Oberengstringen
Reuige Vandalen: 237 Franken für kaputten Töff

Jugendliche beschädigen einen Roller und entschuldigen sich grosszügig.

Anja Mosbeck
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Zwei der Jugendlichen gönnen sich beim Verkauf am Tanzbattle im Zentrum Oberengstringen eine kleine Pause auf dem Bänkli.Yvonne Kälin

Zwei der Jugendlichen gönnen sich beim Verkauf am Tanzbattle im Zentrum Oberengstringen eine kleine Pause auf dem Bänkli.Yvonne Kälin

Bis vor ein paar Wochen störte sich Rentner Harald Lampel wenig daran, dass die Dorfjugend Abend für Abend auf dem Oberengstringer Spielplatz «Im Winkel» und seinem Hinterhof verbringt. Als er sein Roller in die Werkstatt brachte, weil er dachte, die Lenkradsperre sei eingerostet, versicherten ihm die Mechaniker, dass sich jemand mit Gewalt daran zu schaffen gemacht habe. Der Lenker sei so fest umgedreht worden, dass es die Stahlstifte der Sperre verbogen hatte. Die Kosten für die Reparatur: 350 Franken. Obwohl die Jugendlichen die Tat nie zugegeben haben, fiel Lampels Verdacht auf sie. Was er nicht erwartete: Sie überraschten ihn mit einer hohen Geldsumme.

Die Meisten bereuen ihre Tat

Dabei half ihnen Yvonne Kälin. Durch ihre Arbeit als aufsuchende Jugendarbeiterin bei Mobile Jugendarbeit Limmattal ( MJAL), hat sie mit den Jugendlichen im Dorf regen Kontakt und darum auch eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut. «Regelmässig besuchen wir zu zweit die Plätze, wo sich Jugendliche in Grüppchen treffen. Dort reden wir über persönliche Probleme und Sorgen sowie über die schönen Momente im Leben», sagt sie. Manche seien offener als andere – doch das Vertrauen sei grundsätzlich da. Dass Jugendliche randalieren, komme eher selten vor. Wenn Gewalt angewendet wird, geschieht dies laut Kälin meistens aus ganz bestimmten Gründen. «In diesem Alter wissen viele nicht wohin mit sich. Sie verspüren Wut, oder fühlen sich unverstanden. Einige beginnen zu rauchen oder probieren Drogen aus», sagt sie. Selten eskaliere eine Situation. So habe es sich wahrscheinlich auch «Im Winkel» abgespielt. Kälin vermutet, dass die Sachbeschädigung nicht einmal mutwillig geschah.

Gemäss Töffbesitzer und Anwohner Lampel, sei in der Umgebung nie randaliert worden. «Bis jetzt störte mich lediglich, dass die Jugendlichen ihren Abfall nie entsorgen», sagt er. Lampel sei ihnen immer gut gesinnt gewesen. Viele von ihnen kenne er bereits seit Jahren. Eine Anzeige wegen der Beschädigung seines Rollers kam deshalb nie infrage. Trotzdem habe es ihn schwer enttäuscht, dass sein Hab und Gut beschädigt worden sei, sagt der Rentner.

Unerwartetes Happy End

Um die Wogen zwischen den Fronten wieder zu glätten, liess sich Jugendarbeiterin Kälin eine Sammelaktion einfallen. «Obwohl bis heute unklar ist, wer an der Randale beteiligt war, konnte ich drei Knaben und ein Mädchen einer Jugendgruppe für meine Idee gewinnen, etwas an die Reparaturkosten beizusteuern», sagt sie. So organisierte Kälin am alljährlichen Hip-Hop-Tanzbattle, Mitte Juni im Oberengstringer Zentrum, einen Essensstand. «Wir verkauften gemeinsam Verpflegung und Getränke und nahmen dabei 237 Franken ein», sagt sie.

Für die vier 17-Jährigen, die nicht genannt werden wollen, sei dies eine spontane Aktion gewesen. Kälin ist sich sicher, dass die meisten Jugendlichen ihre Tat zu einem späteren Zeitpunkt bereuen. Sie meint: «Fehler zu machen ist menschlich und gehört zum Leben dazu. Wichtig ist es zu lernen, für diese gerade zu stehen und sie wieder gut zu machen.» Genau dies hätten die Jugendlichen verstanden: «Uns hat der Verkauf nicht nur Spass bereitet, sondern wir konnten auch etwas Gutes tun», sagt das Mädchen der Gruppe.

Und die Aktion hat Erfolg: Lampel war über die Geste mehr als nur erfreut. «Ich war vollkommen überrascht, als die Vier mit einem Couvert vor meiner Haustür standen, indem sich 237 Franken befanden», sagt er. Auch wenn sie die Tat nicht zugeben, habe der Töffbesitzer diesen Schritt geschätzt und als Entschuldigung angenommen. So seien die Jugendlichen weiterhin willkommen, nach der Schule oder Arbeit, an ihrem Stammplatz gemeinsam zu verweilen. «Anscheinend fühlen sie sich bei uns wohl, darum möchte ich ihnen diesen Rückzugsort keinesfalls wegnehmen», meint er.