Um in der Erlebnis-Gastronomie Geschichte zu schreiben, kann eine Reise in die Vergangenheit dienlich sein: Zur Eröffnung von «Only Temporary» chartern die Verantwortlichen kurzerhand den Roten Doppelpfeil «Churchill», der ausgewählte Gäste vom Zürcher Hauptbahnhof direkt in die ehemalige NZZ-Druckerei in Schlieren bringt.

Im geschichtsträchtigen Zug – vor 70 Jahren bereiste der Namen gebende damalige britische Premierminister darin die Schweiz – freuen sich die Anwesenden bei Champagner auf den bevorstehenden Abend. «Die Pop-up-Szene in der Gastronomie ist äusserst innovativ», sagt Stefan Schramm, Geschäftsführer von «Salz & Pfeffer», der ebenfalls in der ersten Klasse nach Schlieren fährt.

Am Ziel angekommen, wird klar, dass Nicolai Squarra und seine Crew von «Dine&Shine» aus Urdorf nicht zu viel versprochen haben: Die grosse Halle, in der noch bis Mitte 2015 die Druckmaschinen dröhnten, ist kaum wiederzuerkennen. Discokugeln funkeln mit Kronleuchtern um die Wette und lange Tafeln sind mit Kerzen dekoriert – alles ein Werk namhafter Event-Designer. «Heute ist unsere Feuertaufe und wir geben alles», sagt Franziska Schmidt, Marketing- und Kommunikationsleiterin.

Die geladenen Gäste tummeln sich neugierig in der Halle. Erstes Epizentrum ist die Bar inklusive Promi-Schaulaufen: Sven Epiney, der ausnahmsweise nicht moderieren wird, Ex-Miss-Schweiz Dominique Rinderknecht oder der aktuelle Bachelor Janosch Nietlispach (ohne Herzdame) schiessen selbst fleissig Bilder mit ihren Handykameras.

Für jeden Gang eine Farbe

In diesem Ambiente, in dem die 1920er-Jahre auf das Studio 54 treffen, sorgen die sechs Spitzenköche Rolf Caviezel, Rolf Mürner, Christopher Sakoschek, Kay Malsch-Spitzer, Stephan Zeidler und Claudio Schmitz für einen kolorierten Gaumenschmaus. Diniert wird im Vierfarbdruck – ein kulinarischer Tribut an die geschichtsträchtige Vergangenheit. «Wir haben das Konzept im Team erarbeitet», erklärt Claudio Schmitz. Viele Köche würden eben nicht den Brei verderben, hält er fest.

So wurde aus «CMYK» (kurz für die Farben Cyan, Magenta, Yellow/Gelb und Key/Schwarz, welche die technische Grundlage für den modernen Vierfarbdruck bilden) ein 5-Gang-Menü. Egal, ob Fleisch oder Vegi, alles ist bunt. Die Küche des Restaurants ist offen und in die Halle integriert. Das sei schon speziell, sagt Rolf Caviezel, ein Meister der Molekularküche.

Wer sich zwischendurch die Beine vertreten will, kann sich in den Pop-up-Stores umsehen, sich dort unter anderem ein Tattoo stechen lassen, sich in einem 1979er-VW-Bus fotografieren lassen oder die Kunstwerke der Foodstylistin Diana Kraus ansehen.

Erinnerungen an früher

Auch der Schlieremer Standortförderer Albert Schweizer geniesst den Abend: «Ich bin überrascht, wie toll und wie professionell das Lokal aufgemacht wurde.» Er gesteht, dass er mit gemischten Gefühlen die Halle betreten habe. Die Schliessung der Druckerei sei ein herber Schlag für den Wirtschaftsstandort Schlieren gewesen. Es sind Erinnerungen, die später auch Moderator Midi Gottet aufkeimen lässt, allerdings gewohnt salopp. Er bestreitet die Unterhaltung mit Sprüchen wie «aus Druck- wurden Herdplatten».

Als Sänger ist er weit amüsanter und gibt den Sinatra-Klassiker «New York, New York» als «Schlieren, Schlieren» unter tosendem Beifall zum Besten. Später wird noch ein DJ für Stimmung sorgen.

Das Ziel der selbst ernannten jungen Wilden aus Urdorf, den Eröffnungsabend als Visitenkarte für «Dine&Shine» zu etablieren, ist gelungen. Bis zum 23. Dezember ist «Only Temporary» jeweils von Donnerstag bis Samstag geöffnet. Ein geschickt ausgewählter Zeitraum, da viele Firmen nun ihre Weihnachtsessen planen. Aber auch spontane Besuche sind auf Anfrage willkommen; vielleicht ist einer der begehrten Tische noch frei.