Bei unserer Ankunft in Khajuraho erfahren wir, dass abends ein Hochzeitsfest stattfindet. Diese besondere Gelegenheit wollen wir uns nicht entgehen lassen und mischen uns unter die Zaungäste. Als einzige Ausländer bleiben wir nicht lange unentdeckt und wir werden zum Eintreten aufgefordert.

Zwischen zwei Häusern gelangen wir durch einen farbig geschmückten Korridor auf einen riesigen Hof, der mit Tischen, Stühlen und einer Bühne mit zwei thronähnlichen Sesseln ausgestattet ist.

In einem Hinterhof befindet sich die Freiluftküche. Hehrscharen von Indern und Inderinnen bereiten in riesigen Töpfen das Essen zu. Es müssen mehr als 1000 Gäste anwesend sein und es kommen immer noch mehr.

Wie ein Märchen aus tausendundeiner Nacht

Einige ältere Männer, hohe Würdenträger, werden mit einer tiefen Verbeugung und einer kurzen Berührung am Knie begrüsst. Die Frauen tragen ausschliesslich farbenprächtige, manchmal mit Gold- und Silberfäden bestickte Saris.

Die Männer schmücken sich mit den typischen Kleidern der Maharadschas, bestehend aus engen weissen Hosen, einem langen, bis zu den Knien reichenden, ebenfalls weissen Oberteil und einer turbanähnlichen Kopfbedeckung. Wir kommen uns vor wie in einem Märchen aus tausendundeiner Nacht.

Für ein solches Fest, das ungefähr eine Woche dauert, verschulden sich viele Familien auf Jahre hinaus. Die Eltern der Braut müssen die Hochzeitsfeier bezahlen und der Familie ihres zukünftigen Schwiegersohnes eine Mitgift liefern.

Schon alleine die Geburt eines Mädchens gilt in Indien als Unglück, vor allem, wenn noch kein Sohn vorhanden ist oder wenn mehrere Mädchen nacheinander geboren werden. Das kann den Ruin einer Familie zur Folge haben.

Essen in endloser Länge

Das üppige und sehr reichhaltige Essen zieht sich endlos in die Länge und vom Brautpaar ist noch immer nichts zu sehen. Knapp vor 23 Uhr kommt, von einer langen Prozession begleitet, der Bräutigam.

Zuerst wird ein Feuerwerk entzündet und Böllerschüsse lassen die Umgebung erzittern. Dann folgen die lautstarken Musiker, dahinter eine Horde junger, wild tanzender Männer und zum Schluss in einer Kutsche, die von einem prächtig geschmückten Pferd gezogen wird, der Auserwählte. Er wird von den Gästen mit Rosen beschenkt und mit falschen Geldnoten beworfen.

Beim Eingang zum Festgelände steht ein weiteres Pferd auf das der Heiratskandidat nun umsteigt und hoch erhobenen Hauptes zur Bühne reitet, wo er von jungen Männern auf die Achseln gehievt und zum Thron getragen wird. Dort erwarten ihn mehreren Frauen und sie schieben ihn kleine Reiskugeln in den Mund.

Still und leise kommt die Braut zu Fuss in Begleitung einiger Brautjungfern und setzt sich auf den zweiten Thron. Während der Bräutigam immer versucht, wenn auch etwas gequält, zu lächeln, ist sie sehr ernst. Ob das Teil ihrer Rolle ist oder ob ihr wirklich nicht zum Lachen zumute ist, ist schwer zu beurteilen.

Ein Sohn bringt der Braut Ansehen

Tatsächlich beginnt für sie ein neuer, unbestimmter Lebensabschnitt. Sie wird nun ihre Herkunftsfamilie verlassen und zur Familie ihres Mannes ziehen – und ihr ausgeliefert sein. Sie muss allen männlichen Mitgliedern der Familie, den älteren Schwestern ihres Ehemannes und seiner Mutter und Grossmutter gehorchen.

Wenn sie Glück hat, wird sie gut aufgenommen, und sobald sie den ersten Sohn geboren hat, steigt ihre Achtung bei den anderen Familienmitgliedern.

Es folgen nun mehrere Zeremonien. Morgens um vier Uhr geben wir auf und ohne das Ende der Feierlichkeiten abzuwarten verabschieden wir uns.