Prostitution
Prostitution: Der Streit um den Strichplatz

Min Li Marti (SP) und Mauro Tuena (SVP) diskutieren den Umgang mit dem ältesten Gewerbe. Denn in Zürich will man die Prostituierte in Verrichtungsboxen bringen. Ein umstrittenes Projekt.

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Min Li Marti und Mauro Tuena

Min Li Marti und Mauro Tuena

Das Areal am Stadtrand von Zürich liegt fast im Dunkeln, als Mauro Tuena (SVP) und Min Li Marti (SP) in der Dämmerung eintreffen, um über den geplanten Strichplatz zu diskutieren. Nur die Containersiedlung für Flüchtlinge ist beleuchtet. Flüchtlingskinder springen herum. Am anderen Ende des Areals sollen ab 2013 hinter einer Sichtschutzwand sogenannte Verrichtungsboxen stehen, in die Freier mit Prostituierten im Auto fahren können, um Sex zu haben. Dazu ist eine Fahrschlaufe vorgesehen, an der sich die Prostituierten ihren Kunden präsentieren, sowie ein Container, in dem die Beratungsstelle Flora Dora den Frauen Hilfe anbietet. Mit dem Strichplatz will die Stadt Zürich das Problem der Strassenprostitution in den Griff bekommen.

Heute ist das Areal zwischen Berner- und Aargauerstrasse abgesehen von den Flüchtlings-Containern Brachland, umgeben von Gewerbebauten wie dem Engros-Markt. Doch schon bald soll eine zweite Containersiedlung hier eine neue Bleibe finden: das bisher im Binz-Quartier gelegene «Basislager», in dem Künstler und Designer ihrem Gewerbe nachgehen. Ob auch das älteste Gewerbe hinzukommt, entscheiden die Stadtzürcher Stimmberechtigten am 11. März: Dann wird über den Objektkredit von 2,4 Millionen Franken für den Bau des Strichplatzes sowie über die jährliche Miete von 92480 Franken abgestimmt.

Frau Marti, warum soll die Stadt Zürich Infrastruktur für die Strassenprostitution stellen und finanzieren?

Min Li Marti: Die Situation beim Strassenstrich am Sihlquai ist immer schlimmer geworden. Das ist für die Anwohner nicht mehr tragbar. Zudem ist die Sicherheit der Frauen, die sich dort prostituieren, nicht gewährleistet.

Wie sehen Sie das, Herr Tuena?

Mauro Tuena: Auch ich finde die Situation am Sihlquai untragbar. So eine Situation wie letzten Sommer darf es nicht mehr geben. Regierungsrat Ernst Stocker (SVP) und Stadtrat Daniel Leupi (Grüne) haben schnell geschaltet und neue, schärfere Rahmenbedingungen geschaffen. Dazu gehört die neue Prostitutionsgewerbeverordnung. Damit kann die Polizei hart durchgreifen. Für Erstellung, Betrieb und Unterhalt des Strichplatzes müsste die Stadt für die nächsten zehn Jahre, bis dort ein neues Tramdepot gebaut werden soll, 7,4 Millionen Franken ausgeben. Mit dem Strichplatz würde das Problem nur verschoben.

Marti: Schon heute verursacht der Strassenstrich Kosten für die Stadt. Die genannte Zahl beinhaltet auch die Betreuungskosten. Und die Miete für den Strichplatz ist lediglich eine Geldverschiebung vom Sozialdepartement zur städtischen Immobilienverwaltung.

Tuena: Ohne Strichplatz könnte die Stadt das Areal an Private vermieten.

Marti: Wir haben ein reales Problem mit der Strassenprostitution. Der Strichplatz ist Teil der Lösung, nebst der Prostitutionsverordnung. Es ist ein Versuch ...

Tuena: ... ein teurer Versuch, der keine Probleme löst.

Marti: Wir haben schon in der Drogenpolitik gezeigt, dass man mit innovativen Massnahmen Probleme in den Griff kriegen kann. Ein Patentrezept hat niemand. Ob der Strichplatz dazu beiträgt, dass es künftig weniger Strassenprostitution gibt, wissen wir nicht. Die Freier werden dorthin gehen, wo es ein Angebot gibt. Auf dem Strichplatz können sie davon anonymer Gebrauch machen als in einem Gebüsch oder Toi-Toi-WC am Sihlquai.

Was lässt Sie hoffen, dass die Prostituierten sich brav auf den Strichplatz verlagern?

Marti: Ich gehe davon aus, dass dieser Ort für sie attraktiver ist, auch aufgrund des Betreuungsangebots.


Tuena:
In anderen Städten ist dieses Modell gescheitert. In Dortmund (D) stieg die Zahl der Prostituierten auf dem Strichplatz innert weniger Jahre von 60 auf 700 an. Die Umgebung entwickelte sich zu einer Drehscheibe für Zuhälter. In Utrecht (NL) gab es weiterhin Freier und Prostituierte an anderen Orten der Stadt. Man muss schauen, dass man den Strassenstrich auf ein Minimum reduziert – und Hand bieten, damit Salonprostitution besser funktioniert.

Marti: Der Strichplatz ist ein zusätzliches Instrument. Im Ausland funktioniert es manchenorts. Willst du den Strich lieber weiterhin am Sihlquai?

Tuena: Am Sihlquai kann man den Strich mit Repression dichtmachen. Andere Städte wie Bern, Genf und Solothurn haben es auch mit Repression geschafft.

Marti: Andere Städte beobachten unser Experiment mit Interesse.

Tuena: Der Strichplatz wäre auch ein falsches Signal nach Osteuropa, von wo seit der Erweiterung der Personenfreizügigkeit immer mehr Prostituierte kommen. Wir müssen klare Signale aussenden, dass der Strassenstrich in Zürich nicht mehr attraktiv ist.

Marti: Genau aus diesem Grund waren wir auch für die Prostitutionsgewerbeverordnung. Klar: Mit der Personenfreizügigkeit ist die Zahl der Prostituierten in Zürich gestiegen. Aber irgendwann wirst auch du sehen, dass man das Problem mithilfe des Strichplatzes in den Griff bekommen haben wird.

Tuena: Das Bundesgericht sagt zwar, dass Strassenprostitution erlaubt sein muss, aber in keiner Weise, dass der Staat sie finanziell fördern soll.