Klettern
Rebekka Stotz ist zurück – und will es nochmals richtig wissen

Neun Monate setzte eine Fussverletzung die Sportkletterin ausser Gefecht. Jetzt steht die Limmattalerin vor ihrem Comeback, wenn auch unter Vorbehalt.

Marc Friedli
Merken
Drucken
Teilen
Rebekka Stotz sieht Olympia 2020 positiv entgegen.

Rebekka Stotz sieht Olympia 2020 positiv entgegen.

Archiv/David Schweizer

Das vergangene Wochenende war für Rebekka Stotz kaum auszuhalten. In Meiringen im Haslital mass sich die internationale Boulder-Elite zum Weltcup und die Urdorferin war gezwungen, zuzuschauen. «Es hat gekribbelt. Ich habe wieder gemerkt, wie sehr mir die Wettkämpfe fehlen», sagt die ehemalige Schweizer Boulder- und Lead-Meisterin. Doch lange muss sie sich nicht mehr gedulden: Im Mai ist es soweit. Stotz steht kurz vor ihrer Wettkampf-Rückkehr. Doch der Reihe nach.

Eine verhängnisvolle Verletzung

Das Unglück geschah im vergangenen Juli. Stotz kletterte an einem Felsen, als plötzlich Teile davon abbrachen und sie den Griff verlor. Mit voller Wucht prallte sie mit ihrem Fuss gegen die Felswand. Unter Adrenalineinfluss war sie sich der Tragweite der Verletzung nicht bewusst und kletterte weiter. Kurz darauf folgte die bittere Diagnose: Zertrümmerung des Mittel- und Vorfusses. Dreieinhalb Monate lang konnte die Limmattalerin nicht mehr laufen, ans Klettern war überhaupt nicht zu denken.

«Sie hat die nötige intrinsische Motivation, Erfahrung und Disziplin. Sie gehört nach wie vor zu den besten Kletterinnen der Schweiz.»

Urs Stöcker, Trainer

Als «keine einfache Zeit», fasst Stotz die Verletzungspause zusammen, «nervenaufreibend» nennt sie ihr Trainer Urs Stöcker. Denn nicht nur sportlich, sondern auch beruflich warf die lange Verletzung die Urdorferin zurück. Der Unfall ereignete sich ausgerechnet kurz vor einem anstehenden Praktikumswechsel, womit sie die neue Aufgabe nicht antreten konnte. Ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin verzögerte sich. Dabei trat die ambitionierte Kletterin vergangene Saison sportlich extra kürzer, um sich auf ihre Ausbildung zu fokussieren und diese so schnell wie möglich zu beenden.

Um einigermassen in Form zu bleiben, löste sie ein Fitnessabo, mühte sich auf dem Velo ab und suchte weiterhin die Kletterhalle auf. Kein Aufwand war ihr zu gross, sie trainierte, so gut es die Umstände und ihr Fuss zuliessen. «Wir haben viel mit Oberkörperspannung gearbeitet, aber dem Training waren halt Grenzen gesetzt», beschreibt Coach Stöcker das Aufbautraining.

Formkurve geht steil nach oben

Doch die Verletzungspause zog sich in die Länge, die Beschwerden liessen nur langsam nach. Bis vor drei Woche hatte Stotz noch Schmerzen, erst eine Spritze sorgte für Abhilfe. Seither kann sie endlich wieder schmerzfrei trainieren, auch das harte Aufbau- und Physiotraining scheint endlich Früchte zu tragen. «Meine Formkurve geht momentan steil nach oben», sagt sie. Sie könne Tag für Tag die Fortschritte spüren. Auch beruflich geht es voran, Ende August wird sie ihre Ausbildung endlich abschliessen können.

Jedoch ist das Verletzungsrisiko noch nicht ganz gebannt. Da nach wie vor ein Knochenstück in das Gelenk ragt, muss Letzteres versteift werden. Ein weiterer operativer Eingriff wird nötig sein und Stotz hofft, diesen auf das Ende der Saison hinauszögern zu können. Für die anstehenden Wettkämpfe gab ihr Arzt vorerst grünes Licht. Stotz und ihr Trainer Stöcker wollen deswegen keine unnötigen Risiken eingehen, was ihre Zuversicht für den weiteren Verlauf der Saison aber nicht mindert. Das erste Etappenziel auf dem langen Weg des Comebacks sind die Schweizer Meisterschaften in der Boulder-Disziplin am 13. Mai in Pratteln. «Das ist kein Hauptwettkampf für mich», sagt Stotz. «Ich will kein Risiko eingehen, ein Sieg hat für mich nicht die höchste Priorität.» Viel mehr gehe es darum, sich ihrer Form und ihres Gesundheitszustandes zu versichern und ein Wettkampf-Gefühl zu bekommen, sagt sie.

Die ersten wirklich wichtigen, internationalen Wettkämpfe stehen für die Urdorferin erst im Sommer an. Ende Juni treffen sich die besten Sportkletterer Europas in Italien zur dreitägigen Europameisterschaft. Anfangs Juli folgt dann gleich der Heim-Weltcup in Villars (VD): Zwei gute Gelegenheiten zur Standortbestimmung. «Da will ich dabei sein und wieder voll loslegen», sagt Stotz und gibt gleich auch die Devise dafür vor, nämlich «dort weiterzumachen, wo ich war und noch ein bisschen weiter vor».

Olympia 2020 als Fernziel

Auf die Unterstützung ihres Trainers kann Stotz zählen. «Ich habe vollstes Vertrauen in Rebekka», sagt Stöcker. «Sie hat die nötige intrinsische Motivation, Erfahrung und Disziplin. Sie gehört nach wie vor zu den besten Kletterinnen der Schweiz.» Denn neun Monate Pause würden nichts an ihrem Potenzial ändern. Stöcker schaut gar noch etwas weiter über den Horizont hinaus: «Zwei Top-20-Platzierungen sind im Sommer das Ziel, was schwer aber machbar ist. Denn wir wollen diese Saison die Weichen legen für die Weltmeisterschaft nächstes Jahr und mitunter auch das Fernziel Olympia 2020.»

Jetzt muss nur noch der Fuss mitmachen

Tatsächlich gehört das Sportklettern in den Disziplinen Boulder, Lead und Speed 2020 in Tokyo erstmals zum olympischen Programm. Eine grössere Motivation kann es für die talentierte Rebekka Stotz wohl nicht geben. Jetzt muss nur noch der Fuss mitmachen.