«Kann mir jemand erklären, was diese Markierung in der Mitte der Strasse soll?», fragte Ende Juli ein Facebook-Nutzer in der öffentlichen Gruppe «Du bisch vo Urdorf, wenn …» Dazu teilte er ein Foto des corpus delicti: Zu sehen ist ein zirka zwei Meter breiter Mittelstreifen mit gestrichelter Leitlinie, der sich durch die Urdorfer Weihermattstrasse windet.

Angebracht wurde die Markierung Mitte Juni 2018, im Zuge der Sanierung. Sie spaltet den zirka 280 Meter langen Abschnitt der Weihermattstrasse. Ebenso spaltet sie die Meinungen der Urdorfer Online-Community. In besagter Facebook-Gruppe entbrannte eine – zugegeben, nicht ganz ernst gemeinte – Diskussion. Inzwischen hat der erste Beitrag über 40 Kommentare gesammelt. «Ist das eine Rettungsgasse?», fragt der eine. «Oder ist es gar moderne Kunst?», fragt der andere. «Das ist eine Begegnungszone, dänk», wirft ein Nutzer ein und ein anderer wittert eine Aktion zur Volksbelustigung: «Es wirkt. Wir reden miteinander, lachen und wundern uns.»

Busfahrer sind ratlos

Vor Ort bietet sich die Gelegenheit, mit einigen Quartierbewohnern zu sprechen. Einer Anwohnerin, die am Montag vor 8 Uhr zügig die Weihermattstrasse quert, ist der Mittelstreifen suspekt. «In meinen Augen macht er keinen Sinn», sagt sie mit einem Kopfschütteln. Sie kenne niemanden im Quartier, ob jung oder alt, der erklären könne, wofür die Markierung gut sei. Ein älteres Ehepaar, angesprochen auf den mysteriösen Mittelstreifen, muss erst mal lachen. «Wahrscheinlich hatte man Farbe übrig», meint er mit einem Augenzwinkern. Selbst bei den Busfahrern herrscht Ratlosigkeit. Zwei davon, die die besagte Strecke regelmässig abfahren, zucken auf Nachfrage entschuldigend mit den Schultern.

Doch genug der Spekulationen: Es handelt sich um einen sogenannten Mehrzweckstreifen (die Limmattaler Zeitung berichtete im April 2016, als die Baupläne auflagen). In der Weihermattstrasse habe dieser die Funktion, die Fahrbahn optisch zu verengen und damit die Verkehrssicherheit zu erhöhen, erklärt auf Anfrage Patrick Müller, Leiter Stab der Gemeinde Urdorf. Entgegen aller Spekulationen ist die Markierung normkonform: «Mitunter auf Anregung des Kantons, und mit expliziter Zustimmung der Kantonspolizei, wurde die Markierung bereits im Rahmen des öffentlichen Auflageprojekts integriert.»

Details verrät das Factsheet der Kantonspolizei Zürich. Mehrzweckstreifen werden demnach mehrheitlich auf Strassen innerorts angebracht. Einerseits können Fussgänger die Strasse so in Etappen überqueren. Des Weiteren können Fahrzeuge, die nach links in eine Querstrasse abbiegen wollen, einfacher einspuren und nachfolgende Fahrzeuge rechts an ihnen vorbeifahren. Das Befahren des Mehrzweckstreifens zum Überholen eines Velos oder stehenden Busses in einer Haltestelle ist «mit der nötigen Vorsicht» erlaubt. Parkieren ist auf dem Mehrzweckstreifen verboten.

Doch wo ist ein Mehrzweckstreifen sinnvoll? «Das kommt entscheidend auf Querungs- und Abbiegebedürfnisse an», sagt Barbara Auer, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Vereinigung der Verkehrsingenieure und Verkehrsexperten (SVI), auf Anfrage. Auch die städtebauliche Situation, das Verkehrsregime und die Platzverhältnisse seien relevant, so Auer.

Die Kantonspolizei verzeichnet eine zunehmende Häufigkeit von Mehrzweckstreifen. Auch Patrick Müller betont: «Diese Markierung ist keine Urdorfer Sonderlösung.» Dass die Wahl auf die gestrichelten Leitlinien gefallen sei, begründet er wie folgt: «Es wäre auch möglich gewesen, die Fläche zwischen den Linien als farbige oder materialisierte Vollfläche auszugestalten, doch aus Kostengründen, vor allem im Unterhalt, wurde darauf verzichtet.»