Dietikon
Reto Schenkel ist bereit für die ganz grosse Bühne

Der Dietiker Sprinter Reto Schenkel startet heute um 13.20 Uhr über 200 Meter zu seinem ersten Olympia-Rennen. Der 24-jährige Schenkel ist mit seiner Saisonbestzeit von 20,48 Sekunden die Nummer 23 unter 55 Startern.

Peter A. Frei, London
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Amaru Reto Schenkel (hier beim Posieren auf der London Bridge) schielt über 200 Meter auf einen Platz im Halbfinal und den Schweizer Rekord.keystone

Amaru Reto Schenkel (hier beim Posieren auf der London Bridge) schielt über 200 Meter auf einen Platz im Halbfinal und den Schweizer Rekord.keystone

Ein Schweizer Trio betritt heute vor 80000 Augenpaaren die Arena: zwei laute, unbekümmerte Sprinter und eine leise, zurückhaltende Weitspringerin. Der Dietiker Amaru Reto Schenkel und Alex Wilson bestreiten die 200-Meter-Vorläufe, Irene Pusterla die Weitsprung-Qualifikation (ab 20.05 Uhr). Für alle drei liegt die Qualifikation im Bereich des Möglichen – aber ohne Topleistung gibts an Olympischen Spielen keinen Blumentopf zu gewinnen.

Den beiden Sprintern kann die Halbfinalqualifikation anhand des Papiers zugetraut werden. Der 24-jährige Schenkel ist mit seiner Saisonbestzeit von 20,48 Sekunden die Nummer 23 unter 55 Startern, Alex Wilson (21) mit 20,52 Sekunden die Nummer 25. Die besten 24 Konkurrenten, jeweils die ersten drei aller sieben Serien, dazu drei Zeitbeste, stossen in die Halbfinals vor. Wilson startet in der ersten Serie zusammen mit Usain Bolt, Schenkel in der fünften, wo er unter anderen auf den Jamaikaner Warren Weir trifft, der eine Saisonbestleistung von unter 20Sekunden aufweist (19,99). Der Limmattaler ist mit seiner Bestzeit der nominell Viertschnellste seiner Serie. Die 20,48 Sekunden erreichte Schenkel in der laufenden Saison.

Zuversicht beim Leistungssportchef

«Beide haben das Potenzial für die nächste Runde», sagte Peter Haas, der Leistungssportchef der Schweizer Leichtathleten. «Am letzten Wettkampf in Weinheim vor zehn Tagen zeigten sie auch, dass sie in Form sind.» Laurent Meuwly, der Trainer von Schenkel, denkt an den Schweizer Rekord von 20,41, den Kevin Widmer seit 1995 hält: «Das wäre der nächste Schritt für Amaru oder Wilson, der Rekord könnte auf dieser schnellen Bahn fallen.» Meuwly arbeitete mit Schenkel seit den leicht missglückten Europameisterschaften in Helsinki hauptsächlich im mentalen Bereich.

An Selbstbewusstsein fehlt es den schnellsten zwei Schweizern, dem in Togo geborenen Amaru Schenkel und dem auf Jamaika geborenen Alex Wilson, allerdings seit jeher nicht. Der Dietiker sagt: «Den Anspruch, in die Halbfinals vorzustossen, stelle ich an mich selbst.» Der Basler Wilson erklärt: «Die Zielsetzung ist hoch. Aber ich bin gut genug, hier in London eine Überraschung zu schaffen.»

Pusterla braucht Selbstvertrauen

Eine ganze dicke Überraschung wäre indes eine Finalqualifikation von Pusterla. Die Tessiner Psychologie-Studentin Irene Pusterla (24), Tochter eines ehemaligen Schweizer 10,2-Sekunden-Sprinters, nimmt mit ihrer Saisonbestweite von 6,66 Metern nur den 23. Rang unter 32 Starterinnen ein. Wer 6,70 Meter weit springt oder sich unter die besten 12 einreiht, steht im Final. Dass Pusterla dies drauf hat, zeigt ihr Schweizer Rekord von 6,84 Metern aus dem letzten Jahr. «Ich fühle mich wohl im olympischen Dorf und auf den Anlagen, sodass ich hier meine beste Leistung abrufen sollte», sagte Pusterla. «Ich werde jedenfalls alles versuchen, um das Maximum aus meinen Möglichkeiten herauszuholen.»

Leistungssportchef Haas hat festgestellt, dass die Horizontalsprünge im Olympiastadion nicht auf allerhöchstem Niveau absolviert werden. Gesprungen wurde bisher gegen den Wind, die Anlaufrichtung wurde nicht umgekehrt. «Dadurch gibt es», so Haas, «harte Sprungkonkurrenzen in der Qualifikation. Für Irene wird es wichtig sein, möglichst schon einen guten ersten Versuch zu zeigen, damit sie schnell in den Wettkampf hineinkommt.» Schwierige Bedingungen sind im Allgemeinen kein Problem für die Athletin von Vigor Ligornetto, und die Absprungbalken im Olympiastadion sind perfekt.

Ihre bisherigen Starts an Grossveranstaltungen verliefen für Pusterla nicht immer nach Wunsch. An den EM 2010 wurde sie von (der in London fehlenden) Carolina Klüft nur wegen des schlechteren zweiten Versuchs aus dem Final gedrängt, bei den WM 2011 wurde sie 19. und bei den EM 2012 in Helsinki Siebte.