19. Jahrhundert
Reblaus und Mehltau: Wie der Limmattaler Rebbau in die Krise stürzte

Reblaus und Mehltau stürzten den Limmattaler Rebbau Ende des 19. Jahrhunderts in eine Krise, von der er sich nicht mehr erholte.

Sandro Zimmerli
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Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts, zur Zeit der Limmatkorrektion, gab es im Limmattal wie hier bei Oetwil unzählige Rebhänge.

Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts, zur Zeit der Limmatkorrektion, gab es im Limmattal wie hier bei Oetwil unzählige Rebhänge.

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Wie er geschmeckt hat, darüber lässt sich heute nur noch spekulieren. Über den Sparrenberger aus Unterengstringen wurde jedenfalls gesagt, dass er zu den besten Limmattaler Weinen zählte. Anders verhält es sich mit der Einschätzung des Rebensaftes aus Dietikon. Der dortige Wein soll von eher minderer Qualität gewesen sein. Dies auch deshalb, weil man im heutigen Bezirkshauptort eher auf Quantität denn auf Qualität setzte.

Gesichert ist dagegen, dass Weinberge bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die Landschaft dominierten. Im Limmattal wie im gesamten Kanton Zürich war der Rebbau einst ein blühender Wirtschaftszweig. Erstmals wurde er im Jahr 834 urkundlich erwähnt, als ein gewisser Arolf seine Reben in Stammheim dem Kloster St. Gallen vermachte. Von da an begann der Weinbau immer stärker an Bedeutung zu gewinnen. Noch vor etwas mehr als 100 Jahren bewegte sich die Rebfläche im Kanton Zürich zwischen 5000 und 5500 Hektaren. Doch dann setzte der unaufhaltsame Niedergang ein, von dem sich der Zürcher Weinbau nur sehr langsam erholen sollte. Die Rebbaukrise war in der Schweiz ausgebrochen und sorgte dafür, dass heute etwa im Limmattal, mit Ausnahme der Weininger Reben, nicht mehr viel sichtbar ist von jener Vergangenheit. Im Kanton betrug die Rebfläche 2015 noch 607 Hektaren.

Die Gründe für die Krise sind vielfältig. Ausgelöst wurde sie unter anderem durch Krankheiten. Etwa durch die beiden aus Amerika eingeschleppten Pilze, die Mehltau verursachten, sowie das Auftreten der Reblaus. Und dies zu einer Zeit, als der Rebbau in Zürich seinen Höhepunkt erreicht hatte. Die 1870er-Jahre gelten als die besten Rebjahre. Nicht nur mengenmässig, auch die durchschnittlichen Erträge pro Hektar waren enorm. 1881 wurden kantonsweit fast 22 000 Rebbewirtschafter gezählt. Das entsprach etwa 7 Prozent der damaligen Bevölkerung in Zürich. Von den 200 Gemeinden besassen gerade einmal 10 keine Reben. Kurz: Der Weinbau war ein wichtiger Zweig der Zürcher Wirtschaft.

Von Genf nach Zürich

Die in Nordamerika beheimatete Reblaus war den Winzer zu jener Zeit bereits bekannt. Entdeckt wurde sie 1854 und kam wohl Anfang der 1860er-Jahre mit amerikanischen Reben nach Europa. In der Schweiz wurde der Schädling, der die Wurzeln der Reben befällt, 1874 in Genf entdeckt. Obwohl die Behörden verschiedene Gegenmassnahmen ergriffen – unter anderem wurde eine kantonale Rebkommission eingesetzt, die den Gesundheitszustand der Weinberge überwachte – gelangte die Reblaus auch in den Kanton Zürich. Am 17. Juni 1886 wurde sie in Winkel bei Bülach entdeckt. Von dort gelangte sie wohl mit Erde, die an Schuhen klebte, in andere Gemeinden. 1895 wurde die Reblaus auch im Limmattal entdeckt, in Weiningen. Bekämpft wurde die Reblaus von nun an unter anderem mit Schwefelkohlenstoff.

Aber auch die Rodung befallener Flächen und Pflanzverbote führten zu einigen Erfolgen. Die Reblaus wurde in insgesamt 44 Gemeinden nachgewiesen, über 70 Hektaren befallener Fläche wurden zwangsgerodet, wie Andreas Wirth 2006 in der Halbjahresschrift des Zürcher Weinbauverbands schreibt. Um 1950, als bereits mehr als 50 Prozent der der Zürcher Rebberge mit verededelten Reben bepflanzt war, wurde das Problem als gelöst erklärt.

Als wirksamste Methode im Kampf gegen die Reblaus erwies sich jedoch die Veredelung der Reben, also Pfropfung von europäischen Edelrebsorten auf resistente amerikanische Wurzelstöcke. In der Folge wurden eidgenössische Versuchsanstalten und kantonale Weinbauschulen gegründet, die sich unter anderem der Züchtung und Verbesserung von Rebsorten widmeten. Wesentlich grössere Schäden als die Reblaus verursachte jedoch der «Falsche Mehltau». Die Pilzkrankheit breitete sich ab 1886 schlagartig im Kanton aus. Bekämpft wurde er mit einer Kupferkalkbrühe. Bereits 1888 bespritzten über 16 500 Weinbauern in 177 Gemeinden ihre Reben. Das führte im Endeeffekt zu massiv höheren Produktionskosten.

Bier wird zur Konkurrenz

Die Schädlinge waren jedoch nicht der alleinige Grund für den Niedergang des Zürcher Rebbaus. Frost und schlechtes Wetter setzten den Weinbauern ebenfalls zu. Hinzu kam auch noch ein Preiszerfall beim Wein. Denn durch die Eröffnung des Gotthardtunnels wurde der Transport verbilligt, was unter anderem den Import von günstigem Wein förderte. Bier trat ab 1900 immer stärker als Konkurrent zum Rebensaft in Erscheinung. Zudem wanderten immer mehr Arbeitskräfte in die Industrie ab.

In der Summe führten all diese Gründe dazu, dass die Rebfläche im Kanton Zürich stetig abnahm. 1966 betrug sie gerade noch 391 Hektaren. Dieser Prozess machte auch vor dem Limmattal nicht halt. So wurden etwa in Oberengstringen in den 1950er-Jahren die letzten beiden Rebberge aufgehoben. Noch Ende des 19. Jahrhunderts war Höngg mit rund 130 Hektaren Rebfläche sogar die drittgrösste Rebgemeinde im Kanton. Mittlerweile sind es weniger als 8 Hektaren. In Geroldswil und Oetwil standen 1905 noch 14,2 Hektaren beziehungsweise rund 30 Hektaren Reben. Bereits 1957 waren es nur noch 0,3 Hektaren beziehungsweise 2,3 Hektaren.

Rebbergzusammenlegungen und später die unaufhaltsamen Mechanisierungen sowie die gute Ausbildung der Winzer sorgten dafür, dass sich der Zürcher Weinbau allmählich wieder erholte. Im Limmattal war man da – mit Ausnahme von Weiningen – bereits daran, die ehemaligen Rebberge zu überbauen.

Quelle: Die Reblaus als Förderin des Zürcherischen Rebbaus 1886–1986, Volkwirtschafts-
direktion des Kantons Zürich.