Bezirksgericht Dietikon

PS-Freak wegen Autorennen verurteilt — 26-jähriger Spreitenbacher entgeht knapp dem Gefängnis

Der junge Mann wurde deshalb unter anderem der mehrfachen qualifiziert groben Verletzung von Verkehrsregeln schuldig gesprochen. (Themenbild)

Der junge Mann wurde deshalb unter anderem der mehrfachen qualifiziert groben Verletzung von Verkehrsregeln schuldig gesprochen. (Themenbild)

Ein 26-Jähriger entgeht ganz knapp dem Gefängnis. Das Dietiker Bezirksgericht belässt es trotz Vorbehalten bei einer bedingten Strafe.

Am Ende bestätigte Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher den Urteilsvorschlag, auf den sich die Staatsanwaltschaft und der 26-jährige Beschuldigte im Vorfeld geeinigt hatten. Die bedingt ausgesprochene Freiheitsstrafe von zwei Jahren liege im unteren Bereich, hielt Aeschbacher fest. Dass der junge Mann für sein «mehrfaches krasses Fehlverhalten» nicht hinter Gitter müsse, sei gerade noch vertretbar.

Der Spreitenbacher musste vor Gericht erscheinen, weil er sich im Juni 2016 zweimal auf öffentlichen Strassen auf ein Autorennen eingelassen und im August 2018 innerorts waghalsig überholt hatte. Hinzu kommt noch eine einschlägige Vorstrafe aus dem Jahr 2012, wie Aeschbacher festhielt. «Das Fehlverhalten erstreckt sich nun über sechs Jahre, das lässt Zweifel an Ihrer Belehrbarkeit aufkommen.»

Dass es das Gericht dennoch bei einer bedingten Strafe beliess, begründete Aeschbacher auch mit der vergleichsweise langen Probezeit von vier Jahren. «Wenn Sie während diesen vier Jahren wieder straffällig werden, sieht es düster für Sie aus», sagte Aeschbacher zum Beschuldigten. Denn dann müsse er diese zwei Jahre doch absitzen.

Dass sich der Mann geständig und einsichtig gezeigt habe, wertete Aeschbacher positiv. Auch wenn er sogleich relativierte: Es habe angesichts der gut dokumentierte Vorfälle – es liegen Videos vor – auch wenig zu bestreiten gegeben.

Das Starterfeld stellte sich vor dem Tunnel auf

Unbestritten ist deshalb, dass sich der junge Mann mehrmals zu Rennen verleiten liess. Am 20. Juni 2016 fuhr er mit seinem damaligen Fahrzeug, einem VW, vom Dietiker Zentrum über die Silbernstrasse zum Mutschellenstrassentunnel. Dort wollte er sich vereinbarungsgemäss mit vier anderen Autolenkern messen; mit Beschleunigungsrennen sollten die Leistungsstärken der Fahrzeuge verglichen werden, wie es in der Anklageschrift heisst.

Zunächst fuhr die Gruppe unter Einhaltung des geltenden Tempolimits von 80 km/h durch den Tunnel. Dies, um sicherzustellen, dass keine Polizei vor Ort ist und auch keine Radaranlage aufgestellt ist. Anschliessend wendeten die Rennfahrer und stellten ihre Wagen vor dem Tunnel auf. Der Beschuldigte hielt auf dem linken Fahrstreifen an, ein BMW-Fahrer auf dem rechten. Dahinter reihten sich zwei weitere Wagen ein, aus denen später das Rennen gefilmt wurde. Und ein fünftes Fahrzeug sicherte das Feld gegen hinten ab, damit, wie es in der Anklageschrift heisst, «kein unbeteiligtes Drittfahrzeug ins Rennen hineinfahren kann».

Alle Beteiligten standen über ihre Mobiltelefone miteinander in Kontakt. Der 26-Jährige zählte von drei auf eins hinunter; dann beschleunigten er sowie der Fahrer des BMWs aus dem Stillstand heraus – sie erreichten mindestens 129 km/h. In der Gegenrichtung folgte ein zweites Rennen.

Vier Tage später kam es auf der A1H auf Unterengstringer Gemeindegebiet zu einem weiteren Beschleunigungsrennen. Der Spreitenbacher fuhr mit einem Mercedes auf der zweiten Überholspur mit normaler Geschwindigkeit, auf der ersten brachte sich ein Kollege in Position. Dann gaben beide Gas – sie kamen auf mindestens 185 km/h. Und im August 2018 überholte der 26-Jährige, diesmal in einem BMW sitzend, in Geroldswil einen langsam fahrenden Dumper; innerorts erreichte er dabei Tempo 95.

Er bereue alles, was er getan habe, sagte der Beschuldigte gestern vor dem Bezirksgericht. Er habe in jenen Momenten nicht über die möglichen Konsequenzen nachgedacht. Welche Konsequenzen die Rennen oder das waghalsige Überholmanöver hätten haben könnten, verdeutlichte Gerichtspräsident Aeschbacher. Er erinnerte an den kürzlichen schweren Unfall mit zwei lebensgefährlich Verletzten in Dietikon, als einem Junglenker beim Beschleunigen das Heck ausgebrochen war. Bei den Rennen oder dem Überholmanöver hätte es auch Schwerverletzte oder gar Todesopfer geben können, sagte Aeschbacher. Dieses hohe Risiko eines Unfalls habe er wissentlich und willentlich in Kauf genommen, hatte es auch in der Anklageschrift geheissen.

Der junge Mann wurde deshalb unter anderem der mehrfachen qualifiziert groben Verletzung von Verkehrsregeln schuldig gesprochen. Dabei droht nicht nur eine Freiheitsstrafe zwischen einem und vier Jahren; in der Regel wird auch der Führerausweis für mindestens zwei Jahre entzogen.

Wie der 26-Jährige vor Gericht sagte, verfügt er über kein Fahrzeug mehr. Seinen geleasten BMW hat er verkauft. Beruflich hat er einiges vor, er plant eine Weiterbildung. Und das Lernprogramm für «risikobereite Verkehrsteilnehmende» beim Amt für Justizvollzug hat er fast abgeschlossen. Dieses habe ihm viel gebracht, meinte er vor Gericht. Dies alles wertete das Gericht positiv: «Es bleibt zu hoffen, dass Ihnen Ihr Übermut und Temperament keinen Streich spielen», sagte Aeschbacher.

Auch wenn der Spreitenbacher vorerst nicht ins Gefängnis muss, seine Tempobolzerei kommt ihn dennoch teuer zu stehen. Das Gericht auferlegte ihm Kosten in Höhe von rund 10 000 Franken. Die 12'000 Franken, die seine amtliche Verteidigerin kostete, muss er vorerst nicht übernehmen, der Staat kommt dafür auf. Das Gericht stutzte die Kostenabrechnung aber noch etwas zurecht; es erachtete die angegebene Zahl der Arbeitsstunden für ein abgekürztes Verfahren als etwas hoch.

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