Es ist traurig aber wahr: Wahrscheinlich wird in 100 Jahren niemand mehr über unsere Geschichte sprechen. Normale Leute fallen irgendwann der Vergessenheit anheim. Vielleicht liesse sich unser Lebensweg anhand digitaler Spuren nachzeichnen. Doch wird im Normalfall kaum ein Historiker dafür die Musse haben.

Und trotzdem lag da am Sonntag ein riesiges Buch auf der Bühne, ein Buch voll mit gewöhnlichen Geschichten. Es erinnerte ganz an jenes, von dem es heisst, dass es einmal in einer anderen Welt aufgeschlagen werden soll. Stefan Baier und Heidi Christen, die Leiter der Theateria Dietikon, schlugen es bereits in dieser Welt auf und erzählten in der «Theateria DuOhhh» im Dietiker Stadtkeller vom Lieben und Leiden eines durchschnittlichen Paares. Die Premiere ihres neuen Programms «Morgenrot und Abendbrot» war berauschend.

Mit Verliebtheit fängt es an, mit einer Zufallsbegegnung, liest Heidi Christen staunend vor. Sie wollten sich das gleiche Buch zum gleichen Zeitpunkt holen und sind so in einer Bibliothek aufeinandergestossen – auf allerangenehmste Weise. Beim Vorlesen hat sich Christen eine Brille aufgesetzt. Gleich nimmt sie sie ab und taucht zusammen mit Stefan Baier ein in das Leben dieses Paares: Clara und Jost.

Scheu und verklemmt sind die Verliebten – dabei überschwänglich bewegt von ihren Gefühlen. Nur konsequent geraten die Schauspieler so ins Tanzen, drücken all diese innere Bewegung auch äusserlich aus. Vor- und zurück gleiten sie, machen Schwimmbewegungen, scheinen sich wie Fische in einem anderen Element zu schlängeln. Man ist verblüfft ob dieser Schauspielkunst, die nicht selten akrobatisch wird.

Leider gesellt sich zur Liebe oft der Tod. Das muss kurz darauf auch Jost feststellen und singt von seinem besten Freund, der grausam hinweggerafft wurde. In Melancholie und Trauer versunken, geht ihm auf, dass er die Welt nicht kinderlos verlassen will. Zum Wunschbaby soll ihm dabei die «Crispr-Schere» verhelfen, eine neue Technologie zum Eingriff in das Erbgut. Zeitkritische Seitenhiebe verkneifen sich die Schauspieler nicht.

Wie jedes normale Paar ist auch dieses vor allem eines: mit Arbeit zugedeckt. Der Posteingang ist vollgestopft mit E-Mails, Tag für Tag scheint die Informationsflut über ihren Köpfen zusammenzuschlagen. Völlig übermüdet strampeln sie sich dennoch ab im Hamsterrad. Ihre Büez beklagen sie in einem mit Gitarre und Akkordeon vorgetragenen Song. Unterstützt werden die beiden bei den Liedern, die im Übrigen hervorragend getextet sind, von Andreas Willhelm am Bass.

«Etwas vom Besten»

Das Leben ist chaotisch: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Das mag sich auch in den zahlreichen Themen äussern, die in rascher Abfolge auf der Bühne behandelt werden. Bisweilen hätte man sich gewünscht, dass die Übergänge etwas gemächlicher angegangen worden wären – man ist fast überwältigt von dieser Geschwindigkeit.

Trotzdem ist man gebannt und begeistert von der zur Schau getragenen Kreativität. Es zeigt sich: Auch ein gewöhnliches Leben kann aufregend sein. Und überzeugt sogar als Schauspiel auf der Bühne.

Das Publikum war von der Premiere sehr angetan. «Es ist etwas vom Besten, das ich von ihnen gesehen habe», meinte etwa Heidi Brunner aus Dietikon, «alles wirkte echt und ehrlich.» Michaela Tobler aus Bad Zurzach freute sich vor allem an der «Vielfalt und Leichtigkeit. Es hat mich beeindruckt, wie mühelos und tänzerisch sich die beiden auf der Bühne bewegten.»

Weitere Aufführungen von «Morgenrot und Abendbrot» in der Theateria: 15. 12. um 20 Uhr, 21. 12. um 20 Uhr, 23. 12. um 11 Uhr, 12. 1. um 20 Uhr und 13. 1. um 11 Uhr .