Debatte
Pro und Kontra: Wollen Sie das Zürcher Kulturland schützen?

Für Marionna Schlatter, Präsidentin der Zürcher Grünen, gehört die Kulturlandinitiative umgesetzt, dazu erläutert sie fünf Gründe. SVP-Nationalrat Hans Egloff sieht die Lösung des Problems im neuen Raumplanungsgesetz. Eine pro und kontra Debatte zur Kulturlandinitiative, über die am 27. November abgestimmt wird.

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Die Umsetzungsvorlage zur Kulturlandinitiative verlangt, dass die wertvollen Landwirtschaftsflächen und die Flächen von besonderer ökologischer Bedeutung im Kanton Zürich bezüglich Umfang und Qualität erhalten bleiben. Am 27. November stimmen die Stimmberechtigten im Kanton Zürich über die Vorlage ab.

Pro: Bauen kann man mehrstöckig, ackern nur parterre

Marionna Schlatter plädiert für ein Ja zur Umsetzung der Kulturlandinitiative am 27. November

Marionna Schlatter plädiert für ein Ja zur Umsetzung der Kulturlandinitiative am 27. November

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Die Bevölkerung hat bereits 2012 mit 54,5 Prozent Ja-Stimmen Ja gesagt zur Kulturlandinitiative. Doch die Mehrheit im Kantonsrat verweigerte die Umsetzung.

Das Bundesgericht hat 2015 deutlich gesprochen: Die Kulturlandinitiative gehört umgesetzt mit einem Gesetz. Dieses wurde von der Regierung ausgearbeitet und liegt nun vor. Gegen diese Gesetzesänderung wurde das Referendum ergriffen, weshalb nun noch einmal abgestimmt werden muss.

Die Bevölkerung will dem Land mehr Sorge tragen als die Parlamente. Dies hat sich auch bei der Zweitwohnungsinitiative und der Revision des eidgenössischen Raumplanungsgesetzes gezeigt.

Hier sind die 5 Gründe, weshalb Sie am 27. November Ja zur Änderung des Planungs- und Baugesetzes stimmen sollten:

Erstens wird pro Sekunde ein Quadratmeter Boden zubetoniert. Wenn wir so weitermachen, ist in 300 Jahren der ganze Kanton zugebaut. Aber auch unsere Kinder und Enkel wollen eine heimische Landwirtschaft. Die Bauern pflegen unsere Landschaft und produzieren regionale, gesunde Lebensmittel. Wenn sie denn noch Land dafür haben! Deshalb unterstützt der Bauernverband die Umsetzung der Kulturlandinitiative.

Zweitens bringt die Gesetzesänderung die nötige Flexibilität, damit sich Gemeinden auch in Zukunft noch entwickeln können. Denn: Die Kompensation von Böden ist mittels Auszonung (1:1-Ersatz) oder Aufwertung (Humusverbesserung von Böden) möglich.

Drittens ist die Kompensationspflicht für Bodenverbrauch ein bewährtes Mittel, um mit dem wertvollen Boden sorgsam umzugehen: Bereits heute muss bei Bauprojekten im Landwirtschaftsgebiet, zum Beispiel bei Strassenbauten, Land kompensiert werden.

Viertens schreibt das Gesetz vor, dass der Humus, der bei Bauprojekten anfällt, zur Verbesserung von Böden genutzt werden muss und nicht mehr in einer Deponie landen darf, so wie es heute passiert. Humus ist ein viel zu wertvoller Rohstoff, um ihn in Deponien zu «entsorgen»!

Fünftens gibt es genügend Reserven in den Bauzonen für die nächsten 70 Jahre. Es gilt, den Platz besser zu nutzen und nicht einfach ins Grüne hinauszubauen. Denn: Bauen kann man mehrstöckig, Ackern nur parterre. Boden kann nicht vermehrt werden. Gehen wir sorgsam mit ihm um. Deshalb: Ja zur Umsetzung der Kulturlandinitiative am 27. November!

Kontra: Die heutige Raumplanung ist vorbildlich

Hans Egloff, SVP-Nationalrat aus Aesch und Präsident des Hauseigentümerverbands Kanton Zürich, lehnt die Initiative ab

Hans Egloff, SVP-Nationalrat aus Aesch und Präsident des Hauseigentümerverbands Kanton Zürich, lehnt die Initiative ab

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Es stimmt, dass in der Vergangenheit mehr Wert auf Wachstum als auf Landschaftsschutz gelegt wurde. Diese Zeiten sind längst vorbei. Seit Annahme des neuen Raumplanungsgesetzes auf nationaler Ebene hat sich die Raumplanung gewandelt.

Der Kanton Zürich verfügt heute über den wohl fortschrittlichsten Richtplan des ganzen Landes. Trotz Bevölkerungswachstum hat der Kanton es geschafft, sein Siedlungsgebiet gegenüber 1995 um 132 Hektaren zu verkleinern. Das entspricht der Fläche von fast 300 Fussballfeldern!

Bauen auf der grünen Wiese ist heute fast unmöglich. Man darf aber auch nicht die Augen vor der Realität verschliessen. Fakt ist, die Bevölkerung im Kanton Zürich wächst in den nächsten 25 Jahren um 360 000 Personen. Diese Menschen brauchen Platz, um zu leben. Selbst bei hundertprozentiger Ausnutzung aller Reserven reicht der Platz maximal für rund 30 Jahre.

Die Kulturlandinitiative gibt den Stimmbürgen die Wahl, wie die Bevölkerung in Zürich in Zukunft leben soll. Nur mit einem Nein werden die innere Verdichtung gefördert und verfügbare Restflächen innerhalb des bestehenden Siedlungsgebietes optimal genutzt. So kann der Lebensstandard erhalten bleiben, ohne dass die Zersiedelung fortschreitet. Gleichzeitig wird den Gemeinden ein Minimum an Freiheit bei der lokalen Raumplanung zugestanden.

Flächen durch Umzonungen zu kompensieren, wie von den Grünen gewünscht, wäre eher die Ausnahme. Der Bauzonentausch zwischen Gemeinden ist in der Praxis sehr bürokratisch und zu teuer. In der Regel würden Flächen durch «Humustourismus» «aufgewertet». Das ist ökologisch fragwürdig und verursacht Mehrkosten von bis zu 240 Millionen Franken. Kosten, die auf das Gewerbe und die Wohnenden (Eigentümer und Mieter) abgewälzt würden.

Der Zürcher Bauernverband möchte gerne die Koordination des «Humustourismus» übernehmen. Davon würde der Verband finanziell profitieren. Biodiversitätsflächen wie blumenreiche Magerwiesen würden dem zum Opfer fallen. Das fadenscheinige Argument, wertvollen Humus schützen zu wollen, ist haltlos. Unbelasteter Humus ist bereits heute durch das Umweltschutzgesetz geschützt und darf nicht entsorgt werden. Die Vorlage verursacht hohe Kosten, denen kein Nutzen gegenübersteht. Deshalb empfehle ich ein Nein.

Wie denken Sie darüber? Diskutieren Sie nachstehend in der Kommentarspalte mit!

Vor vier Jahren erhielt die Kulturlandinitiative noch 55 Prozent Zustimmung, heute wurde sie abgelehnt (Symbolbild).
7 Bilder
Auslöser der Kantonsratsdebatte: Volk nahm Kulturlandinitiative an, Parlament trat auf Umsetzungsvorlage nicht ein.Key
Der Kantonsrat hat bei der Umsetzung der Kulturlandinitiative nicht im Sinn desVolkes gehandelt. Im Bild die Landwirtschaftszone am Dorfrand von Geroldswil.Key
Bei der Kulturlandinitiative sei der Volkswille missachtet worden, sagen die Grünen (Symbolbild).
In Sachen Kulturland sind sich Grüne und Bauern einig, gehen für den Abstimmungskampf aber getrennte Wege. keystone
Landwirtschaft produziert nicht nur Nahrungsmittel. Auch die Pflege der Kulturlandschaft – wie hier beim Hof Spitzenbühl in Liesberg – gehört gemäss Bundesverfassung zu ihren Aufgaben. Martin Töngi
Morgenstimmung auf dem Schlieremerberg – Natur- oder Kulturlandschaft?

Vor vier Jahren erhielt die Kulturlandinitiative noch 55 Prozent Zustimmung, heute wurde sie abgelehnt (Symbolbild).

KEYSTONE/ALESSANDRO DELLA BELLA

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