Geht es um die Sicherheit, ist Dietikon der Hauptort der drei Bezirke Dietikon, Affoltern und Horgen. Denn hier hat die Regionalabteilung Limmattal/Albis der Kantonspolizei Zürich ihren Sitz. Chef dieser Abteilung ist seit 1. März Martin Litscher. Zuvor war er seit 2015 Bezirkschef der Kantonspolizei in Dietikon. Seine Nachfolgerin als Bezirkschefin ist Katharina Kohler, die zuvor im Verkehrszug Urdorf stationiert war. Im Interview in seinem Chefbüro im Dietiker Bezirksgebäude nimmt Litscher Stellung zur Beförderung und sagt, in welchem Bereich die Limmattaler Polizisten einen speziellen Effort leisten müssen.

Herr Litscher, erst mal besten Dank für Ihren langjährigen Einsatz zur Sicherheit des Limmattals. Ihre Karriereleiter verläuft sehr steil: 2015 wurden Sie Bezirkschef, jetzt sind sie Chef der Regionalabteilung Limmattal/Albis. Wie kam es zu diesem einzigartig schnellen Aufstieg?

Martin Litscher: Ich hatte schon früher Kaderfunktionen inne, so war ich zum Beispiel Kreischef am Hauptbahnhof Zürich. Das ist auch ein grosser Laden. Nach einem zweijährigen Abstecher zur SBB-Transportpolizei kam ich als Sachbearbeiter mit Unteroffiziersgrad zur Kantonspolizei zurück. Vor diesem Hintergrund ist die schnelle Beförderung zu sehen. Sie ist nicht Usus. Auch der Zufall spielte mit, da der vorherige Chef Willi Meier Ende 2016 frühzeitig in Pension ging.

Den normalen Arbeitsalltag als Bezirkschef bei der Kantonspolizei gab es wahrscheinlich nicht. Können Sie ihn trotzdem beschreiben?

Als Bezirkschef hat man vor allem die personelle Führung inne, dazu gehören viele Gespräche mit den 45 Mitarbeitenden. Dazu kommen teils operative Belange: Der Bezirkschef sagt, wo man Schwerpunkte setzen und spezielle Aktionen durchführen muss. Das ist die praktische Planung. Auch unterliegt dem Bezirkschef und seinem Stellvertreter die Fallkontrolle: Wurde alles gut erledigt? Ging etwas vergessen?

Der Chef von 200 Mitarbeitenden ist 51 Jahre alt und in Birmensdorf und Hedingen aufgewachsen. Nach der Lehre zum Automechaniker und einem Abstecher zur Handelsschule stiess er zur Kantonspolizei. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und wohnt im Bezirk Affoltern.

Zur Person Martin Litscher:

Der Chef von 200 Mitarbeitenden ist 51 Jahre alt und in Birmensdorf und Hedingen aufgewachsen. Nach der Lehre zum Automechaniker und einem Abstecher zur Handelsschule stiess er zur Kantonspolizei. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und wohnt im Bezirk Affoltern.

Als Regionalchef unterstehen ihnen nun rund 200 Mitarbeitende, also viermal so viele wie bisher. Was hat sich nun an Ihrer Arbeit geändert?

Ich merke, dass ich sehr stark in Projekte involviert bin. Ich gebe viele Schulungen, zum Beispiel auf dem Gebiet der Verhaltenserkennung, da ich früher lange in der Fahndung arbeitete. Aber auch für das mittlere Kader mache ich viele Schulungen, wo man Sondersituationen übt. Auch die Sachbearbeiter müssen sich fachlich weiterbilden, alleine das sind 48 Lektionen im Jahr.

Und was machen Sie, wenn Sie gerade nicht Mitarbeiter schulen?

Dann führe ich meine Dienstchefs oder verhandle mit den Polizeivorständen, wenn zum Beispiel ein Fussgängerstreifen zum Problem wird. Das ist auch ein Netzwerken. Grundsätzlich sind aber die Bezirkschefs die Ansprechpersonen der Polizeivorstände.

Grössere Aktionen und Einsätze planen Sie also keine mehr?

Ich bin nur der strategische Ideen- oder Auftraggeber. Ausführen müssen die erteilten Aufträge dann die Bezirks- und Dienstchefs. Direkt auf die Aktionen selber nehme ich keinen Einfluss mehr, ausser ich erkenne bei der Planung mögliche Fehler oder Probleme.

Waren Sie seit der Beförderung denn schon an Einsätzen dabei?

Ja, auch die Kaderleute rücken aus, zum Beispiel bei einem bewaffneten Raubüberfall oder wenn der Gerichtsmediziner am Ort eines Todesfalls bezweifelt, dass es sich um einen natürlichen Tod handelt. Da unterstützen wir die Polizisten vor Ort und leiten falls nötig den Einsatz. Das ist von uns her auch eine Form der Wertschätzung für unsere Polizisten an der Front.

Wieso wollten Sie eigentlich Chef der Regionalabteilung werden?

Ich wollte diese Stelle, weil sie speziell ist und man hier immer noch mit der Front zu tun hat. Hier kenne ich mich aus und fühle mich wohl. Ich führe gerne von vorne und nicht aus dem Büro. Ich will das Kerngeschäft mit dem ganzen Grundhandwerk nicht missen. Ich hätte jetzt nicht Offizier bei der Pressestelle oder im Polizeiarchiv werden wollen, da würde ich mich nicht wohlfühlen. Hier habe ich einen intakten Laden übernommen, der gut funktioniert. Ich will dafür sorgen, dass es so weitergeht und wir noch näher bei den Bürgern sind.

Wie viel Prozent macht eigentlich Ihr Kontakt mit der Staatsanwaltschaft und dem Statthalteramt aus?

Also in letzter Zeit hatte ich mit dem Statthalteramt nicht so viel zu tun. Mit der Staatsanwaltschaft habe ich vielleicht zwei Stunden pro Woche Kontakt. Als Bezirkschef waren es noch etwas mehr. Es geht vor allem um die generelle Kontaktpflege und einzelne Fälle, bei denen man darüber sprechen muss, wenn nicht alles optimal verlaufen ist.

Dennoch: Im Bezirksgebäude ist der ganze Justiz-Apparat versammelt. Vom Polizisten bis zum Bezirksgerichtspräsidenten. Manche sehen das kritisch und erheben den Filz-Vorwurf. Was sagen Sie dazu?

Es ist wie in einem Bürohaus, in dem unterschiedliche Firmen untergebracht sind. Mehr ist da nicht. Wir haben ja auch keinen Einfluss aufeinander.

Die Ermittler der Polizei sind extrem selten im Gerichtssaal zugegen. Interessiert es Sie, was am Schluss mit ihren Fällen passiert?

Der Polizist, der den Fall anpackt, hat von Natur aus einen grossen Straf-
verfolgungswillen und ist mit Herzblut dabei. Wenn ein Fall dann nicht so herauskommt, wie es der Polizist eigentlich gerne hätte, ist das für ihn manchmal enttäuschend. Ins Gericht gehen wir grundsätzlich nur, wenn wir als Zeuge aufgeboten werden. Die Urteile erhalten wir nicht. Wir erfahren es aber durch die Medien oder fragen in manchen Fällen auch nach. Insgesamt ist es vielleicht besser, dass wir nicht jedes Gerichtsurteil mitbekommen.

Die Kriminalitätsrate sinkt zwar laufend. Dazu darf man der Polizei auch mal gratulieren. Trotzdem: Der Bezirk Dietikon gehört zu den kriminelleren Zürcher Bezirken. Macht das die Arbeit spannender?

Es ist sicher anders, als auf dem Land stationiert zu sein, etwa in Affoltern.

Wie unterscheiden sich denn Dietikon, Affoltern und Horgen?

Affoltern ist ländlicher, die Leute kennen sich noch mehr. Da hat man eher mal mit Jugendlichen zu tun, der Affoltemer Bahnhof ist diesbezüglich schon eine kleine Szene. Sonst ist Affoltern eher ruhig. Dietikon ist halt ein Schmelztiegel, auch kulturell. Das generiert andere Probleme. Mit grossen Plätzen in den städtischen Gemeinden in der warmen Jahreszeit ergeben sich schwierige Situationen, wenn das gute Wetter alle Leute anzieht. In Horgen hat man natürlich auch eine Jugendszene, aber grundsätzlich ist die Klientel dort anders: meistens etwas besser betucht. Es sind andere Gesellschaftsschichten. Das merkt man als Polizist, wenn man am Morgen an der Badenerstrasse in Schlieren und am Abend an der Seestrasse in Horgen steht. In Schlieren fahren mehr Autos vorbei, die man sich leisten kann, in Kilchberg sieht man mehr teure Autos.

Welcher Fall ist Ihnen als Bezirkschef am nächsten gegangen?

Das war, als sich eine Person mit einer Dienstwaffe das Leben nahm.

Und was war Ihr grösster Erfolg?

Ob Kupferdiebe, Taschendiebinnen oder rumänische Einbrecherbanden: An solchen Fällen, wo wir die Täter in flagranti erwischen, habe ich Freude. Oder an einem hartnäckigen Sachbearbeiter, der einen Raubüberfall auf einen Kiosk mit Ermittlungen im Facebook aufklären konnte.

Zum Personellen: Die Kantonspolizei hat seit 2015 Vollbesetzung. Was Vollbesetzung heisst, bestimmt aber die Politik. Ist es genug?

Ja, wir haben genug Leute, um unsere Arbeit gut zu machen. Wir haben auch genug Freiraum, dass jeder in dem Bereich, den er gerne bearbeitet, mehr machen kann. In Dietikon gibt es viele Spielclubs. Wer sich dafür interessiert, kann dies beackern. Andere machen lieber eine Verkehrskontrolle, arbeiten gerne im Tierschutz oder interessieren sich für Gebiete wie das Niderfeld, wo sich die Arbeit vermischt mit Kontrollbehörden von Nebengesetzgebungen, zum Beispiel dem Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft. Der Job der Bezirkschefin ist es, diese speziellen Fähigkeiten richtig zu verteilen.

Sie haben Spielclubs erwähnt. Die Polizei informiert regelmässig darüber, dass in Dietikon und Schlieren erfolgreich solche Clubs kontrolliert wurden. Es geht um illegales Glücksspiel und illegale Beschäftigung. Ist das ein spezifisches Problem des Bezirks Dietikon?

Die Spielclubs sind wirklich einzigartig, auch gesamtschweizerisch. Ausser in Dietikon und Schlieren sind sie sonst nur in Spreitenbach und im Solothurnischen ein derartiges Problem. Die haben sich hier offenbar gefunden. Es geht um unheimlich viel Geld. Es ist schwierig, Beweise zu sammeln. Heute stehen in den Clubs nur die Bildschirme. Die Server sind irgendwo auf der Welt. Die fünfstelligen Beträge, um die es geht, dieses Geld, es kommt nicht von irgendwoher...

Das sind die Aufgaben der Regionalpolizei

Das sind die Aufgaben der Regionalpolizei

Darum besuchen die fraglichen Personen hier illegale Clubs statt legale Casinos wie in Zürich und Baden?

Genau. Auch Autos werden verzockt. Es ist uns wirklich ein Dorn im Auge. Der Nachweis ist aber wie gesagt schwierig. Bei grossen Fällen liegt die Verantwortung für die Beweisführung und die Verfahren bei der Spielbankenkommission in Bern. Deren Kapazitäten sind aber begrenzt.

Und bei den kleinen Fällen?

Solche können wir über das Statthalteramt abwickeln. Aber auch hier gibt es Hürden. Oft handelt es sich bei den Clubs um Vereinslokalitäten und in diesem Sinne nicht um öffentliche Orte. Da kann man nicht einfach so rein, sondern muss sozusagen den Beweis erbringen, dass es sich in Tat und Wahrheit nicht um einen Verein handelt. Es ist ein schwieriger Grau-
bereich.

Aber Sie vermelden immer wieder Erfolge in Dietikon und Schlieren. Wird so das Problem nicht kleiner?

Wenn wir heute gehen, stehen spätestens übermorgen neue Automaten dort. Wir haben das schon erlebt, es geht nullkommaplötzlich.

Also keine langfristigen Erfolge?

Es ist manchmal unbefriedigend, aber wir haben das Problem angepackt und arbeiten daran. Wir nutzen alle Mittel, um es den Clubbetreibern unbequem zu machen. Mit den Ausländergesetzen erwischen wir Serviceangestellte, die gar nicht arbeiten dürften. Weiter stellen wir Verletzungen der Hygienevorschriften fest oder Widerhandlungen gegen Rauchverbote. Auch die Steuergesetze wenden wir an. Denn die Quellen der Gelder sind oft sehr dubios, nicht nur die Steuerkasse kommt zu Schaden.

Das wäre wohl spannend, sich so einen illegalen Spielclub mal von innen genau anzusehen. Sind die Clubs aussen angeschrieben?

Nein. Die meisten würden Sie auch nicht reinlassen, das sind geschlossene Gesellschaften, auch kulturell.

Fallen Ihnen im Bezirk Dietikon noch andere kriminelle Besonderheiten auf?

Im Moment stellen wir sonst keine Hotspots fest. Die Kriminalitätsraten sind so tief wie noch nie, auch was Einbrüche betrifft. Das gilt für die ganze Region. Auch die Drogenproblematik ist nicht gross. Meistens sind es kleinere Geschichten, dazwischen gibt es auch mal eine Hanfplantage in Dietikon und angrenzenden Gemeinden.

Wie erleben Sie das Verhältnis zu den Bürgern?

Ich habe das Gefühl, dass unsere Arbeit geschätzt wird und dass uns die Leute respektieren. Als ich 1987 an die Polizeischule ging, das war noch die Zeit des Platzspitzes und der Jugendkrawalle, da wurden Polizisten anders angeschaut. Mein Umfeld fragte mich damals, ob ich spinne, zur Polizei zu gehen. Es hiess, dorthin gehen nur die, die sonst nichts finden. Aber diese Zeiten sind schon lange vorbei. Heute wollen wir noch näher zum Bürger, als wir es schon sind.

Dazu gehört, dass wir die Hauptposten Horgen, Dietikon und Affoltern auch über Mittag öffnen wollen. Weiter wollen wir uns besser sichtbar machen. Nicht nur mit der neuen Glasfassade am Bezirksgebäude in Dietikon, sondern auch mit den Standorten. Jene in Adliswil, Thalwil, und Wädenswil sind etwas versteckt, genauso wie unser nunmehr zehnjähriges Provisorium in Unterengstringen. Wir wollen, dass die Leute uns sehen und wissen, dass wir für sie da sind und uns für sie einsetzen. Das hat der Steuerzahler verdient.

Und jetzt: Martin Litschers Nachfolgerin als Bezirkschefin ist Katharina Kohler. Sie ist die erste Frau in diesem Amt. Lesen Sie hier das Portrait der früheren Gruppenchefin des Verkehrsstützpunkts Urdorf.