Natürlich ist Talkhon Hamzavi etwas aufgeregt, denn am 8. Juni wird sie in Los Angeles einen der begehrten Awards der Student Academy in Empfang nehmen können. Diese Preise gelten als «Studenten-Oscar». Ihr Film «Parvaneh», den sie als Abschluss des Masterstudiengangs an der Zürcher Hochschule der Künste im letzten Jahr gedreht hat, schaffte es auf einen der drei ersten Ränge. Ob ihr Gold, Silber oder Bronze zuerkannt werden, weiss sie noch nicht. Aber dass ihr Film bei über hundert Bewerbungen aus Filmhochschulen der ganzen Welt so weit nach vorne gekommen ist, hält sie schon fast für ein Wunder. «Das kam für mich ganz unerwartet», sagt sie.

Film in Teilzeit

Jetzt ist sie mit einem neuen Drehbuch beschäftigt, aber Genaueres will sie noch nicht verraten. Für den neuen Film wendet sie ungefähr 50 Prozent ihrer Arbeitszeit auf, die andern 50 Prozent arbeitet sie jetzt wieder in ihrem Erstberuf als Medizinische Praxisassistentin. Ein Preis in Los Angeles könnte ihr den Weg ebnen, um für den nächsten Film zu den nötigen Finanzen zu kommen.

«Parvaneh» erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die aus Afghanistan in die Schweiz flüchtete und in einem Asylbewerberzentrum in den Bergen untergebracht wurde. Ihrem Grossvater, der in Afghanistan geblieben ist, geht es gesundheitlich schlecht, weshalb ihm Parvaneh Geld schicken will. Dazu fährt sie nach Zürich. Doch weil sie nur einen Ausweis als Asylbewerberin hat und noch nicht 18-jährig ist, darf sie keine solchen Überweisungen tätigen. Erst die Hilfe einer Punkerin macht den Geldtransfer möglich. Daran schliessen sich Begegnungen mit anderen Leuten an, schönere und weniger schöne.

Erfahrungen haben Einfluss

Der Film, der 24 Minuten dauert und für den sie das Drehbuch geschrieben sowie Regie geführt hat, umfasst einen Tag und eine Nacht im Leben der jungen Afghanin. Hat Talkhon Hamzavi, die selber in Teheran geboren und im Alter von sieben Jahren mit ihren Eltern und Geschwistern in die Schweiz gekommen ist, eigene Erfahrungen als Fremdling in den Film hineingewoben? «Nicht bewusst», gibt sie zur Antwort, aber zweifellos hätten ihre Erfahrungen einen Einfluss auf das, was sie im Film zeige. Autobiografisch sei der Film aber nicht.

Missverständnisse

Aber auch die Filmerin hat eine Art Kulturschock erlebt, als sie in die Schweiz kam: «Ich war von Teheran her viele Leute auf der Strasse und einen Riesenverkehr gewohnt, nicht zu vergleichen mit der Schweiz», sagt sie. Und natürlich war die Verständigung anfangs schwierig, sprach sie doch überhaupt kein Deutsch, geschweige denn Schweizerdeutsch. «Das führte zu etlichen Missverständnissen», erinnert sie sich. Zur Sprachbarriere kamen auch noch die neuen Gesetze und die kulturellen Verschiedenheiten hinzu.

Auf wen man sich verlassen kann und auf wen nicht: Das muss die Filmheldin herausfinden. Ob es ihr gelingt, in der Schweiz neue Wurzeln zu schlagen, bleibt im Film offen. Eines ist sicher: Sie ist durch ihre Erlebnisse ein Stück weit erwachsener geworden.

Dreh nahm 2 Wochen in Anspruch

Am Film hat Talkhon Hamzavi rund anderthalb Jahre lang gearbeitet, vom Schreiben des Drehbuchs über die Suche nach der Crew, den Schauspielern – auch ihr Bruder und ihre Mutter haben eine Rolle übernommen – und dem geeigneten Drehort bis zu den nötigen Bewilligungen. Der Dreh selber nahm zwei Wochen in Anspruch. Sehr kalt sei es gewesen dort oben im Asylzentrum, sagt sie, aber auch sehr schön: «Ich hatte ein super Team.»

Doch wie kommt es, dass die junge Iranerin, die inzwischen das Schweizer Bürgerrecht erworben hat, nach der Ausbildung zur Medizinischen Praxisassistentin zum Film gekommen ist? Nach der Sekundarschule habe sie auf keinen Fall eine Bürolehre machen wollen, erläutert sie, aber die Arbeit in einer Arztpraxis habe ihr gefallen. Doch insgeheim habe sie schon immer davon geträumt, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen. Nach der Berufsmatur und dem Vorkurs für Bildnerisches Gestalten in Aarau habe sie die Aufnahmeprüfung an die Zürcher Hochschule der Künste geschafft.

Neue Türen öffnen

Ganz von ungefähr kommt das Interesse für künstlerische Belange nicht, haben doch beide Eltern in ihrer Heimat die Kunsthochschule absolviert. Im Vorkurs habe sie dann realisiert: Das Filmemachen fasziniert sie am meisten. Jetzt hofft sie, dass ihr der Award der Student Academy neue Türen öffnet.