Dietikon
Rentner-Ehepaar niedergeschlagen - Bezirksgericht verurteilt Familienvater

Ein beinahe 20 Jahre schwelender Nachbarschaftskonflikt eskalierte im Frühling 2012 in Dietikon völlig. Ein Familienvater rastete aus und schlug ein Rentner-Ehepaar nieder. Dieses ist an der Auseinandersetzung anscheinend nicht ganz unschuldig.

Attila Szenogrady
Drucken
Teilen
Der Angeklagte verletzte das Ehepaar mit Faustschlägen und Tritten.

Der Angeklagte verletzte das Ehepaar mit Faustschlägen und Tritten.

Keystone

Tatort Schlieren: Bei einem heftigen Streit hat ein Projektleiter einen verhassten Nachbarn und dessen Ehefrau niedergeschlagen. Da das verletzte Ehepaar provoziert hatte, kam der beschuldigte Familienvater mit einer bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu 120 Franken davon.

«Es war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte», plädierte Verteidiger Marco Uffer vor dem Bezirksgericht Dietikon. Seit bald 20 Jahren herrscht ein hässlicher Nachbarschaftskonflikt.

Im Mittelpunkt stehen ein Schweizer Rentner und seine Frau. Beim Ehepaar handelt es sich laut Anwalt Uffer um ein eingeschweisstes Team, das mit Anwohnern nicht nur regelmässig herumstreitet, sondern auch gegen sie immer wieder prozessiert. Dabei ist es laut den Akten schon zu diversen Beschimpfungen und wiederholt zu handgreiflichen Auseinandersetzungen gekommen.

«Mein Mann sah rot und rastete aus»

Auch am 5. Mai 2012. Als sich der Rentner mit wüsten Schimpfworten beim Projektleiter über nicht geschnittene Reben beschwerte, kam es zum Streit. Als der Pensionär auch noch den Sohn des Nachbarn beleidigte, platzte diesem der Kragen.

Er versetzte seinem Gegner nicht nur einen Faustschlag ins Gesicht, sondern trat noch auf den bereits am Boden Liegenden ein. Dann schlug der erzürnte Vater noch die Ehefrau des Seniors zu Boden und versetzte ihr einen Tritt. Die verletzten Eheleute erstatteten umgehend Strafanzeige.

Der Beschuldigte gab während der Ermittlungen seine Attacken zu, machte aber geltend, dass er massiv provoziert worden sei. Auch die Frau des Projektleiters sagte bei der Polizei aus: «Mein Mann sah rot und rastete aus.»

Für die Staatsanwaltschaft hatte sich der Angreifer der mehrfach versuchten schweren Körperverletzung schuldig gemacht. Vor allem aufgrund der laut Anklage gefährlichen Fusstritte gegen die auf dem Boden liegenden Kläger.

Der Strafantrag gegen den Ersttäter lautete auf eine hohe, aber bedingte Geldstrafe von 22 000 Franken (220 Tagessätze zu 100 Franken) sowie auf eine Busse von 4200 Franken.

Völlige Straffreiheit gefordert

Vor Gericht verweigerte der Beschuldigte die Aussage. Sein Anwalt ging von einfacher Körperverletzung aus und verlangte Straffreiheit: «Muss man sich von einem Mitmenschen alles gefallen lassen?»

Anwalt Uffer sprach von einem puren Racheakt der Geschädigten: «Das ist ein Missbrauch des Rechtsstaates, einfach krank.» Sein Klient habe nur auf erneute Beleidigungen, Belästigungen und Drohungen reagiert.

Das Gericht schlug den Mittelweg ein. Es verurteilte den Beschuldigten wegen mehrfacher Körperverletzung zur bedingten Geldstrafe und stellte klar, dass man Selbstjustiz nicht zulassen könne. «Der Beschuldigte hat das Mass einer erlaubten Reaktion überschritten», hielt Einzelrichter Bruno Amacker fest.

Andererseits schloss der Vorsitzende versuchte schwere Körperverletzungen ebenso klar aus. Aus dem durch Fotos dokumentierten Verletzungsbild gehe hervor, dass die Geschädigten bloss kleine Kratzer erlitten hätten.

Angebliche starke Schläge sowie gleich mehrere Fusstritte gegen den Kopf seien deshalb nicht erwiesen. Glaubhafter seien die Darstellungen des Beschuldigten, der nur ein paar «Flättere» verteilt und bloss einmal nachgetreten habe.

Das Gericht lehnte ein Schmerzensgeld aufgrund einer Mitverantwortung ab. Dem Projektleiter wurde nur die Hälfte der Gerichtskosten auferlegt. Zudem erhielt er für seine Verteidigung eine Entschädigung von 8000 Franken.

Inzwischen ist er mit seiner Familie weggezogen. Im Gegensatz zum Senior, der laut Verteidiger bereits einen anderen Anwohner verzeigt hat.

Aktuelle Nachrichten