Postulat
«Prekäre Fälle sind in Dietikon häufiger als andernorts»: Parlamentarier Beat Hess will Schulsozialarbeit stärken

Immer mehr Schüler und eine anspruchsvolle Schülerschaft auf der einen Seite, eine zu knappe Versorgung bei der sozialen Betreuung auf der anderen. Das passt nicht zusammen, ist Gemeinderat Beat Hess überzeugt

Gabriele Heigl
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«Die Zusammensetzung der Schülerschaft ist sehr heterogen. Prekäre Fälle, welche mehr Ressourcen benötigen, sind in Dietikon häufiger als andernorts», sagt Beat Hess. (Symbolbild)

«Die Zusammensetzung der Schülerschaft ist sehr heterogen. Prekäre Fälle, welche mehr Ressourcen benötigen, sind in Dietikon häufiger als andernorts», sagt Beat Hess. (Symbolbild)

AZ

290 Stellenprozente reichen nicht. Dessen ist sich Beat Hess, Parlamentarier der Grünen, sicher. Neun handfeste Gründe nennt er in einem Postulat, die dafür sprechen, warum die Schulsozialarbeit (SSA) in Dietikon um mindestens 130 Stellenprozente aufgestockt werden muss. Hess kann mit harten Fakten aufwarten.

In der Region Süd mit den Bezirken Dietikon, Affoltern und Horgen weist Dietikon die schlechteste Versorgung mit SSA aus und das, obwohl die Schülerzahlen ständig steigen; im März 2015 gingen über 2700 Schülerinnen und Schüler in Dietikon zur Schule. Der Schulsozialarbeiterverband empfehle maximal 400 Schüler auf 100 Stellenprozente, damit umfassende Prävention möglich wird, so Hess im Postulat, für das er zwölf Mitstreiter von den Grünen, der SP, der CVP und der AL gefunden hat. In Dietikon liegt die Zahl aber bei mehr als dem Doppelten: Um 940 Schüler muss sich hier eine Vollzeitkraft kümmern. Auch wenn der Kindergarten nicht mitgezählt wird, der in Dietikon derzeit vom Schulsozial-Angebot ausgenommen ist, sind es noch 744 Schüler.

 Beat Hess, Grüner Gemeinderat in Dietikon

Beat Hess, Grüner Gemeinderat in Dietikon

Zur Verfügung gestellt

Schlieren steht viel besser da

«Zum Vergleich: Im gesamten Kanton Zürich sind es aktuell 650 Schüler auf 100 Prozent, in der Region Süd 632 auf 100 Prozent. In Urdorf sind es zum Beispiel 714, in Oberengstringen 746, in Horgen 716, in Adliswil 648 und in Schlieren gar nur 456, den Kindergarten aber jeweils mitgerechnet. Und in Schwamendingen sind es 600 Schüler. Das sind also 194 bis 484 Schüler weniger auf 100 Prozent als in Dietikon», so Hess.

Damit die Schülersozialarbeit in Dietikon zumindest den kantonalen Durchschnitt von 650 Schülern (Kindergarten bis Sekundarstufe) auf 100 Stellenprozente erreicht, wäre eine Erhöhung um rund 130 auf insgesamt 420 Stellenprozente nötig, zieht Hess sein Fazit.

Hier gehts zum Kommentar der Redaktorin:

Zu berücksichtigen sei dabei aber auch die Art der Schülerschaft. «Ihre Zusammensetzung ist sehr heterogen. Prekäre Fälle, welche mehr Ressourcen benötigen, sind in Dietikon häufiger als andernorts.» Die Ausländerquote betrage 47 Prozent, die höchste im Kanton vor Schlieren mit 46 Prozent. Beim Sozialindex für Schulgemeinden liege Dietikon bei 14 Prozent (Platz 3 hinter Schwamendingen und Zürich Limmattal).

Die Lehrpersonen müssten ausserdem auch immer mehr erzieherische Aufgaben übernehmen, für die sie ungenügend ausgebildet und somit auf fachliche Unterstützung angewiesen sind, so Hess. Auch die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen bleibe auf der Strecke. Hess weiss, wovon er spricht. Er unterrichte in der Schuleinheit Zentral die Oberstufenklassen.

Der holprige Weg der Schulsozialarbeit

Die Schulsozialarbeit (SSA) hat in Dietikon eine wechselvolle Geschichte hinter sich. 2002 wurde sie weitsichtig im Sinne eines Pilotprojekts mit 100 Stellenprozenten für zwei Jahre erstmals in den Schulhäusern Zentral und Luberzen eingeführt. Nach diversen Verlängerungen und Aufstockungen der Stellenprozente um 100 Prozent wollte die Schulpflege die definitive Einführung des Angebots sowie eine weitere Aufstockung auf 380 Stellenprozente. Bewilligt wurden vom Parlament schliesslich nur 290 Prozente bei wiederkehrenden Kosten in Höhe von 412 000 Franken. Aufgrund des obligatorischen Referendums kam das Geschäft vors Stimmvolk, das 2009 überraschend Nein sagte. Dietikon wurde zur einzigen Gemeinde im Bezirk ohne Schulsozialarbeit.

2012 schliesslich wurden die Gemeinden aber gesetzlich verpflichtet, SSA anzubieten. Das Parlament stimmte dem damaligen Antrag der Schulpflege nach Wiedereinführung mit 290 Stellenprozenten einstimmig zu. Keine Chance hatte hingegen der Antrag von Ernst Joss (AL), der nur von der SP unterstützt wurde. Joss plädierte für 350 Stellenprozente, die jährlich statt 429 000 Franken 508 000 Franken gekostet hätten. Seine Begründung: Die Prävention komme sonst zu kurz. Sein Antrag wurde schliesslich mit 24 zu 8 Stimmen abgelehnt. (GAH)

Kindergärtler gehören dazu

Hess moniert auch noch zwei andere Punkte. Aktuell dürfen sich die Schulsozialarbeiter nicht für die Prävention, die Gesundheitsförderung und eine positive Schulhauskultur engagieren, wofür sie aber auch ausgebildet sind. Den Lehrpersonen werde dadurch viel Know-how vorenthalten. Sinnvolle SSA umfasse Früherkennung, Prävention und Beratung. Im Idealfall griffen diese drei Felder ineinander. In Dietikon sei praktisch aber nur die Beratung im Auftrag enthalten; für mehr würden auch die zeitlichen Ressourcen nicht ausreichen. So müsse die SSA immer nur «als Feuerwehr agieren» und könne nicht vorbeugend tätig werden.

Für einen Irrweg hält es Hess auch, die Kindergartenkinder auszuklammern. «Es macht Sinn, am Anfang der Schullaufbahn Probleme zu erkennen und ihnen entgegenwirken zu können», heisst es im Postulat. Die Eltern seien zu dieser Zeit noch am ehesten bereit, Anregungen anzunehmen und umzusetzen. Zudem fühlten sich die Kindergärtnerinnen einmal mehr nicht unterstützt und für gleichwertig genommen in ihrer äusserst anspruchsvollen Arbeit. Also sollen auch Konzept und Pflichtenhefte der SSA angepasst werden.