«Das ist ja unglaublich gut, habe ich das wirklich geschrieben?», ging der Schlieremer Autorin Erica Brühlmann-Jecklin durch den Kopf, als sie den Schauspieler und Sprecher Peter Kner zum ersten Mal einen ihrer Texte vorlesen hörte.

Weil ihr Kners Stimme so gut gefiel, gingen die beiden diesen Januar ins Tonstudio, um Brühlmann-Jecklins 2009 erschienenen historischen Roman «Sofia – eine Frau aus dem Prättigau» als Hörspiel zu vertonen.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Schlieren schreibt … und liest», die Autorinnen und Autoren aus der Region in der Bibliothek Schlieren regelmässig eine Plattform für ihre Texte bietet, las Kner am Mittwochabend aus Brühlmann-Jecklins 2013 erschienenem historischen Roman «Rosenkind».

Der in Schlieren wohnhafte Schriftsteller, Kabarettist und Sprecher Martin Hamburger ergänzte die Lesung mit einer Zusammenstellung älterer Gedichte und wartete auch mit einigen neuen, unveröffentlichten Werken auf.

Der Oberengstringer Gitarrist Dani Solimine, der schon mit Berühmtheiten wie den «Schlieremer Chind» oder «Ursus und Nadeschkin» zusammengearbeitet hat, untermalte die gesprochenen Beiträge mit jazzigen Zwischenspielen.

Verstecktes Grauen

«Rosenkind» geht unter die Haut. Mit dem Buch hat Brühlmann-Jecklin die aufwühlende Geschichte der Familie Bucher und damit auch ein düsteres Kapitel der Schweizer Geschichte beleuchtet.

Die beiden Schwestern Anna und Berta Bucher waren ihrer Mutter in den 1920er-Jahren weggenommen worden. Sie kamen in die Luzerner Erziehungsanstalt Rathausen, wo sie wiederholt misshandelt wurden.

Ihren traurigen Tiefpunkt nahm die Geschichte, als Berta im Alter von 13 Jahren an den Folgen einer gewaltsamen Bestrafung durch eine Nonne starb.

Mit Anne Huber-Bühlmann, der Tochter von Anna Bucher, wohnte sogar eine Nachfahrin der Familie – und eine von Brühlmanns wichtigsten Informationsquellen – der Lesung bei.

Obwohl sie die Geschichte schon so oft gehört habe, sei es von ihrer Mutter selbst oder an Lesungen von «Rosenkind», gehe sie ihr immer wieder sehr nahe, sagte Huber-Bühlmann.

«Peter Kner hat den Text wunderbar gelesen. All die Gesichter sind mir sofort wieder vor dem inneren Auge erschienen.»

Schriftsteller Martin Hamburger aus seiner Gedichtesammlung.

Schriftsteller Martin Hamburger aus seiner Gedichtesammlung.

Bei Martin Hamburger, der die Lesung eröffnete, ging es deutlich heiterer zu und her; viele seiner Gedichte zeichnen sich durch einen subtilen Humor aus.

Mit seinen neusten Gedichten, entstanden in den letzten Monaten, habe er auch experimentiert, so der Schriftsteller: «Sind das überhaupt Gedichte oder bilden sie eher ein Tagebuch oder gar einen Blog? – Ich bin mir noch nicht sicher.»

In den meisten dieser Texte schildert Hamburger einzelne Momente oder Episoden aus seinem Alltag: Etwa, wie er in einem Antiquariat ein fast 200 Jahre altes amerikanisches Theaterplakat entdeckte; wie sein Nachbar zum Sterben auf den Mars fliegen wollte, dann aber doch nicht ins entsprechende Programm aufgenommen wurde; oder wie er W. G. Sebald, der später zum bekannten Schriftsteller wurde, ein Jahr lang als Deutschlehrer erlebte. «Auf diese Bekanntschaft bin ich immer noch etwas stolz», sagte Hamburger und lächelte.