Die Kirche in Weiningen war voll. So voll wie wahrscheinlich schon länger nicht mehr. Der Grund für das Erscheinen von 82 Personen am Mittwochabend war die ausserordentliche Kirchgemeindeversammlung. Die Reformierten aus Weiningen, Unterengstringen, Oetwil und Geroldswil hatten über den Projektierungskredit in der Höhe von 180'000 Franken für eine Wohnüberbauung auf dem Pfarrhaus-Areal in Unterengstringen zu befinden.

Anfangs ging die Debatte unter dem Kirchenschiff gemächlich vonstatten. Die Kirchenpflege erklärte den Antrag. Sie wollte mit dem Kredit die Planung der rund 30 Seniorenwohnungen auf der Liegenschaft an der Bergstrasse 5 vorantreiben. Das knapp 3'000 Quadratmeter grosse Grundstück samt hundertjährigem Pfarrhaus gehört der reformierten Kirchgemeinde Weiningen.

André Kuchen, der neue Liegenschaftsvorstand der Kirchenpflege, legte den Stimmberechtigten das Anliegen nochmals dar. Der Projektierungskredit solle dazu dienen, dass eine Spurgruppe analysieren könne, wie es um die architektonische Gestaltung, die Funktionalität und die Wirtschaftlichkeit des geplanten Projekts bestellt sei. Aufgrund dieser Analyse wolle die Kirchenpflege entscheiden, ob sie die Investition über rund 12 Millionen Franken selbst tragen oder ob sie das Baurecht an einen Investor abgeben will. Konkret heisst das, dass eine Baufirma den Bauauftrag sowie die Verwaltung der Immobilien übernimmt und die Kirchgemeinde einen jährlichen Baurechtszins erhält. «Es geht nun nicht darum, was wir planen, sondern dass wir mit Planen beginnen können», sagte Kuchen.

Zu grosses Risiko für die Kirche?

Ganz anders sah Kurt Glanzmann, Präsident der Rechnungsprüfungskommission (RPK), die Sache: Bereits die einfache Milchbüechlirechnung der RPK habe ergeben, dass ein solcher Bau ein viel zu grosses Risiko berge. «Wenn man der Meinung ist, dass es nicht sinnvoll ist, dass die Kirchgemeinde bis zu 12 Millionen Franken investiert, dann ist es auch sinnvoll, dass man den Projektierungskredit ablehnt», so Glanzmann. Er schätze das finanzielle Risiko für die Kirchgemeinde als Bauherrin als deutlich zu hoch ein, folglich müsse gar nicht erst geplant werden. Dies zeigten ihm nebst der Prüfungsergebnisse der RPK auch die Kostenvoranschläge der Banken. Die RPK verstehe sich als Hilfe für die Kirchenpflege und habe diese in den letzten Jahren stets unterstützt, sagte er. Doch in diesem Fall empfehle er, den Projektierungskredit abzulehnen und das Baurecht abzugeben.

Keine Angst vor Grundsatzfragen

Die Diskussion nahm Fahrt auf: Sollte die Kirche nun als aktive Investorin oder als passive Wohltäterin auftreten? Die Antwort war nicht eindeutig und auch nicht einfach zu finden. Der Unterengstringer Gemeindepräsident Simon Wirth (FDP) sagte: «Ich muss warnen, ein solcher Bau ist ein grosser Brocken, das darf nicht unterschätzt werden.» Er wolle die Kirchgemeinde jedoch nicht beeinflussen, sagte er in einem Nachsatz. Dieser wurde mit einem Schmunzeln quittiert.

Auch Bedenken bezüglich des Projekts wurden angemeldet: «Wer wählt die Senioren aus, die Senioren in die Wohnungen kommen», fragte eine ältere Dame. «Als Miteigentümer will ich wissen, was genau auf dem Grundstück gemacht wird», sagte ein Herr. Immer wieder mahnte der Kirchenpflegepräsident Simon Plüer, dass es in dieser Abstimmung nicht um Baurecht oder Investition, sondern um den Projektierungskredit gehe.

Seit drei Jahren kümmert sich eine Spurgruppe um das Grundstück. Ein Mitglied sagte: «Ich würde mich sehr freuen, wenn wir die Chance erhielten, dieses Projekt zu planen, auch mit der Möglichkeit, dass es scheitert oder aber zum Vorbild für andere Kirchgemeinden wird.»
In der Kirchenbank, die mit einem Zettel «nicht stimmberechtigt» angeschrieben war, sass Pierre Dalcher, Präsident der reformierten Bezirkskirchenpflege und SVP-Kantonsrat. «Die Kirche wandelt sich», sagte er. «Die Landeskirche empfiehlt, dass Kirchgemeinden langfristig in ihr Land investieren sollen.» So behalte man das Geld oder verdiene allenfalls etwas dazu. Dieses Projekt habe einen durchaus christlichen Hintergrund. Zudem sei es normal, dass Kirchenpflegen, die Baupläne hegen, einen Projektierungskredit beantragen.

46 Stimmen für die Investition

Andere Votanten starteten eine Grundsatzdebatte: Die Kirchenmitglieder schwinden, doch die Arbeit der Kirche werde nicht geringer. Wie könne diese nun finanziert werden? Ist es wirklich Aufgabe der Kirche, als Investorin zu fungieren? Der Verlauf des Abends zeigte, dass zwei Stunden zu kurz sind, um diese Fragen abschliessend zu klären. Als es längst schon dunkel war, hoben 46 Stimmberechtigte die Hände, um der Planung eine Chance zu geben, egal ob die Kirche selber investiert oder das Pfarrhaus-Areal im Baurecht abgibt. 36 Personen lehnten den Antrag ab. Damit gaben die Anwesenden dem Kredit grünes Licht. Die Kirchenpflege atmete auf, ein Votant meldete aber bereits vor dem Abschluss der Versammlung, dass er Rekurs einlegen werde.