Interview

Präsident der Spitaldirektoren: «Viele haben genug von Covid, das ist ein gefährliches Stadium»

«Das erste Covid-Todesopfer in unserem Spital hatte den gleichen Jahrgang wie ich – 1958. Das hat mich unheimlich berührt», sagt Rolf Gilgen, CEO im Spital Bülach.

«Das erste Covid-Todesopfer in unserem Spital hatte den gleichen Jahrgang wie ich – 1958. Das hat mich unheimlich berührt», sagt Rolf Gilgen, CEO im Spital Bülach.

An der Solothurner Fasnacht machte er als Schnitzelbänkler noch Witze über das Coronavirus, kurz darauf war er Leiter eines Krisenstabs für die Schweizer Spitäler. Rolf Gilgen, Spitaldirektor in Bülach und Präsident des Schweizerischen Verbands der Spitaldirektoren, wagt mit uns einen Rück- und einen Ausblick.

Können Sie sich daran erinnern, als Sie das erste Mal vom «neuartigen Coronavirus» hörten?

Rolf Gilgen: Und wie! Ich trat an der Fasnacht in Solothurn als Schnitzelbänkler auf. Wir lachten noch über «Made in China». Solche Witze machten wir. Ein paar Tage später verging uns das Lachen. Das rasante Tempo der Ausbreitung ist uns in die Knochen gefahren.

Besassen Sie damals eine Vorstellung, was auf Sie zukommt?

Die erhielt ich schnell. Eine Woche später war ich schon Leiter eines Krisenstabs, der das Spital auf den Kopf gestellt hat. Am 17. März trat das Operationsverbot in Kraft, wir haben schnell den Betrieb runtergefahren und uns aufs Schlimmste vorbereitet.

Hatten Sie Angst, dass die Kapazitäten in den Spitälern nicht reichen würden?

Einen kurzen Moment hatte ich dieses Gefühl, als ich mit einem Spitaldirektor im Tessin telefonierte. Ich sah die Bilder in der Lombardei und dachte: «Rolf, es gibt keinen Grund, warum das hier nicht auch passieren könnte.» Zum Glück führten wir kurz vorher eine Software ein, die laufend die Kapazitäten in unserem Spital berechnet, indem sie die Ansteckungszahlen und die Zahl derer, die Spitalpflege benötigen, hochrechnete. Das Resultat lautete stets: Wir kommen durch, wir haben alles im Griff.

Haben Sie zu Beginn der Krise schlecht geschlafen?

Es war eine Phase, für die man sein Leben geändert hat. Man stand mit den Gedanken an Corona auf und ging mit ihnen zu Bett. Dazwischen gab es nichts anderes. Ich habe sogar den öffentlichen Verkehr gemieden und fuhr mit dem Auto zur Arbeit. Es waren die intensivsten sieben Wochen meines Berufslebens.

Auch emotional?

Sicher, vor allem, wenn ich sah, wie schwer einige Patienten unter diesem Virus litten. Das erste Covid-Todesopfer in unserem Spital hatte den gleichen Jahrgang wie ich – 1958. Das hat mich unheimlich berührt, weil man da mit dem eigenen Leben vergleicht.

Und heute? Gibt es für Sie beruflich ein anderes Thema als Covid-19?

Covid-19 ist von der Dominanz her etwas zurückgegangen. Das hat auch mit dem aktuellen Neubauprojekt in unserem Spital für 200 Millionen Franken zu tun. Dazu kommt die kantonale Spitalliste für die Leistungsaufträge ab 2023, auf die legen wir extremen Fokus. 2020 ist ein Jahr zum Vergessen, die finanziellen Einschnitte sind gewaltig hoch. Das zwingt einen, nicht darin zu verfallen – wir müssen trotz Corona an allem anderen auch hart weiterarbeiten.

Das klingt, als ob Sie die Coronakrise schon abgehakt hätten?

Keineswegs, aber es war fast einfacher, das Spital im Krisenmodus zu führen, als den Betrieb wieder Richtung Normalität raufzufahren. Viele haben genug von Covid, das ist ein gefährliches Stadium, wenn die Anstrengungen nachlassen. Die Führung muss gegen jede Selbstgenügsamkeit arbeiten.

Die Öffentlichkeit hat schnell das Personal im Gesundheitswesen zu Helden hochstilisiert. Fühlten Sie sich als Held?

Gar nicht, aber es gab das Gefühl, eine besondere Aufgabe erledigen zu müssen. Auch Stolz spürte ich. Wir haben uns ja jahrelang auf Katastrophenkonzepte vorbereitet, und plötzlich galt es ernst. Beim ganzen Personal war eine professionelle Auffassung zu spüren. Das war die intensivste Zeit in meinen 21 Jahren im Spitalwesen. Es entstand ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl, Hierarchien wurden aufgebrochen. Gewisse Sachen wurden in einem Tag umgesetzt, wofür man sonst Wochen braucht. Es herrschte ein unheimlicher Teamgeist in einer verschworenen Gruppe. Privat machte ich hingegen die Erfahrung, dass man vermeiden musste, zu zeigen, in einem Spital zu arbeiten, weil es in der Gesellschaft offensichtlich Berührungsängste gab.

Sie sind auch Präsident des Schweizerischen Verbands der Spitaldirektorinnen und Spitaldirektoren und Vorstandsmitglied der Europäischen Vereinigung der Krankenhausmanager. Können Sie vergleichen, ob die Schweiz diese Krise bisher gut gemeistert hat?

Ja, zumindest von den Zahlen her ist es uns schnell gelungen, die Krise einzudämmen. Wenn man die Kurve ansieht, hat es die Schweiz gut gemacht.

Hätte man hier etwas besser machen können?

Im Nachhinein kann man es immer besser machen. Ich glaube, der Bundesrat und das BAG haben ihre Sache gut gemacht. Mulmig wurde es mir, als sich das Parlament einzumischen begann.

Das sagen Sie als Liberaler?

In Krisensituationen muss man anders führen, um eine Lage in den Griff zu bekommen.

Wer sollte den Takt in einer Pandemie vorgeben: die Medizin oder die Politik?

Es braucht beides. Die aktuelle Krise ist so anspruchsvoll, weil zwischen gesundheitlichen und ökonomischen Interessen abgewogen werden muss. Wenn eine Seite allein entscheidet, kommt es nicht gut. Bundesrat Berset hat es pragmatisch und gut gemacht, die Experten der Taskforces sind nicht immer mit allen ihren Forderungen durchgedrungen. Wenn wir zum Beispiel nur auf Medizin-Experten hören würden, hätten wir vielleicht heute noch ein totales Besuchsverbot in den Spitälern, was neue Probleme schaffen würde. Es braucht die Fähigkeit, mit Risiken zu arbeiten und ein Gefühl zu entwickeln, wann Korrekturen nötig sind.

Welche Zahlen bereiten Ihnen mehr Sorgen: die finanziellen oder die täglichen Ansteckungszahlen mit Covid-19?

Beide Zahlen sind wichtig. Die Ansteckungszahlen habe ich aber weniger im Griff als die Finanzen.

Sind Sie enttäuscht, wie es heute mit wieder deutlich steigenden Ansteckungsfällen läuft?

Das überrascht mich nicht. Wichtig ist, jetzt nicht die Nerven zu verlieren und von einem Extrem ins andere zu fallen, wie das bei der Forderung nach Tests für alle am Flughafen Einreisende der Fall ist.

Was würden Sie machen?

Ich hätte nichts dagegen, wenn man in Läden Masken tragen müsste. Das könnte helfen.

Beurteilen Sie die Menschen, wie sie sich in der Coronakrise verhalten?

Natürlich habe ich einen Blick entwickelt fürs öffentliche Leben. Am Bahnhof, im Bus – ich schrecke gleich auf, wenn jemand hustet oder wenn jemand die Maske unter die Nase zieht. Mir fallen das zu enge Beisammensein der Jungen, Umarmungen und «give me five» auf.

Schreiten Sie ein, wenn Abstands- und Hygieneregeln missachtet werden?

Nein, ich will nicht denunzieren. Ich habe eine gewisse Hemmung, Leute in der Öffentlichkeit zurechtzuweisen. Aber im Spital spreche ich die Person natürlich an, wenn sie hustet. Eine schickte ich zum Arzt – und prompt war der Test positiv.

Sind Sie heute gelassener?

Ja, bin ich. Wir wissen, was zu machen ist. Innert 72 Stunden könnten wir den Betrieb wieder ganz auf Covid umstellen. Ich bin überzeugt, dass die Schweiz in der Lage ist, diese Krise gut zu bewältigen. Heute habe ich kein mulmiges Gefühl mehr. Und ich weiss, wie sehr sich alle steigern können bei ihrer Leistung. Wir sind auch gut organisiert in der Schweiz. Die dezentrale Anordnung der Gesundheitsinstitutionen bewährt sich.

Was werden Sie machen, wenn es heisst, «Covid-19 ist besiegt»?

Ich werde in Jubel ausbrechen und an einen Fussballmatch meines FCZ gehen, eine Bratwurst am Stand holen – hoffentlich mit Anstehen. Ich wäre auch schon erleichtert, wenn es eine Impfung gäbe. Solange es diese nicht gibt, schwebt ein Damoklesschwert über uns.

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