwortung zu übernehmen?

Ja, besonders bei Muslimen meiner Generation. Nur wer sich engagiert, kann etwas bewegen und auch dazu beitragen, dass sich das Bild vom Islam in der Gesellschaft ändert.

Sie sind Schweizerin mit mazedonischen Wurzeln und leben seit ihrer frühen Kindheit in Schlieren. Wo ist Ihre Heimat?

Hier in der Schweiz.

Der öffentliche Diskurs beschreibt den Islam oft als Fremdkörper in unserer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der Sie sich engagieren und zu Hause fühlen. Was löst das aus?

Ich fühle mich dann ausgegrenzt. Wenn ich höre, wie Leute den Islam mit den Taten extremistischer Terroristen in einen Topf werfen, verletzt mich das. Ich bin ich oft versucht zu widersprechen. Es sind einzelne Menschen, die diese grauenvollen Handlungen zu verantworten haben. Das hat nichts mit Religion zu tun.

Wurden Sie schon angefeindet?

Nein, bisher nicht. Ich habe viele Christen in meinem alltäglichen Umfeld. Sie kennen mich und meinen Glauben. Nach meiner Erfahrung sind die Vorurteile gegen den Islam bei jenen am grössten, die wenig darüber wissen.