Limmatreise
Reise zum Quell: Was das Limmatwasser zu erzählen hat

Die Reise ins Quellgebiet des 140 Kilometer langen Flusssystems Linth-Limmat führt durchs Glarnerland an den Fuss des Tödi – und ist auch eine Zeitreise.

Von Matthias Scharrer
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Bei der Quaibrücke in Zürich geht der See in die Limmat über
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Limmat

Bei der Quaibrücke in Zürich geht der See in die Limmat über

Limmattaler Zeitung

Wenn die Limmat erzählen könnte, mal mit träger, mal mit gurgelnder Stimme – sie hätte viel zu erzählen. Vielleicht würde sie sich so vorstellen: «Ich heisse Limmat. Den Namen haben mir die Gallier vor langer Zeit gegeben. Viel Fantasie zeigten sie dabei nicht. Sie setzten einfach ihre Worte für ‹Gewässer› und ‹Ebene› zusammen: Lindo magos. Vielleicht nuschelten sie, sodass daraus das Wort ‹Limmat› entstand. Als ob ich einfach so ein mattes Gewässer wäre. Naja, auf den ersten Blick passts ja. Es gibt aufregendere Flüsse als das, was da vom Zürichsee in die Aare fliesst. Aber hey! Ich bin Bergwasser! Der Grossteil von mir kommt aus der Linth. Sie liefert über zwei Drittel des Wassers, das ich aus dem Zürichsee mitnehme. Nehmen Sie mal die S 25, gutes Schuhwerk, ein Mountainbike – und entdecken Sie meine Ursprünge!»

Die Limmat gluckste. Ich tat, wie mir geheissen, lieh das Mountainbike meines Nachbarn und fuhr los. Neben mir breitete sich der Zürichsee aus: Limmatwasser, Linthwasser – alles fliesst, seit der letzten Eiszeit, als der Linthgletscher diese Landschaft formte, erst zwischen mächtigen Bergen, dann zunehmend eben und begrenzt von Moränenhügeln. Immer wieder überschwemmte später das Wasser die Linthebene. Wertvolles Kulturland versumpfte, da die Linth nach dem Abholzen der Wälder mehr und mehr Geschiebe aus Murgängen mit sich führte. Malaria wütete im Linthdelta.

Grossbaustellen einst und heute

Dann kam Conrad Escher, ein Zürcher Universalgelehrter und Politiker, mit einem Geistesblitz: Man müsste die Linth kanalisieren und bei Mollis (GL) in den Walensee umleiten, von dort via Linthkanal dann weiter in den Zürichsee. Die Tagsatzung, damals Regierung der noch losen Eidgenossenschaft, gab 1804 den Auftrag dazu.

1811 wurde der von Mollis zum Walensee führende Escherkanal eröffnet. Bis der Linthkanal zwischen Walen- und Zürichsee gebaut wurde, verfloss dann noch ein halbes Jahrhundert. Und der Zürcher Regierungsrat verlieh Conrad Escher und seiner Familie in dessen Todesjahr 1823 den Ehrentitel «von der Linth».

Nähert man sich dem Quellgebiet der Linth, trifft man auch heute auf eine Grossbaustelle: Hoch über dem Talkessel Tierfehd, der das Glarner Kleintal südlich von Linthal abschliesst, erweitert der Energiekonzern Axpo die Kraftwerke Linth-Limmern. Eine riesige Gondelstation dient als Eintritt zur Baustelle. Die Bauarbeiten am unterirdischen Pumpspeicherwerk, das Wasser aus dem Limmernsee in den 630 Meter höher gelegenen Muttsee zurückpumpt, sind weit fortgeschritten. Die Leistung des Wasserkraftwerks steigt damit auf jene des Kernkraftwerks Leibstadt an. Doch bis alles fertig ist, dauert es noch ein paar Monate, und der Zugang zur Linthschlucht am Ende des Talkessels ist wegen der Baustelle derzeit versperrt.

Um dem Lauf der Linth weiter in Richtung Tödi zu folgen, geht es jetzt auf den steilen Wanderweg zur historischen Pantenbrücke. Nach einer halben Stunde ist die Brücke, deren Name die alemannisch-romanische Sprachgrenze markiert, erreicht. Ein schmaler Pfad führt in fünf Minuten steil hinab in die Linthschlucht. Das Wasser im rund 30 Meter tiefen Felsspalt raunt mit tiefer, tosender Stimme: «Ich werde noch hier sein, wenn es euch längst nicht mehr gibt. Ich bin stärker.»

Aus dem ewigen Schnee und Eis

Nach der Pantenbrücke gehts nur noch ein paar Kurven tödiwärts auf dem gekiesten Waldsträsschen bis zum Anfang der Linth: Dort, wo Sandbach und Limmernbach zusammenfliessen, erhält das Gewässer den Namen Linth. Geschiebe aus feinem Sand, Kies und Felsbrocken bildet einen willkommenen Rastplatz am türkisblauen Wasser, das hier im breiten Bachbett vorbeifliesst, glucksend und rauschend zugleich. Barfuss spüre ich die Kälte des Wassers, die sich kaum zehn Sekunden aushalten lässt. «Ich komme aus dem ewigen Schnee und Eis», flüstert nun der Sandbach, der im Tödigebiet entspringt.

Tatsächlich leckt eine Schneezunge, die sich unter einer schattigen Felswand bis in den Sommer gehalten hat, ein paar Kurven weiter oben das Bachufer. Und sobald sich der Wald lichtet, wird der Blick frei auf den schneebedeckten Tödi, der das Einzugsgebiet der Limmat nach Süden abschliesst.

Der Fabrikantreiber

Wars das? Nicht ganz. Auf dem Rückweg von Linthal flussabwärts hat das nun über weite Strecken kanalisierte Linthwasser noch eine Geschichte zu erzählen: «Sie machten mich zum Fabrikantreiber, damals, im 19. Jahrhundert. Fabrikanten leiteten mich durch schmale Kanäle, um die Maschinen der Glarner Textilindustrie anzutreiben. Und weil meine Kraft nie erlahmte, mussten die Fabrikarbeiter von früh bis spät schuften. Kein Wunder, dass sie an der Landsgemeinde 1864 das erste Fabrikgesetz der Schweiz einführten, das die Arbeitszeit auf zwölf Stunden pro Tag beschränkte.» Es sollte für den Arbeitnehmerschutz in der Schweiz wegweisend werden.

Das Kanalsystem zum Antrieb der Fabrikanlagen prägt noch immer das Kleintal zwischen Linthal und Schwanden. Doch in den alten Fabriken rattern die Maschinen nicht mehr. Das Kanalsystem wirkt wie ein Landschaftskunstwerk. Und ewig fliesst das Wasser talwärts, glucksend, gurgelnd, tosend, bis es dann im Zürichsee und in der Limmat ermattet.