Es ist ein ruhiger Morgen im Büro des Rettungsdiensts Spital Limmattal. Pager und Funkgerät bleiben still. Nur hie und da dröhnt eine gedämpfte Stimme aus dem Äther; ein rascher Blick aufs Meldegerät, Entwarnung. Am Tag zuvor musste der Rettungsdienst zwanzig Mal ausrücken. An diesem Morgen bleibt es bei einem Einsatz. «Das ist das Spannende an diesem Beruf: Man weiss nie, was der Tag bringen wird», sagt Rettungsdienstleiter Markus Sturzenegger und verstaut seinen Pager wieder im Hüftgürtel.

Eines hingegen ist klar: Der Tag eines Rettungsdienstlers ist lang. Die Schichten dauern von 7 bis 19 und von 19 bis 7 Uhr. Im Durchschnitt fallen im Einsatzgebiet, zu dem zehn Limmattaler Gemeinden gehören und das die aktive Nachbarschaftshilfe mit einschliesst, täglich 15 Einsätze an. «Das können aber auch mal nur fünf sein, oder aber weit über 20», sagt Sturzenegger.

Er erlebte gerade vor kurzem einen solchen Extremfall. 35 Mal mussten die spitaleigenen Sanitäter innert eines Tages ausrücken. «Da arbeitet man nonstop, kommt oft nicht einmal dazu, etwas zu essen. Solche Tage sind hart», sagt Sturzenegger. Da ist ein ruhiger Morgen wie der heutige eine willkommene Abwechslung.

Doch wer meint, dass die Mitarbeitenden des Rettungsdienstes in der einsatzfreien Zeit auf der faulen Haut liegen, der irrt. Denn was während einer Rettungsaktion zum Zug kommt, ist das Resultat minutiöser Vorbereitung. Ruft der Pager, muss es schnell gehen. Wenn dann nicht alles an seinem Ort ist, geht wertvolle Zeit verloren. Im Rettungsjargon spricht man von der «Golden Hour»: Vergehen zwischen Alarm und Ankunft im Zielspital mehr als 60 Minuten, kann das fatale Folgen haben. «Doch wir schaffen es meist in weniger als 30 Minuten», so der Rettungsdienstleiter.

Jedes Ding an seinem Ort

Damit das möglich ist, muss das Herzstück eines jeden Einsatzes, der Rettungswagen, jederzeit zur Abfahrt bereit sein. Auf den paar Quadratmetern im Innern des Spitals auf Rädern hat vom EKG-Kabel über die Kanüle bis zum Schmerzmittel jedes Ding seinen festen Platz. Nach jedem Einsatz wird der Bestand wieder aufgefüllt, zweimal täglich überprüft, ob alles dort ist, wo es hingehört. Abweichungen werden nicht akzeptiert: Sind im Inventar zehn Spritzen vermerkt, gehören zehn Spritzen in die Schublade. «Nicht neun und nicht elf, da sind wir konsequent», sagt Sturzenegger.

Der technische Fortschritt erleichtert den Rettern heute vieles. Vitalfunktionen werden via Bluetooth auf den Monitor gezaubert, Kabelsalat gehört der Vergangenheit an. Überall hin begleitet die Rettungssanitäter ein Monitor, der auch Defibrillator, Messgerät für Vitalparameter und Datenspeichergerät ist. «Das Protokollieren wird so vereinfacht, da alle Daten auch nach dem Einsatz abrufbar sind», sagt Sturzenegger, der seit 18 Jahren Rettungseinsätze fährt.

Üben, üben üben

Sind die Mitarbeitenden des Rettungsdienstes nicht mit der Instandhaltung ihrer Ausrüstung beschäftigt, nutzen sie die Zeit zum Üben. «Die häufigsten Abläufe müssen unsere Leute im Schlaf können», erklärt der Rettungsdienstleiter. «Da gibt es nur eines: üben, üben üben.» Auch an diesem Morgen simuliert das Rettungsteam eine Situation, die am selben Tag noch Realität werden könnte. Routiniert wird ein Kollege auf eine Trage geschnallt, innert zwei Minuten ist sein Kopf stabilisiert.

Seit Anfang dieses Jahres leitet Sturzenegger den Rettungsdienst. Und bereits konnte er mit seinem Team einen ersten Erfolg verbuchen. Am Oldenburger Notfallsymposium konnte sich das 23-köpfige «Limmi»-Team gegen die internationale Konkurrenz durchsetzen und gewann den zweiten Preis für Qualität im Rettungsdienst. Zuteil wurde dem Rettungsteam diese Ehre dank einer Studie, in der sie die Bedingungen für eine komplikationsfreie Schmerzbehandlung mit dem Opiat Fentanyl anhand realer Fälle erforschten.

Bei belastenden Fällen hilft das Team

Nicht nur mit medizinischen Notfällen, auch mit menschlichen Abgründen sehen sich die Rettungssanitäter regelmässig konfrontiert. Sie werden auch bei häuslicher Gewalt, Drogenmissbrauch oder Suizid gerufen. «Höchstleistung ist in jedem Moment gefragt», so Sturzenegger. Genau das sei jedoch auch ein Grund dafür, «dass man das Gefühl hat, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen».

Mit der Aufgabe, schwierige Situationen zu verarbeiten, hilft man sich beim Rettungsdienst gegenseitig: «Es ist wichtig, dass man darüber reden kann», sagt Sturzenegger. Er weiss mittlerweile damit umzugehen; seine Freude am Beruf ist ungetrübt. «Ich schätze die tägliche Herausforderung des Unbekannten und die Vielseitigkeit meiner Aufgaben.» Denn im Einsatz sei er nicht nur Rettungssanitäter, sagt er. Sondern auch «Geburtshelfer, Seelsorger oder Streetworker».