Limmattal

Pro Audito Schweiz will Spaziergänger mit Hörbäumen sensibilisieren

Carmen Röser präsentiert die hellblaue Hörtafel im Park des Wohnzentrums Frankenthal.

Carmen Röser präsentiert die hellblaue Hörtafel im Park des Wohnzentrums Frankenthal.

Ab Mai wird in Dietikon ein «Hörbaum» stehen. Dieser beruht auf einer Idee vom Verein Hörbehinderter Entlebuch und Wohlhusen. Dabei testet Vogelgezwitscher das Gehör der Spaziergänger.

Dass ein Baum vor dem Wohnzentrum Frankental steht, ist so weit nicht ungewöhnlich. Doch die hellblaue Tafel mit den Worten «Hören Sie die Vögel noch zwitschern?», die an einem Pfahl unter dem Baum angebracht ist, lässt den Passanten stutzig werden. Und tatsächlich hört man, wenn man Glück hat, den Vogelgesang zwischen Auto- und Strassenbaulärm. Zwei weitere Tafeln stehen auf ruhig gelegenen Aussichtsplätzen entlang des Wanderwegs von Oberengstringen nach Weiningen. Dort hört man das Gezwitscher schon besser.

Die Verbindung von hellblauer Tafel, Baum und Vogelgezwitscher ergibt zusammen einen Hörbaum. Die Idee dafür geht zurück auf den Luzerner Toni Schmid, Präsident des Vereins Hörbehinderter Entlebuch und Wohlhusen. Der Verein Pro Audito Schweiz unterstützt das Konzept der Hörbäume und versucht über seine kantonale Vertretungen die Idee zu verbreiten – seit Kurzem auch im Limmattal.

«Ziel der Tafeln ist , die Passanten zum genaueren Hinhören zu animieren», sagt Carmen Röser, Vorstandsmitglied von Pro Audito Zürich. «Das Vogelgezwitscher kann als erster Hörtest verwendet werden.» Was sich nicht besonders wissenschaftlich anhört, ist physikalisch erklärbar, wie Röser ausführt. Der Hörbereich der Menschen liegt zwischen 100 und 8000 Herz, wobei die gesprochene Sprache zwischen 500 bis 7000 Herz stattfindet. Altersbedingt nimmt das Gehör im oberen Frequenzbereich ab. Die Konsonanten, die einen Grossteil der Wörter ausmachen, liegen in diesem Frequenzbereich.

Die Betroffenen hören somit die Worte nicht vollständig. «Wenn man die Vögel, deren Laute sich auch in diesem Klangspektrum befinden, nicht singen hört, kann das auf einen Hörverlust hindeuten», sagt Röser.

Auch Röser hört als Folge von Mumps und Masern, an denen sie im Alter von neun Jahren erkrankte, die hohen Frequenzen schlecht. Sie hat ihr Gehör aber nicht vollständig verloren und schaffte es als junge Frau, den Teilverlust zu überspielen. Röser, die heute Anfang 60 ist, studierte Elektrotechnik und spezialisierte sich auf dem Gebiet der Medizintechnik. Als sie und ihr Mann, der normal hört, heirateten und Kinder bekamen, war ihre Hörbehinderung zu Beginn noch unproblematisch. «Wie alle anderen Mütter habe ich die Mimik der Kindergesichter interpretiert. Und als meine Kinder klein waren, bauten sie sich vor mir auf und sagten klar und deutlich, was sie wollten.» Schwierig wurde es, als die Kinder in die Pubertät kamen. In diesem Alter wollten sie nicht immer auf die Nachfrage der Mutter antworten. Für Röser ist es wichtig, dass ihre Gesprächspartner sie beim Reden direkt ansehen, sonst kann sie dem Inhalt nicht folgen. Durch ihre zwei Hörgeräte wird zwar ein Teil des Gesprächs übertragen. Um alles verstehen zu können, müsse sie aber die Lippen der Gesprächspartner sehen können, sagt sie.

«Das Thema Hörgerät ist heikler für die Betroffenen als eine Brille», so Röser. Denn auch ältere Menschen würden sich nicht gerne eingestehen, dass sie eine Hörhilfe brauchen. Dabei sei es enorm wichtig, sich möglichst früh die richtige Unterstützung zu besorgen, so Röser. «Wenn man zu lange wartet, sind die Hörverluste schon zu gross und die Anpassung von Hörgeräten gestaltet sich komplexer und ist oft weniger erfolgreich.»

Die Hörbäume sind eine gute Möglichkeit, das eigene Gehör zu prüfen, sagt Röser. Für weitere Tests und Informationen sind auf den Tafeln Kontaktangaben der kantonalen und nationalen Pro Audito Niederlassungen angegeben. Hörbäume werden zukünftig vor allem auf dem Stadtgebiet Zürichs zu sehen sein. Doch auch Dietikon bekommt beim Tierschutzverein Limmattal am Fischerweg seinen eigenen Hörbaum. Ab Mai wird dort eine Tafel die Spaziergänger dazu einladen, den Vögeln beim Zwitschern zuzuhören.

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