24 Stunden in Weiningen
Rebberg-Idylle trifft auf Schwerverkehr

Eine traumhafte Weinberglandschaft veredelt den Hang, die überlastete Nordumfahrung durchschneidet das Dorf. Das Oberdorf ist bäuerlich geprägt, in der Fahrweid entsteht eine Überbauung nach der anderen. Weiningen ist voller Gegensätze.

Flurina Dünki
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Hier wohnt Weiningen. Der Hof von Gemeindepräsident Hanspeter Haug.
16 Bilder
Gemeindepräsident Hanspeter Haug
24 Stunden Weiningen in Bildern.
Die Nachwuchs-Winzer Weiningens v.l.n.r. Kaspar Frei, Köbi Haug, Robin Haug, Peter Haug, Daniel Müller.
Winzer Kaspar Frei, Autorin Flurina Dünki
Karl Villiger vom Quartierverein Fahrweid führt durch das Quartier, in dem in kurzer Zeit viele Überbauungen entstanden sind.
Karl Villiger vom Quartierverein Fahrweid vor der Poststelle Fahrweid
Leo Nigglis eigener Steig
der 102-jährige Leo Niggli
Leo Niggli auf seinem Balkon in Weiningen.
Die Bank, die Leo Niggli von der Gemeinde geschenkt bekam.
Über fast alle Weininger Institutionen existiert eine Chronik von Leo Niggli
Die Chronik zum TV Weiningen, die Leo Niggli zum 100-Jahre-Jubiläum schrieb.
Oberturner Andreas Marti vom Turnverein Weinigen instruiert seine Schülerinnen.
Andreas Marti steht seinen Turnerinnen zur Seite.
(v.l.n.r.) Andreas Marti, Nicole Grau und Robin Haug, drei führende Köpfe des TV Weiningen.

Hier wohnt Weiningen. Der Hof von Gemeindepräsident Hanspeter Haug.

Flurina Dünki

Hoch über Weiningen tront sie, die blau-gelbe Gemeindefahne auf dem Hof von Gemeindepräsident Hanspeter Haug. Ihre Symbole – die Pflugschar, das Rebmesser und die Weintraube werden vom Winzer Haug, der zudem Milchwirtschaft und Ackerbau betreibt, ideal verkörpert. «Wir sind sehr zurückhaltend mit der Einzonung von Wohnraum, hatten gar Reservezonen wieder in Landwirtschaftszonen umgewandelt. Deshalb konnte Weiningen seinen ländlichen Charakter erhalten», so Haug.

Ausgerechnet hier wurde in den 1980er-Jahren die Zürcher Nordumfahrung samt Gubristtunnel gebaut und raubte der Gemeinde 8 Prozent ihrer Fläche. Zu dieser Zeit ist der Kampfgeist der Weininger erwacht, der heute genauso zu den Charakterzügen des Dorfs gehört wie die Liebe zum Wein auf der Hauptkreuzung. Nach jahrelangen zähen Verhandlungen haben sich das Bundesamt für Strassen (Astra) und die Gemeinde auf einen Kompromiss geeinigt, wie der Ausbau der Nordumfahrung auf Weininger Seite gestaltet werden soll.

«Heute haben wir uns mit der Nationalstrasse arrangiert», sagt Haug. Dies nicht zuletzt, weil der Halbanschluss den Weiningern Mobilität garantiere. «Verkehrstechnisch gesehen hat uns die Autobahn durchaus Vorteile gebracht.»

Inzwischen wartet Sohn Peter Haug, um mich in die Weininger Rebberge zu fahren. Dort treffen wir auf seine Berufskollegen Robin Haug, Kaspar Frei, Köbi Haug und Daniel Müller zum 11-Uhr-Umtrunk. Die Männer um die 30 repräsentieren Weiningens nächste Weinbauerngeneration. Praktisch alle haben kürzlich den Elternbetrieb übernommen. «Als Übergabe von heute auf morgen darf man sich solch einen Generationenwechsel nicht vorstellen», sagt Peter Haug. Die Elterngeneration vereine jahrzehntelange Erfahrung, auf die der Jungwinzer noch lange zurückgreifen könne und müsse.

Vieles ist gemäss Robin Haug aber auch anders als zur Bewirtschaftungszeit ihrer Eltern. So würden diejenigen Winzer, die sich selbst um den Verkauf ihres Weines kümmerten, heute grösseren Aufwand in die Weinvermarktung investieren und mehr Arbeiten würden maschinell ausgeführt. Einfacher sei der Winzerberuf trotz moderner Technik nicht geworden. «Als Weinbauern sind wir abhängig von der Laune der Natur», so Peter Haug. Dies zeigte sich beim Befall der Reben durch die Kirschessigfliege wie 2014 oder beim Kälteschock durch den plötzlichen Frost im vergangenen Frühling. Die beste Versicherung gegen Ernteausfall, sind sich die Winzer einig, sei ihr jeweils zweites Standbein in Form zusätzlicher Landwirtschaftszweige. Der Experimentierfreudigkeit tun die Winzersorgen jedoch keinen Abbruch: Kürzlich hat Köbi Haug den ersten Weininger Merlot angepflanzt.

Postleitzahl 8951

Einige Höhenmeter tiefer nimmt mich Karl Villiger vor seinem Haus an der Fahrweidstrasse in Empfang. Er ist Vorstandsmitglied des Quartiervereins Fahrweid und führt mich durch das Quartier mit eigener Postleitzahl, das auf Weininger und Geroldswiler Boden liegt. Der Rundgang mit Villiger relativiert die Schilderungen vom romantisch-bäuerlich Weiningen des Gemeindepräsidenten. Zahlreiche moderne Wohnblöcke sind hier, wo der Wohnraum günstiger ist als in Dorfkernnähe, in den letzten Jahren entstanden. Nicht alle sind Augenweiden. Bald zieht der dreitausendste Bewohner in die Fahrweid, die 1930 noch 200 Personen zählte. Der schmucke Dorfkern sei die «heilige Kuh Weiningens», die nicht mit Wohnblöcken verbaut werde, während unten in der Fahrweid Siedlungen wie Pilze aus dem Boden schössen, sagt Villiger. Vom Dahinsterben der Poststellen wird die Fahrweid, die noch immer über eine eigene Post verfügt, wohl trotz Bevölkerungswachstum nicht verschont bleiben. Auch die Bemühungen des Quartiervereins seien da umsonst, so Villiger. Ein noch grösseres Anliegen seien den Fahrweidern verkehrsberuhigende Massnahmen für die Fahrweidstrasse, die täglich vom Schwerverkehr als Stauumfahrung missbraucht würde. Auch eine dritte Gubriströhre werde da nichts ändern.

Der Ur-Weininger aus Balsthal

Ich gelange zurück zum Fusse der Rebberge. Als ich zu einem steilen Strässchen mit der Anschrift «Leo-Niggli-Steig» komme, weiss ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Niggli, der am 16. Juli seinen 102. Geburtstag feierte, stammt ursprünglich aus Balsthal, Kanton Solothurn, sass von 1955 bis 1970 im Weininger Gemeinderat und in Vorständen zahlreicher Vereine und verfasste Chroniken vieler Weininger Institutionen. Zudem arbeitete er lange Jahre als freier Mitarbeiter für die Limmattaler Zeitung.

Niggli ist heute noch stolz auf seine Zeit im Gemeinderat, wo er unter anderem als Polizeivorstand fungierte. Er ist jedoch zu bescheiden, mir gegenüber zu erklären, weshalb er es schaffte, als erster Auswärtiger in die Gemeinde-Exekutive gewählt zu werden. Schliesslich antwortet Ehefrau Alice für ihn: «Weil man ihn brauchen konnte.» In Weiningen pflegten die Leute Solidarität über die familiären Banden hinaus, beschreibt Niggli den Charakter seiner Gemeinde. Daran habe sich bis heute nichts geändert. 1970 erlangte Niggli für die Familie das Bürgerrecht von Weiningen, wo er seit 1953 wohnt. Dazu meint er: «Jemand, der in Weiningen wohnt und etwas für Weiningen macht, der sollte Weininger Bürger sein.»

Ein Verein, der Zulauf hat

Plötzlich muss ich los, weil ich für meinen 18-Uhr-Termin mit dem Turnverein Weiningen zu spät dran bin. Oberturner Andreas Marti trainiert gerade eine Gruppe Mädchen zwischen
12 und 15 Jahren an den Ringen. Geräteturnen sei hoch im Kurs bei männlichen wie weiblichen Turnern, sagt Turnvereins-Präsident Robin Haug. Es sei wichtig, als Turnverein ein Gespür für neue Tendenzen zu haben und sie im Training anzubieten. Die neue Trendsportart Team Aerobic etwa werde immer beliebter bei weiblichen Mitgliedern. «Was ein Verein anbietet, muss gleichzeitig beliebt und qualitativ hoch sein», so Haug. Zudem sei es dem Turnverein wichtig, durch viele soziale Anlässe die Mitglieder zusammenzuschweissen. Mit ihrer Strategie fahren die Weininger gut.

Regelmässig räumen sie bei Wettkämpfen Preise ab und einen Nachwuchsmangel kennen sie im Gegensatz zu anderen Vereinen nicht. Weiningen ist eine Turnerhochburg. Ich komme gegen 21 Uhr ins Hotel Limmatbrücke, wo meine Reservation nicht gefunden, dafür in Windeseile ein Doppelzimmer organisiert wird. Die Fahrweidstrasse – meine Zimmeraussicht – hat sich nach dem heutigen Tag meinen Respekt verschafft.

Andreas Marti steht seinen Turnerinnen zur Seite.
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Training des TV Weiningen im Schulhaus Schlüechti.
Training des TV Weiningen
Oberturner Andreas Marti vom Turnverein Weinigen instruiert seine Schülerinnen.
(v.l.n.r.) Andreas Marti, Nicole Grau und Robin Haug, drei führende Köpfe des TV Weiningen.
Welche soll zuerst an die Ringe?
Turnerinnen Amanda und Nina holen sich Nachschub an Magnesium

Andreas Marti steht seinen Turnerinnen zur Seite.

Flurina Dünki

Wussten Sie schon?

Besonderheiten Weiningens

Mit über 27 Hektaren Rebberg ist Weiningen hinter Stäfa und Rorbas die drittgrösste Weinbaugemeinde im Kanton.

-  Das Wort «Wein» im Ortsnamen wurde nicht vom gleichnamigen Getränk abgeleitet, sondern vom alemannischen Ausdruck «Wino», was «Freund» bedeutet. 

- Der Weininger Yves Miller, heute 23, wurde am Zürcher Knabenschiessen 2006 und 2009 gleich zweimal Schützenkönig. Er war erst der zweite Schütze der Geschichte, dem dies gelang.

- Der Weininger Familienname Haug kommt im Dorf derart häufig vor, dass die Einwohner für viele, die diesen Namen tragen, Spitznamen erfunden haben. «Schnäggeheiri», «Suri» oder «Hugischnider» sind einige davon.

- Für die komplizierte Grenze zwischen Weiningen und Geroldswil in der Fahrweid ist der alte Limmatlauf verantwortlich, der vor der Flusskorrektur eine natürliche Grenze darstel