Dachverband der Gemeinnützigen Frauen
Präsidentin Béatrice Bürgin: «Wir würden auch Männer aufnehmen»

Béatrice Bürgin, die Präsidentin des Dachverbands der Gemeinnützigen Frauen, sieht die Zukunft ihres Verbandes auch in Männerhand.

Alex Rudolf
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Beatrice Bürgin, Präsidentin des Dachverbands der Gemeinnützigen Frauen.

Beatrice Bürgin, Präsidentin des Dachverbands der Gemeinnützigen Frauen.

Alex Rudolf

Frau Bürgin, seit einem Jahr präsidieren Sie den Dachverband der Schweizerischen Gemeinnützigen Frauen (SGF) mit eindrücklichen 42 000 Mitgliedern. Was sind die Haupttätigkeiten der angeschlossenen Frauenvereine wie jenem in Schlieren?

Béatrice Bürgin: Es ist die Freiwilligenarbeit. Ohne diese wäre der Staat komplett überfordert. Erst diese Woche war ich an einer Generalversammlung einer Sektion in der Ostschweiz, wo die Mitglieder ein Kaffee im Alterszentrum führen, das 365 Tage im Jahr geöffnet ist. Müssten die Arbeitsstunden dafür entlöhnt werden, wäre dieser Treff undenkbar.

Dabei wurden viele Aufgaben, welchen sich der SGF bei seiner Gründung 1888 annahm, wie etwa Wohltätigkeit und Bildung, mit der Zeit verstaatlicht.

Das stimmt. Bald müssen wir unser letztes Berufsbildungszentrum im aargauischen Niederlenz schliessen. Dort werden etwa Floristinnen und Bekleidungsgestalterinnen ausgebildet. Der Kanton stellt nun seine finanzielle Unterstützung ein. Inzwischen ist die Ausbildung eine staatliche Angelegenheit, und es ist ein Stück weit auch schön, dass es kein Angebot speziell für Mädchen braucht, welchen die Möglichkeit auf eine Ausbildung fehlt.

Sie bieten im SGF auch Weiterbildungskurse an. Etwa wie man einen Verein möglichst effizient führt.

Das braucht es. Einige Sektionen haben Hunderte von Mitgliedern, entsprechen bezüglich der Grösse und der wahrgenommenen Aufgaben also einem mittelgrossen Unternehmen. Doch im Unterschied zu einem Unternehmen erhalten Vereinsmitglieder keinen Lohn. Um ein solches Schiff zu führen, braucht es also viel Fingerspitzengefühl und ein grosses Fachwissen. Solche Angebote sind für manche Frauen auch ein Anreiz, denn so können sie sich weiterbilden.

Viele Vereine beklagen Mitgliederschwund. Auch Sie?

Auch wir haben in den vergangenen Jahren Mitglieder eingebüsst.

Zur Person Béatrice Bürgin

Béatrice Bürgin ist in Schlieren aufgewachsen und war während der 1980er für die SP im Gemeinderat. Ab 2006 war die heute 66-Jährige erste Geschäftsführerin der Schlieremer Stadtverwaltung. Ein Jahr später verliess sie die Verwaltung wieder, blieb jedoch als Präsidentin der SP Schlieren politisch aktiv.

Vor einem Jahr wurde sie ins Zentralpräsidium des Dachverbands der Schweizerischen Gemeinnützigen Frauen (SGF) gewählt. Dieser wurde im Jahr 1888 gegründet und umfasst 230 Sektionen, darunter auch jene in Schlieren. Rund 42 000 Frauen sind dem SGF angeschlossen.

Wie lassen sich die Frauen, die Mitglied in einem Frauenverein sind, beschreiben?

In der Regel sind es Familienfrauen oder Teilzeit-Erwerbstätige, die die Freiwilligenarbeit wahrnehmen, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Sicherlich spielt es bei Familienfrauen auch eine Rolle, dass sie auf diese Weise regelmässig aus dem Haus kommen und eine Abwechslung zum Familienleben haben.

Mehr und mehr Frauen vereinen heute Beruf und Familie, für Wohltätigkeit bleibt immer weniger Zeit. Wie sieht der SGF in 20 Jahren aus?

Ein Trend ist auch, dass junge Männer nicht mehr so karriereorientiert sind wie früher, sondern mehr Zeit für die Familie und die Gemeinschaft aufwenden möchten. Gut möglich, dass das Kaffee im Alterszentrum dereinst von Männern geführt wird.

Gibt es denn männliche Mitglieder in den Frauenvereinen?

Vereinzelt. Das ist aber wirklich sehr selten der Fall. Schätzungsweise 40 Prozent unserer angeschlossenen Vereine würden wohl Männer aufnehmen.

Was ist der Grund dafür?

Es gibt Frauen, die sagen, dieser Verein sei ihre Sache. Männer hätten hier nichts zu suchen. Das kann man so sehen. Es gibt aber auch den politischen Aspekt. So habe ich beispielsweise als Vertreterin des SGF Anspruch auf einen Sitz in der eidgenössischen Kommission für Frauenfragen. Wären die Hälfte unserer Mitglieder männlich, könnten wir dort womöglich nicht mehr mitreden.

Über weite Strecken, etwa beim Frauenstimmrecht, hielten sich viele Frauenvereine zurück. Nur zögerlich sprach sich der SGF im Vorfeld zur Abstimmung 1971 dafür aus.

Das hat sich eindeutig gewandelt. Bei einer kürzlich erhobenen Umfrage bei den Sektionen fragten wir, was sich die Mitglieder wünschen. Ganz oben auf der Liste stand, dass wir uns verstärkt für die Anliegen der Frau einsetzen sollen. Etwa die Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau bekämpfen oder der Freiwilligenarbeit zu mehr Anerkennung verhelfen.