Urdorf

Portraits wie ein Blick durchs Kaleidoskop: Urdorfer Künstlerin stellte Werke im Zürcher HB aus

An der «Swiss Art Expo» im Zürcher Hauptbahnhof wurden die Bilder der Urdorferin erstmals an einer grösseren Schweizer Ausstellung gezeigt. Bild: Severin Bigler

An der «Swiss Art Expo» im Zürcher Hauptbahnhof wurden die Bilder der Urdorferin erstmals an einer grösseren Schweizer Ausstellung gezeigt. Bild: Severin Bigler

Mit bunten, expressiven Portraitbildern und dem Thematisieren der menschlichen Psyche mischt die Urdorferin Charmaine McMahon die Schweizer Kunstszene auf.

«Das Leben ist wie ein Kaleidoskop», sagt Charmaine McMahon. «Wenn mir jemand von sich erzählt, kommen mir automatisch Farben in den Sinn.» Vielfarbig und facettenreich sind auch die Bilder der Urdorfer Künstlerin. Ein Blick genügt und man fühlt sich ganz nah dran: am Gemalten, aber auch am Gemüt der Malerin.
Charmaine McMahon, die irische Wurzeln hat, zog vor 40 Jahren mit ihrer Familie ins Limmattal. Zunächst nach Dietikon und dann über Geroldswil nach Urdorf. Geboren wurde sie 1965 im südafrikanischen Durban, einem Küstenort mit langen Sandstränden. Südafrika sei ein sehr schönes Land, dem sie sich verbunden fühle, sagt McMahon. «Heute bin ich aber wohl mehr Schweizerin als Südafrikanerin.» Beim Besuch sucht sie während des Gesprächs immer wieder den Blick ihres Gegenübers. Sie hat ein helles Lachen und ein Faible fürs lebhafte Erzählen.
McMahon studierte Fine Arts und Design in Südafrika und besuchte zahlreiche Weiterbildungen. Sie arbeitete als Illustratorin für verschiedene Zeitschriften und als Grafikerin für eine Firma, die Verpackungen verkaufte. Bis vor zwei Jahren war sie zu 100 Prozent für die Geschäftsleitung eines Versicherungsunternehmens in Zürich tätig. Als ihre Abteilung geschlossen wurde, fällte sie eine Entscheidung: Sie wird Vollzeit-Künstlerin und bahnt sich den Weg zurück zu ihren Anfängen. «Jetzt bin ich Ich», sagt sie, «endlich mache ich das, was mir Freude bereitet.»


«Ich kann Menschen gut lesen»


McMahon hat eine Nische für sich gefunden, im Schnittbereich von Fotorealismus, Moderne und zeitgenössischer Kunst sowie Konzeptkunst. In ihren expressiven Porträtbildern widmet sie sich den Nuancen eines Ausdrucks. «Gerade an den
Augen einer Person erkennt man, was sie bewegt.» Intensiv, fokussiert, nachdenklich, aber
nie unergründlich blicken die gemalten Augen einen an. McMahons Schaffen ist stark beeinflusst von ihrem Interesse an der menschlichen Psyche. Die Arbeit an einem Bild beschreibt sie als «tiefe Auseinandersetzung mit der porträtierten Person». Ein abermaliges Dekonstruieren und Zusammensetzen, wie beim Kaleidoskop. Mittlerweile hat McMahon den Dreh raus: «Ich kann Menschen gut lesen», sagt sie. Und manchmal lese sie mehr, als ihr lieb sei.
An der «Swiss Art Expo», einer fünftägigen Kunstausstellung in der Haupthalle des Zürcher HB, stellte McMahon im August
vier Porträtbilder aus. Es war ihre erste grosse Ausstellung in der Schweiz. Zur Anmeldung ermuntert wurde sie durch Kolleginnen bei der Zürcher Künstlervereinigung. «Total happy» sei sie gewesen, als sie erfuhr, dass sie dabei war. Sie habe rundum positive Rückmeldungen und zwei Aufträge erhalten; und sogar ein Bild verkauft. Das Porträt «Dreamer» nahm sie wieder mit nach Hause; es wanderte von der Stellwand im HB zurück an seinen Platz über ihrem Sofa.
Bis sie ein Atelier in der Nähe gefunden hat – «mir reicht ein Raum mit Tageslicht, fliessendem Wasser und einem WC» –, muss ihr Wohnzimmer als solches hinhalten. Dicht am Fenster hat sie eine Staffelei aufgestellt. Ihre Pinsel sind säuberlich auf dem Sims aufgereiht, die grössten kaum so breit wie ein Daumen. McMahon bestätigt, sie arbeite gern präzise. «Ich bin eine Perfektionistin.» Für das Bild, das gerade im Entstehen ist, liess sie sich von einem Porträtfoto aus ihrer Jugend inspirieren. Etwas naiv sei sie damals gewesen, daher die Wahl sanfter Pastelltöne, die sie erst mit Acryl und in einem zweiten Schritt mit kräftigen Ölfarben auftragen wird.

Besonders eindrücklich bei McMahons Werken sind unter anderem die von ihr angewendeten Texturen und Farbpaletten. Bild: Severin Bigler

Besonders eindrücklich bei McMahons Werken sind unter anderem die von ihr angewendeten Texturen und Farbpaletten. Bild: Severin Bigler


Bei der Arbeit wie in Trance versunken


Über einen Monat lang widmet McMahon sich in der Regel einem Bild und arbeitet nie an mehreren gleichzeitig. An manchen Tagen beginne sie frühmorgens und merke nach stundenlangem Versunkensein in ihrer Arbeit nicht, dass es längst Abend geworden ist. «Während ich arbeite, gehe ich in mich hinein. Dann bin ich nicht hier.»
Wenn ein Motiv sie im Innersten berühre, falle ihr die Arbeit leicht. Ihre Tochter etwa, ihr Sohn oder diese eine Tänzerin, der sie in New York begegnete. Stolz und fokussiert hat McMahon sie dargestellt, ihr Gewand scheint ein Eigenleben zu führen. Die satten Gelb- und Rottöne, sich verändernd und ineinander übergehend, spiegeln die starke Persönlichkeit der Frau.
Ihre intensiven Kreationen bleiben in Erinnerung: «Meine Kunst soll Resonanz auslösen beim Betrachter, ob positiv oder negativ», sagt sie. Nach dem Besuch bei ihr bleibt der Wunsch zurück, sich und die Welt einmal durch Charmaine McMahons Augen sehen können.

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Autor

Fabienne Eisenring

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