Der Egelsee oberhalb von Bergdietikon ist ein sagenumwobenes Gewässer. Eine versunkene Burgruine soll sich auf seinem Grund befinden. Auf diese Geschichte soll auch sein Name zurückgehen. Wegen des blutrünstigen Hausherrn der Burg soll es im See von Blutegeln wimmeln.

Wer den steilen Weg von Spreitenbach hinauf Richtung Heitersberg unter die Füsse nimmt, trifft beim Egelsee aber auch auf ganz reale Geschichte. Eine unscheinbare Steinplatte erinnert wenige Meter oberhalb des Gewässers an ein besonderes Kapitel des Zweiten Weltkrieges – jenes der in der Schweiz internierten polnischen Soldaten.

Zwischen November 1940 und März 1941 haben Soldaten der 3. Maschinengewehr-Kompanie des 6. Infanterieregiments der 2. Polnischen Division den Weg zum Egelsee gebaut. Seither heisst er Polenweg. Ein Name, der sich in der Schweiz noch häufiger findet, in der Region beispielsweise auch bei der Bahnstation in Ringlikon.

Es handelt sich dabei meist um Wald- oder Feldwege, aber auch um Strassen. Ihnen allen gemein ist, dass sie während des Zweiten Weltkrieges von internierten Soldaten der 2. polnischen Schützendivision angelegt oder ausgebaut wurden. Die polnischen Armeeangehörigen leisteten vorwiegend gruppenweise Arbeitseinsätze für die Landesverteidigung, den Strassen- und Brückenbau sowie in der Landwirtschaft. Nach Schätzungen wurden schweizweit insgesamt 450 Kilometer Wege, Brücken und Kanäle gebaut.

Bei den beiden Wegen in Spreitenbach und Ringlikon handelt es sich um Teile der sogenannten Limmatstellung. Diese war Teil einer Verteidigungslinie, die sich von Basel bis nach Sargans durchs Mittelland schlängelte. Bis sich die Armee Mitte 1940 ins Réduit, die Alpenfestung, zurückzog, war sie ein bedeutendes Puzzleteil der Schweizer Landesverteidigung.

«Kontakte gab es trotz Verboten»

Den Weg in die Schweiz fanden die über 12 000 Soldaten im Juni 1940. Ursprünglich wurde die 2. polnische Infanterieschützen-Division während des deutschen Westfeldzugs Anfang Juni 1940 zur Unterstützung der 8. französischen Armee in die Region Belfort geschickt. Als sie vom Nachschub abgeschnitten wurde, überschritt sie unter dem Kommando von Bronislaw Prugar-Ketling am 19. und 20. Juni mit über 12 000 Mann die Schweizer Grenze südlich der Ajoie, um der Gefangennahme zu entgehen. Für die Schweizer Armeeführung stellte sich damit ein Problem. Wo sollten die polnischen Soldaten untergebracht werden? Ein erster Versuch, den grössten Teil der Polen im für sie errichteten Lager in Büren an der Aare unterzubringen, scheiterte. Später wurden sie in Lager im ganzen Land verteilt.

Auch im Limmattal gab es solche Barackenlager, wie ein kurzer Abschnitt in der Chronik «Urdorf in der Geschichte» verdeutlicht. «Wie vielerorts standen in Urdorf Baracken, in denen polnische, am Ende des Krieges für kurze Zeit auch russische Soldaten lebten. Im Pfarrhaus fanden sie ebenfalls Unterkunft», heisst es dort. 1941 sei noch kein Arbeitseinsatz für Internierte in der Landwirtschaft geplant gewesen, dafür habe eine Gruppe Männer den Scheibenwall beim Schützenstand verschoben. «Für ihre Arbeit erhielten sie 100 Franken in die Gemeinschaftskasse», heisst es weiter.

Auch über die freie Zeit der internierten Soldaten gibt die Chronik Auskunft: «Die polnischen jungen Männer waren auf Tanzanlässen anzutreffen. Kontakte mit der Bevölkerung, besonders mit jungen Frauen, gab es trotz Verboten. Einige Mädchen folgten den Polen in ihre Heimat, andere erzogen ihr Kind alleine.»

Wie aus dem Historischen Lexikon der Schweiz hervorgeht, war das Leben in den Internierungslagern wesentlich abwechslungsreicher, als man sich dies vorstellt. So wurden für jene Internierten, die ein Studium angefangen hatten oder ergreifen wollten, ein Gymnasiallager in Wetzikon sowie Hochschullager in Freiburg, Winterthur und Herisau organisiert, in denen Dozenten der benachbarten Universitäten unterrichteten. Gleichzeitig wurden aber auch handwerkliche und andere Ausbildungen angeboten. Von diesen Möglichkeiten machten offenbar viele Internierte Gebrauch. Gemäss der Homepage des Polenmuseums in Rapperswil erwarben bis zum Kriegsende internierte Soldaten 445 Diplome über einen Hochschulabschluss an den Universitäten Freiburg und Zürich wie auch an der Höheren Wirtschaftsschule von St. Gallen und am Technikum Winterthur.

Nur 500 Polen blieben

Die Internierung endete offiziell am 15. Dezember 1945. Laut dem Polenmuseum kehrte ein Teil von ihnen mit ihrem Oberbefehlshaber nach Polen zurück. Die Mehrheit wollte aber nicht mehr in die von der damaligen Sowjetunion kontrollierte Heimat zurück. Sie wählten die Emigration, bevorzugte Länder waren dabei England, Frankreich, Australien und Amerika. Schätzungsweise 500 Polen gelang es zudem, sich in der Schweiz niederzulassen und später das Bürgerrecht zu erhalten.